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Raues Pflaster, großes Herz

2010 begannen meine Berliner Jahre. Ein Blick zurück.
2010 begannen meine Berliner Jahre. Ein Blick zurück.

Als ich mit meinem Koffer und einer Kleinstadtfrisur in die Stadt komme, ist Berlin gerade vorbei. Nach sieben Jahren Feiern schließt im September 2010 der Club „Bar25“ mit einer fünftägigen Party. Damit enden, behaupten nicht wenige, die ganz wilden Berliner Jahre. Ich ziehe in meine erste eigene Wohnung in Schöneberg. Mit 19 Jahren bin ich eher zufällig in dieser unübersichtlichen Metropole gelandet. Einmal kündige ich eine Einkaufstour zum Alex mit den Worten an: „Ich fahr’ jetzt in die Stadt“. Und werde ausgelacht.

Es ist die Zeit der S-Bahnkrise, der Öffnung des Tempelhofer Flugfeldes und meiner ersten Versuche, dieses Ungetüm und seine damals 3,4 Millionen Einwohner zu verstehen, von denen gefühlt jeder damals einen Jutebeutel trägt. Die erste Zeit in Berlin, das ist für mich Club Mate trinken, Döner essen und dreckige Teller in der Spüle schimmeln lassen. So ähnlich fühlt sich die ganze Stadt an: wach, schnelllebig und manchmal ziemlich räudig. Die Jahre des Hauptstadthypes beginnen gerade so richtig und ich frage mich warum.

Das erste Berlin-Gefühl, an das ich mich heute erinnere, wird absurderweise durch ein kleines Plüschkrokodil ausgelöst. 2011 hängen die Straßen voll davon, ein Mädchen schnappt damit auf einem Wahlplakat nach der mächtigsten Nase der Stadt: der von Klaus Wowereit. „Berlin verstehen“, steht dahinter. Ein bisschen wurstig, aber irgendwie sympathisch, so soll die Stadt sein.

Berliner werden

Ich verstehe zunehmend und habe inzwischen gelernt, dass man an wirklich jedem Tag der Woche ausgehen kann, so lange man will, wo es das billigste Bier gibt, und mir ein kleines DJ-Pult für zu Hause zusammengebastelt. Ich bin auf dem Weg zu dem zu werden, was ich für einen Berliner halte.

Ich bin damit so beschäftigt, dass Politisches an mir vorbeigeht: das BER-Debakel. Im Juni 2012, als der Flughafen erstmals nicht eröffnet, bin ich frisch verliebt, eh schon in Berlin gelandet und habe kein Geld, irgendwohin zu fliegen.

Seit damals sind die Baukosten um das Sechsfache gestiegen, jeden Tag kommt eine knappe Million Euro dazu. Ich glaube trotzdem, dass dieser riesige Skandal, dieses Totalversagen aller Verantwortlichen den Berlinern komplett egal wäre, würde sich nicht auch Rita aus Titisee-Neustadt permanent darüber lustig machen.

Während sich die Schwaben in Stuttgart damals wegen ihres Großprojekts S21 vor Wasserwerfer stellen, schwöre ich, ich habe nie einen Berliner von sich aus über den Flughafen reden hören. Es ist BER, dessen Namen man nicht sagt.

Hilfe, die Touristen kommen

Überhaupt: Schwaben. Nervdebatte. 2013 schaltet sich der damalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ein: „In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen“, murrt er denen entgegen, die „Weckle“ bestellen. Etwa zur gleichen Zeit fangen in der Uni Kommilitonen an, die sich als besonders kritisch verstehen, Shirts zu tragen auf denen „Berlin’s not loving tourists“ steht, auf Häuserwänden kann man jetzt „Schwabenhass“ lesen. Als Zugezogener kann ich den Hass (anderer Zugezogener) auf die Baden-Württemberger nicht verstehen – in einer Stadt, die sich weltweit für ihren solidarischen Liberalismus feiern lässt.

Es ist wohl eine erste Stellvertreterdebatte dessen, was die Berliner Zehnerjahre prägen sollte: die Sorge vor Gentrifizierung. Vor, mit und nach mir kommen so viele, dass die Stadt immer voller wird. Zwischen 2011 und 2016 steigt die Zahl der Einwohner jährlich um 50.000 – die Größe einer Kleinstadt.

Die Zahl der Touristen steigt seit 2008 bis heute um 65 Prozent. Die Mieten steigen, Freunde ziehen nicht mehr um, jeder klammert sich an seine Wohnung. Auch dass meine Lieblingsclubs nicht für immer sind, lerne ich. Meist vertrieben durch hohe Mieten oder weil die Besitzer der neuen Eigentumswohnungen nebenan ruhig schlafen wollen – manche schließen auch, weil ihre Besitzer zu verpeilt sind.

Tempelhof: Eine Entscheidung gegen die Rationalität?

