Am Mittwoch noch hatte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beschwert, dass die Ukraine durch seine Verbündeten ein weiteres Mal nicht vor Raketen aus Russland gewarnt worden sei. Hauptziel des Angriffs seien Energieanlagen gewesen, darunter ein Heizkraftwerk. Selenskyj benannte zwar niemanden direkt, aber klar war, dass er mit seinen Äußerungen auf die USA abzielte.
US-Präsident Donald Trump hatte vor wenigen Tagen einen heftig kritisierten Deal mit seinem russischen Counterpart Putin beschlossen, nach dem große Mengen russischen Diesels an die USA geliefert werden. In der Folge verkündete Trump auch einen Angriffsstopp auf Energieanlagen, was auch ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien beinhaltet. Und theoretisch auch russische Angriffe auf ukrainische Kraftwerke.
Falls die Ukraine sich nicht daran halte, drohte Trump mit Konsequenzen. Doch weder Moskau noch Kyjiw wussten von dem Waffenstillstand. Russland griff in der Folge das oben erwähnte ukrainische Kraftwerk an.
All das scheint offenbar auch Selenskyj inzwischen zuviel. In einem Interview mit dem britischen Moderator Piers Morgan antwortete er auf die Frage, ob er sich von Trump „verraten“ und „unter den Bus geschmissen“ fühle, antwortet Selenskyj nach einer kurzen Pause: „Ja“.
Er erklärt aber auch, dass es keine Frage „seiner Gefühle“ sei, sondern sein Land kämpfe ums Überleben. Es sei „schade, dass wir einen starken Partner“ verlieren. Morgan hakt noch einmal nach: „Sie denken, Sie verlieren die USA.“ „Ja“, antwortet Selenskyj, „aber das liegt nicht an uns“.
„Wir verkaufen unser Land nicht, uns geht es nicht ums Geschäft“, erklärt Selenskyj dann offenbar an die Adresse Washingtons gerichtet. „Für uns ist es okay, wenn Trump in der Mitte bleibt“, sagt Selenskyj. „Aber wenn man in der Mitte ist, muss man in der Mitte bleiben, nicht auf der falschen Seite. Ich denke, seine Berater sind daran schuld, die ihn so beeinflussen, dass er auf der falschen Seite der Geschichte steht.“
So deutliche Kritik von Selenskyj an Trump ist ungewöhnlich, versuchte der ukrainische Staatschef trotz Trumps irrlichterndem Kurs in der Ukraine-Politik stets, ein gutes Verhältnis zu Trump zu wahren, und lobte ihn bei jeder noch so unbedeutenden Gelegenheit. Das scheint nun vorbei.