Artikel teilen

Berlins verlorene Mitte

Einst schlug hier das Herz der Stadt. Davon ist kaum noch etwas spürbar.
Eine Zeitreise zum 100. Geburtstag von Groß-Berlin.
Einst schlug hier das Herz der Stadt. Davon ist kaum noch etwas spürbar. Eine Zeitreise.

Dass Berlin einmal eine Altstadt hatte, kann man sich heute kaum vorstellen. Von einst mehr als 1200 Gebäuden im historischen Kern der Doppelstadt Berlin-Cölln sind bis auf 85 alle weg. Abgerissen, zerbombt, geschleift. Und mit ihnen die meisten Straßen, Gassen und Plätze – die Orte, an denen sich über Jahrhunderte das Leben der Berlinerinnen und Berliner abspielte.

Bisher findet eine offene Debatte über die Berliner Altstadt in der Politik kaum statt – auch deshalb, weil das Thema ideologisch belastet ist. Dabei eignet sich kein Ort weniger für eine Vereinnahmung von irgendeiner Seite. Proletarisch, bürgerlich, adelig, intellektuell, multikulturell und multireligrös – die Altstadt war all das und mehr.

Dass der Verlust so selten bedauert wird, liegt auch daran, dass Berlins Mitte nie so prunkvoll war wie andere Altstädte. Berlin war nie Prag oder Paris. Der Aufstieg zur Weltstadt geschah erst mit der Industrialisierung. Es gab davor kein „Goldenes Zeitalter“, in dem besonders bedeutende Bauten entstanden – vom Schloss einmal abgesehen. Noch 1920 bestand das Zentrum aus einem engen Straßengewirr, das im Grunde seit dem Mittelalter unverändert war.

Anlässlich des hundertsten Geburtstages von Groß-Berlin begeben wir uns auf die Spur der verlorenen Mitte. Wir wollen an einigen Orten zeigen, wie Berlin kurz vor seiner Zerstörung durch Verkehrsplanungen und den Zweiten Weltkrieg aussah. Hier finden Sie die ersten zwei Teile. In den nächsten Wochen kommen weitere hinzu.

I – Adel & Bürgertum

Berlin und das Königshaus, das war stets eine ambivalente Beziehung. Der Adel war schon seit dem frühen Mittelalter in der Stadt. Doch mit der Entscheidung der Hohenzollern, ihre ständige Residenz zentral auf die Cöllner Spreeinsel zu setzen, brachten sie das Bürgertum gegen sich auf. Berlin und Cölln wollten ihre Autonomie bewahren und begehrten gegen die „Zwingburg“ auf. Sie unterlagen. Die Hohenzollern bezogen 1451 nicht nur ihre Burg, sondern teilten die frisch fusionierte Doppelstadt zur Strafe wieder – und beraubten sie fast aller städtischer Privilegien. Diese Niederlage wirkt bis heute nach. Berlin hat im Vergleich mit anderen Städten noch heute ein vergleichsweise wenig ausgeprägtes bürgerliches Selbstbewusstsein.

Ab der Barockzeit zwangen die Hohenzollern den märkischen Adel in die Stadt. Mit der Nähe zum Hof wollten die Könige die Kontrolle sicherstellen. Also bauten nach den alten Patrizier- und Bürgerfamilien auch die Adelsgeschlechter teure Stadtpalais zum Schmuck der Residenz. Im Sommer weilte der Adel weiter meist auf seinen Landsitzen. Doch im Winter spielte sich das gesellschaftliche Leben um den Hof in Cölln ab. Man veranstaltete in den Palais große Bälle, um die Kinder zu verheiraten oder Geschäfte anzubahnen. Die Berliner Palais präsentierten sich nach außen eher zurückhaltend-schlicht. Ihre Pracht kehrten sie nach innen. Von den 36 Stadtpalästen aus der Zeit von 1680 bis 1780 sind nur noch fünf erhalten: Podewils, Schwerin, Glasenapp, Schönebeck und Happe.

II – Prunk & Plätze

Die Stadtplätze muteten mit Ausnahme des Schlossplatzes eher kleinbürgerlich-provinziell als pompös und weltstädtisch an. Der Molkenmarkt und der Neue Markt wurden erst nach der Aufgabe der Wochenmärkte Ende des 19. Jahrhunderts mit recht bescheidenen Mitteln zu „Schmuckplätzen“ umgestaltet. Dabei behandelten die Preußen-Könige die Altstadt vergleichsweise stiefmütterlich. Dennoch versprühten auch im alten Berlin viele Ecken ihren ganz eigenen Glanz. Das gilt besonders für die Königstraße, das Schmuckstück der Berliner Altstadt.

Nun, wo der Nachbau des Schlosses als Humboldt-Forum bald eröffnet wird, ist die Zeit gekommen, wieder ohne Scheuklappen über Gegenwart und Zukunft dieses historisch bedeutsamsten Orts der deutschen Hauptstadt zu reden. So schmerzhaft die Beschäftigung mit diesem Areal auch sein mag, an dem sich mehrere Regime abgearbeitet und dabei fast nichts übriggelassen haben.

Dazu muss man zunächst darüber reden, was die alte Mitte Berlins eigentlich genau war. Viele Berlinerinnen und Berliner registrieren diesen Raum heute vor allem als eine Art Verkehrshindernis, durch das man möglichst schnell hindurchfahren sollte. Sie wissen vielleicht nicht, dass hier überall Berlin in seiner ursprünglichen Form durchscheint. Hier nahm die Entwicklung zu der Metropole, die wir heute kennen, vor fast 800 Jahren ihren Anfang.

Eine interaktive Karte des verlorenen Berlins

Einen weiteren Überblick über wichtige Orte der Berliner Altstadt bietet die folgende interaktive Karte. Darin finden Sie eine Vielzahl spannender Orte und kleiner Geschichten, die inzwischen zum größten Teil verschwunden oder vergessen sind. Sie können Karten aus unterschiedlichen Zeitschichten auswählen – und so zum Beispiel sehen, dass Theodor Fontane einst dort wohnte, wo heute Marx und Engels stehen.

Klicken Sie auf einzelne Orte für die Geschichten zu den Gebäuden und Plätzen!

Team

Michael Gegg
Webentwicklung
Christian Hönicke
Text & Recherche
Hendrik Lehmann
Koordination
David Meidinger
Webentwicklung
Veröffentlicht am 10. März 2020.
Zuletzt aktualisiert am 12. März 2020.