Meine Freunde und ich diskutieren lange Abende, viele Pfeffi und große Biere lang über das, was sich verändert. Vor allem schwindet das Vertrauen in die Wirkmächtigkeit von Politik. Die Berliner entscheiden 2014, dass das Tempelhofer Feld nicht (am Rand) bebaut werden soll. Für mich damals eine Entscheidung entgegen jeder Rationalität. Einer dieser Momente, die mich an Berlin zweifeln lassen: Ist das die Freiheit, die sie meinen? Sich selbst auszuleben, ohne an das Wohl anderer zu denken?

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Es war der Geist der Gentrifizierung, der langsam immer stärker zur Geißel wurde. Schwabenhass und die Debatte um die „Tempelhofer Freiheit“ sind erste hilflose Antworten auf diesen Wachstumsschmerz.

Lange gilt die Stadt nach außen als „arm, aber sexy“ (das hatte uns noch Wowereit hinterlassen). Der Start-up-Boom der Zehnerjahre und der starke Zuzug Vermögender ändern das ärmliche Image schnell: Wird Berlin zur Macherstadt? Die Verwaltung ist immer häufiger das Gegenteil davon. Stundenlange Wartezeiten und ein Bürgeramt, das 2015 meinen Reisepass verschlampt, kosten mich fast einen lang zusammengesparten Fernurlaub. Kaputte Brücken, marode Schulen. Die Fliehkräfte einer Boomtown zerren am guten Leben.

Im gleichen Jahr offenbart die Flüchtlingskrise die Überforderung Berlins mit sich selbst. Vor dem Lageso schwitzen tausende Flüchtlinge, brechen zusammen, stehen tagelang für Essen an. Nur die Berliner verhindern Schlimmeres. Auch meine Freunde und ich helfen. Die Solidarität in diesen Tagen ist so groß, dass sie uns irgendwann sagen: Wir brauchen euch heute nicht. Es ist die Zeit, in der Berliner zeigen, warum die Stadt heute als Hauptstadt eines liberalen, solidarischen Lebensstils gilt. Raues Pflaster, großes Herz.

Keinen Fußbreit dem Terror

Mit dem Wohnort verhält es sich wie mit einer langen Beziehung: Was man wirklich aneinander hat, merkt man in den dunkelsten Stunden. 19. Dezember 2016, vier Anrufe von meiner Mutter, Freunde schreiben: Alles gut? Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich an diesen Abend denke, an das Bild des zerstörten Lkw am Breitscheidplatz. Der Terror hatte Berlin erreicht. Statt in Panik zu verfallen, blieb die Stadt trotzig.

Was sonst noch war? Ein Hype nach dem anderen wird über den Berliner Asphalt gejagt. Die drei großen „A“ der Zehnerjahre: AirBnB, Avocados, Achtsamkeit. Die Dating-App Tinder verändert das Sexleben und Netflix viele Beziehungen. Craftbeer reißt Löcher in mein Portemonnaie, und alles soll ich teilen: vom Werkzeug bis zum Auto. Über das alles Bescheid zu wissen, gehört in den späten Zehnerjahren zur Berlin-Performance.

Aber ist diese Stadt im Jahr 2019 nicht eh längst auserzählt? Für viele Konservative gleicht sie einem „failed state“, fast wie Venezuela. Für viele Linke waren Berlin und sein Freiheitsgefühl schon vorbei, als Menschen wie ich mit ihrem Koffer kamen. Die einen schreien „Sozialismus“, die anderen „Turbokapitalismus“.

War Frankfurt anfangs die Stadt der kritischen Theorie, ist Berlin die der endlos praktizierten Kritik. In einer Studie, mit der der Senat in diesem Jahr die Berlin-DNA herausfinden wollte, steht: „Berlin ist geprägt durch planloses Überdrehen.“ Durch die Zehnerjahre ist Berlin tatsächlich hochtourig gerast und auf Verschleiß.

Ich bin jetzt 28, mit dieser Stadt erwachsen geworden, richtig erwachsen. Verschleiß gehört dazu. Auf Berlin warten die Zwanziger – nicht zum ersten Mal.

Team

Julius Betschka
Text und Recherche
Julius Bteschka arbeitet als Redakteur in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels. Er kümmert sich vor allem um Hintergrund-Recherchen und Reportagen. In diesem Text blickt er auf seine letzten zehn Jahre in Berlin zurück.
Hendrik Lehmann
Produktion
Hendrik Lehmann leitet das Tagesspiegel Innovation Lab. Er hat die digitale Version dieser Story produziert und die Infografiken gebaut.
David Meidinger
Webentwicklung & Datenanalyse
David Meidinger arbeitet beim Tagesspiegel als Redakteur für Softwareentwicklung. Er hat die Grundstruktur dieser Webseite programmiert, die interaktiven Dia-Shows entwickelt und die Luftbilder so aufbereitet, dass man sie sinnvoll nutzen kann.
Helena Wittlich
Bildrecherche
Helena Wittlich ist Redakteurin im Tagesspiegel Innovation Lab. Sie hat die Luftbilder in dieser Story einzeln gesucht und bearbeitet.
Veröffentlicht am 29. Dezember 2019.