Wer kann hier wen (nicht) leiden? Das große Sympathie-Ranking der Bundesländer
Seit 35 Jahren feiern wir die deutsche Einheit – aber wie einig sind wir uns wirklich? Forscher der Freien Universität Berlin haben Menschen eine einfache wie heikle Frage gestellt: „Wie sympathisch sind Ihnen Menschen aus den anderen Bundesländern?“ Die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage haben sie dem Tagesspiegel exklusiv zur Verfügung gestellt.
Die Ergebnisse überraschen: Menschen in einem norddeutschen Stadtstaat sind die beliebtesten, Leute aus einem anderen landen abgeschlagen auf dem letzten Platz. Manche Bundesländer polarisieren, zu anderen haben nur wenige eine Meinung. Unsere Datenanalyse zeigt erstmals, wo die innerdeutschen Sympathie-Grenzen verlaufen. Testen Sie selbst, wer wen mag – und wen nicht!
Es ist offiziell: Die Berliner sind die unbeliebtesten Bürger Deutschlands. Dahinter steckt mehr als Großstadt-Abneigung, denn die zweitgrößte Stadt Hamburg führt das Ranking an. Die Umfrage bestätigt, was Berliner wie Hamburger längst wissen: Zwischen Elbe und Spree liegen Welten… und 14 Bundesländer.
| Bundesland | Bewertung durch andere | ||
|---|---|---|---|
| 1 | Hamburg | ||
| 2 | Schleswig-Holstein | ||
| 3 | Baden-Württemberg | ||
| 4 | Niedersachsen | ||
| 5 | Nordrhein-Westfalen | ||
| 6 | Mecklenburg-Vorp. | ||
| 7 | Hessen | ||
| 8 | Rheinland-Pfalz | ||
| 9 | Bremen | ||
| 10 | Bayern | ||
| 11 | Brandenburg | ||
| 12 | Saarland | ||
| 13 | Thüringen | ||
| 14 | Sachsen | ||
| 15 | Sachsen-Anhalt | ||
| 16 | Berlin |
↓ Scrollen Sie zur nächsten Grafik, um alle Sympathien interaktiv zu entdecken.
In 13 von 15 Bundesländern ist Berlin eines der fünf unbeliebtesten. Aber warum?
Achim Hildebrandt kann das leicht sagen – schließlich steht ‚sein‘ Bundesland ganz ordentlich da. Und das trotz der mindestens ebenso gewöhnungsbedürftigen Mundart. Der außerplanmäßige Professor für Politik und Demokratieforschung an der Universität Stuttgart sagt: „Berlin wird mit dem Regierungssitz identifiziert und dem Klischee des ‚failed state‘, in dem nicht einmal der Flughafen funktioniert.“ Hinzu komme „eine generelle Metropolen-Abneigung und dass Berlin in Teilen der Bevölkerung als Sündenpfuhl wahrgenommen wird.“
Baden-Württemberg und Hamburg profitieren vom Gegenteil: „Abgesehen von ein paar Schwaben-Klischees kann man sich an Baden-Württemberg wenig reiben“, sagt Hildebrandt. Das Bundesland ist praktisch das Gegenbeispiel zu Berlin: es funktioniert. Auch Hamburg sei zwar Großstadt, aber trotzdem ein „Konsens-Modell“.
Auf den hinteren Rängen sammeln sich die Ost-Bundesländer. Zumindest was Sympathien angeht, ist Deutschland 35 Jahre nach der Wiedervereinigung weiterhin geteilt. In unserer ausführlichen Analyse können Sie mehr dazu lesen.
| Bundesland | Erhaltene Punkte | ||
|---|---|---|---|
| 1 | Bremen | 9/15 | |
| 2 | Niedersachsen | 7/15 | |
| 3 | Nordrhein-Westfalen | 6/15 | |
| 4 | Baden-Württemberg | 5/15 | |
| 5 | Bayern | 5/15 | |
| 6 | Hamburg | 5/15 | |
| 7 | Schleswig-Holstein | 5/15 | |
| 8 | Brandenburg | 4/15 | |
| 9 | Rheinland-Pfalz | 4/15 | |
| 10 | Saarland | 4/15 | |
| 11 | Hessen | 2/15 | |
| 12 | Mecklenburg-Vorp. | 2/15 | |
| 13 | Thüringen | 2/15 | |
| 14 | Sachsen | 1/15 | |
| 15 | Sachsen-Anhalt | 1/15 |
