Trump vs. Harris 2024: Entscheiden Frauen und Minderheiten die US-Wahl?
Ihren 60. Geburtstag verbrachte Kamala Harris beim Wahlkampf. In Georgia, wo sie am 20. Oktober eine Kirche bei Atlanta besuchte, ist das Rennen zwischen der Präsidentschaftskandidatin der Demokraten und ihrem republikanischen Gegner Donald Trump knapp. Trump führt hier in den Umfragen mit gerade einmal einem Prozentpunkt.
Georgia ist einer der sieben sogenannten Swing States. Das sind US-Bundesstaaten, in denen bei vergangenen Wahlen mal die Republikaner, mal die Demokraten gewannen. Zwar sind am 5. November 240 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner zur Wahl aufgerufen. Entschieden wird aber letztlich in den Swing States, in denen weniger als 20 Prozent der Wahlberechtigen wohnen.
Schuld ist das Wahlsystem
Das liegt am Wahlsystem. Bekommt eine Partei in einem Bundesstaat die Mehrheit, müssen alle Wahlmänner aus jenem Staat den Kandidaten der Gewinnerpartei wählen – egal wie knapp der Vorsprung ist. So bekam Donald Trump 2016 zwar weniger Stimmen im ganzen Land, wurde aber trotzdem Präsident.
In den Swing States ist kurz vor der Wahl 2024 offen, wer gewinnt. Aber Daten geben Einblick, auf welche Teile der Bevölkerung es dort ankommen könnte. Denn bestimmte Gruppen, etwa Frauen, Menschen ohne Collegeabschluss oder junge Menschen haben – statistisch betrachtet – Wahlpräferenzen für Demokraten oder Republikaner.
Die jungen Wähler werden immer diverser
Dieses Jahr könnten die Stimmen der Frauen und Minderheiten wahlentscheidend sein, wie Daten des Demografen William Frey vom Brookings Institution zeigen, die er dem Tagesspiegel zur Verfügung stellte.
Das liegt daran, dass sich die Zusammensetzung der US-Gesellschaft verändert. Gerade die junge Bevölkerung wird diverser, das geht aus einer Zensus-Analyse von Frey hervor. Er sagt: Die US-amerikanische Generation Z werde die letzte Generation sein, die mehrheitlich aus weißen Menschen besteht. In den USA ist es üblicher als etwa in Deutschland, die ethnische Herkunft – etwa Weiße, Schwarze und Hispanics – bei solchen Analysen zu betrachten.
In den Swing States führen die Veränderungen schon heute dazu, dass andere Gruppen wahlentscheidend werden.
Ob jemand demokratisch oder republikanisch wählt, hängt natürlich nicht nur mit Geschlecht oder ethnischer Herkunft zusammen. Trotzdem sind demografische Faktoren anerkannte Prognoseinstrumente im US-Wahlkampf, die eine wichtige Rolle für Wahlkampfstrategen spielen.
Wir haben die Wählergruppen der Swing States im Detail betrachtet, die Frey und anderen Experten zufolge besonders ausschlaggebend sind:
1. Wie sehr braucht Harris die Hispanics?
Vor allem in den „Sun Belt States“ Arizona und Nevada sind die „Hispanics“ oder Latinos eine große Wählergruppe. Der Begriff beschreibt Personen kubanischer, mexikanischer, puertoricanischer, süd- und mittelamerikanischer oder anderer spanischer Kultur oder Herkunft. Den höchsten Anteil an Hispanics hat Arizona – 28,7 Prozent, ein Zuwachs an zehn Prozentpunkten seit 2008.
Die „Hispanics“ seien als Wählergruppe divers, erklärt Frey. „Kubaner wählen typischerweise eher Republikaner“, erklärt Frey, Menschen aus Puerto Rico oder mit mexikanischer Herkunft eher Demokraten.
Aber überraschenderweise kann Trump laut einer Umfrage von New York Times und Siena College gerade beim Thema Migration mit seinen harten Ansagen bei den Hispanics punkten. Harris verliert an Zustimmung – nur 56 Prozent der befragten Hispanics wollen sicher für sie stimmen. 2016 hatten geschätzt 68 Prozent von ihnen für Hillary Clinton gestimmt.
Harris’ Team reagierte bereits. Mit der Kampagne „Hombres for Harris“ will sie die Latino-Wahlberechtigen überzeugen.
2. Kosten die Schwarzen Wähler die Demokraten den Sieg?
Anders sieht es bei den „Black“ oder „African Americans“ in den Swing States aus. Unter ihnen genießt Harris überragenden Support – 78 Prozent würden bundesweit laut einer New York Times/Siena College-Umfrage für sie stimmen. Dennoch sind das weniger als 2020, als geschätzt 90 Prozent Joe Biden gewählt hatten.
In Georgia macht die Gruppe ein Drittel der Wahlberechtigen aus. Auch wenn Donald Trump in den Umfragen führt, räumt Frey den Demokraten hier bessere Chancen ein. Weil aber diese Gruppe weniger stark gewachsen ist als die der Hispanics, stehen sie nicht so stark im Fokus der Prognosen.
Umfragen aus Georgia sehen Harris bei den Schwarzen Wählern auf nationaler Ebene weiterhin vorne. Doch gerade bei Schwarzen Männern sinkt die Unterstützung für die Demokratin. In den Swing States North Carolina und Georgia könnten diese Stimmen Harris zum Sieg fehlen.
Trumps Team sieht hier eine Chance. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Atlanta trat der ehemalige Präsident mit zwei Schwarzen, konservativen Aktivisten auf, um Wähler zu überzeugen.
3. Die neue Macht der Frauen?
Harris kann in allen Swing States auf einen Trend hoffen: Immer mehr weiße Frauen wenden sich von den Republikanern ab. Die Präsidentschaftskandidatin hat die Macht dieser Wählergruppe gerade im weiß dominierten Michigan, Wisconsin und Pennsylvania erkannt. Gemeinsam mit der Republikanerin und früheren Kongressabgeordneten Liz Cheney tourte Harris in den vergangenen Tagen durch Städte in den sogenannten „Blue Wall States“ und versuchte, mit ihrer Kampagne „Country over Party“ („Land vor Partei“) den Republikanern Stimmen bei der weiblichen Wählerschaft vor allem in den Vorstädten der größeren Städte wegzunehmen.
„Kamala Harris’ Chancen im November könnten davon abhängen, wie viele Frauen zur Wahl gehen“, sagt auch William Frey. Bei der Wahl im Jahr 2020 gab es die höchste Wahlbeteiligung bei Frauen aller Zeiten. Experten vermuten, dass sie 2024 weiter steigen könnte.
Grund für diese Vermutung ist das Urteil des amerikanischen Supreme Courts, dass 2022 festlegte, dass es – entgegen einem Urteil aus dem Jahr 1973 – kein grundsätzliches Recht auf Abtreibung gäbe. Ergebnisse der Midterm-Wahlen 2022 zeigen, dass mehr Frauen als erwartet für die Demokraten stimmten.
„Frauen wählen traditionellerweise eher demokratisch“, sagt Frey. „Besonders bei jungen Wählerinnen gibt es viel Spielraum, was die Wahlbeteiligung angeht.“ Denn bei ihnen sei die Wahlbeteiligung niedriger als bei Älteren.
4. Eine Frage der Bildung?
Die Frage nach dem Bildungsgrad hat sich in den USA zu einem besonders relevanten Indikator für Wahlentscheidungen entwickelt – vor allem innerhalb der weißen Wählerschaft. „In allen Swing States hat die Gruppe der weißen Wählerschaft ohne Collegeabschluss abgenommen“, sagt Frey. Gleichzeitig steigt die Zahl der Weißen mit Collegeabschluss, die meist demokratisch wählen. Weiße Wähler ohne Collegeabschluss sind Trumps größte Unterstützer.
Auch der politische Stratege und langjährige Berater des demokratischen Präsidenten Bill Clinton sprach bei CNN von Bildungsgrad als „die neue Kluft in der amerikanischen Politik.“ Während Menschen, die Bildung erlangten, die neue Basis der demokratischen Partei bildeten, seien jene, die sich zurückgelassen fühlten, die moderne Basis der Republikaner. Trumps Aufstieg habe diese Bewegung verstärkt.
5. Wer überzeugt die Nichtwähler?
Die größte Macht allerdings könnte bei den Nichtwählern liegen. Wer schafft es, die zu motivieren, die bei vorherigen Wahlen zu Hause geblieben sind?
Gerade bei der jüngeren Wählerschaft der Minderheiten sehen beide Teams Raum für Stimmenzugewinne. Während Trumps Kampagne sich eher auf junge Männer konzentriert, will Harris’ Team Frauen jedes Alters und Ethnie von sich überzeugen.
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Demograf Frey sieht bei den jungen weiblichen Wählerinnen und den Minderheiten den größten Spielraum. Doch wer von ihnen tatsächlich wählt, ist kaum vorherzusagen. „Jede dieser Gruppen könnte eine Überraschung sein“, sagt er.
Gehen viele junge Frauen zur Wahl, dürfte es gut für Harris ausgehen. Umfragen zeigen allerdings, dass für viele Unentschlossene die wirtschaftliche Lage das wichtigste Thema ist. Das könnte ein Vorteil für Trump sein. Beide Teams investieren im Wahlkampfendspurt Milliarden – am Ende kommt es darauf an, wer mehr Menschen zur Wahl motiviert.