„Was wir hier messen, sind Projektionen“, sagt Hildebrandt. „Man braucht ein Klischee im Kopf, um die Frage nach der Sympathie zu beantworten.“ Klischees über Berlin, Sachsen und Bayern seien nun einmal kognitiv präsent. Und diese Bilder im Kopf seien wirkmächtig.
Die gute Nachricht ist: Im Grunde finden sich alle halbwegs in Ordnung. Alle Bundesländer landen in den Augen der anderen bei eher moderaten Sympathie-Mittelwerten von –1,1 bis 2,3, obwohl die Skala von –5 bis 5 durchaus mehr Platz für Zu- oder Abneigung bietet. Aus diesen Original-Werten lassen sich die feinen Unterschiede ablesen.
Die Sympathie-Werte geben schon einen guten Einblick in das Seelenleben der Bevölkerung: Bundesländer wie Bayern, Berlin oder Sachsen lösen offenbar starke Gefühle aus, andere kaum welche. Anders formuliert: Berlin spaltet, das Saarland lässt kalt.
Welche Bundesländer werden von anderen überdurchschnittlich häufig positiv, negativ oder neutral bewertet?
Sympathien sind politisch
Berlin und Sachsen werden beide häufiger negativ gesehen als andere Bundesländer – und das aus ganz unterschiedlichen Gründen, wie Hildebrandt sagt. Die beiden seien so etwas wie gesellschaftliche Gegenentwürfe: Hier das linke Berlin, dort Sachsen. „Sachsen etwa wird in linken und linksliberalen Kreisen mit Rechtsextremismus assoziiert.“
Auch dieses Klischee schlägt sich in den Daten nieder: Je linker die Antwortenden sich selbst einschätzen, desto sympathischer finden sie Berlin – und desto skeptischer stehen sie Sachsen gegenüber.
Am meisten können die Menschen aller Bundesländer übrigens mit ihresgleichen anfangen. Bayern finden Bayern am sympathischsten, und Brandenburger können am ehesten mit Brandenburg.
Auch Umfrage-Teilnehmer aus dem Saarland bewerten ihre Landsleute besonders positiv. Das habe mit der Geschichte zu tun, sagt Hildebrandt. „Die Bewohner waren lange abgetrennt von Deutschland und haben über die Zeit eine Art Sonder-Identität entwickelt.“
Gegenbeispiele für eine starke Identifikation mit den eigenen Landsleuten seien flächenmäßig große Bundesländer und solche, die erst spät zu einem Bundesland zusammengefasst wurden – sie finden sich selbst auch weniger sympathisch.
Dort existieren verschiedene Traditionen und Gruppen nebeneinander: Die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf, zwischen dem Karlsruher SC und dem VfB Stuttgart und dass man in Franken aus den Augen einiger Bayern nicht sagen darf, dass man aus Bayern ist – auch das schlägt sich in den Daten nieder.
„Bewohner der großen Bundesländer, etwa Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, identifizieren sich weniger mit dem Bundesland – dort gibt es keine bundesweite, lange zurückreichende Tradition“, sagt Hildebrandt. Nicht nur zwischen Berlin und Hamburg, sondern auch zwischen Stuttgart und Karlsruhe liegen also Welten.

15/15

15/15

1/15

2/15

15/15

5/15

0,4

0,4

0,6

1,4

1,3

1,2

Sympathie für andere 0,4

Sympathie für andere 1,4
Deutschland gleicht einer Zweck-WG, in der man sich nach Jahrzehnten arrangiert hat: Hamburg ist der perfekte Mitbewohner, den alle respektieren. Bayern der laute Nachbar, mit dem man trotzdem klarkommt. Berlin und Sachsen sind diejenigen, mit denen nicht alle gern am Küchentisch sitzen – aus völlig unterschiedlichen Gründen.