Wiedervereinigte Staaten von Amerika: Wie gespalten sind die USA im Wahlkampf?
Das Bild, was sich aus der Ferne vom US-Wahlkampf ergibt, ist eindeutig: Er ist aufgeheizt, teilweise brutal, in jedem Fall polarisierend. Donald Trump beschuldigt Einwanderer aus Haiti, Hunde zu essen, der Milliardär Elon Musk verschenkt Millionen an einzelne Trump-Wähler:innen, während die demokratische Kandidatin Kamala Harris ihren Gegner als Faschisten bezeichnet. Kurz vor der Wahl am 5. November liegen die beiden in Umfragen fast gleich auf – jede Stimme zählt.
Kurios, aber wahr: Abseits der parteipolitischen Spaltung im Land wirken die USA so vereint wie lange nicht. Der Wahlkampf bringt die Mehrheit der Amerikaner:innen anscheinend eher näher zusammen. Dies legen Ergebnisse der repräsentativen Befragung nahe, die wir exklusiv ausgewertet haben.
In der Langzeitumfrage SoSeC befragt das FZI Forschungszentrum Informatik zusammen mit diversen Forschungspartnern und dem Tagesspiegel Innovation Lab seit zwei Jahren in den USA und Deutschland die Menschen. Das Ziel: Herausfinden, welche Themen die Bevölkerung spalten – und was sie eint.
Ein Hauch von Aufbruch
Die Umfragen zeigen, dass – ähnlich wie in Deutschland – eine Polarisierung in politisch rechts, links oder entlang von Parteilinien zwar wahrgenommen wird, diese aber im alltäglichen Leben oftmals einen ganz anderen Einfluss hat.
Lagen die Zustimmungswerte zur wahrgenommenen Spaltung der politischen Lager 2023 in den USA noch bei fast 70 Prozent, so sind sie im Wahljahr unter 50 Prozent gesunken. Fragt man die Deutschen, ob sie das Gefühl haben, dass Deutschland zunehmend in politische Extreme zerfällt, so denken das hierzulande inzwischen sogar mehr Menschen als in den USA.
Es lässt sich sogar ein Hauch von Aufbruchsstimmung in den Umfragewerten aus den USA erkennen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und ein offener Diskurs werden von einem kleinen, aber wachsenden Anteil der Befragten festgestellt – und das ausgerechnet in einem Wahlkampf, in dem der Ton immer aggressiver und populistischer wird.
Die Befragten geben nicht nur an, dass die politische Fragmentierung ihrem Empfinden nach abnimmt. Sie ordnen auch die beiden Parteien immer weniger extrem links oder rechts ein. Ausgerechnet im Wahljahr rücken Republikaner und Demokraten aus Sicht der Befragten weiter zusammen.
Wählende beider Lager nähern sich an
Dies wird sichtbar, wenn Amerikaner:innen gebeten werden, die Parteien auf einer Skala von politisch links bis rechts zu positionieren. Insbesondere nach dem Rückzug von Joe Biden ist eine Annäherung der Wählenden aus den beiden politischen Lagern zu beobachten.
Wie passt das zusammen: Ein extrem aufgeheizter Wahlkampf und eine Umfrage, die ein Zusammenrücken der Befragten zeigt? Ist die US-Bevölkerung was ihre grundsätzlichen Überzeugungen und Werte angeht viel weniger polarisiert ist als der Wahlkampf es vermuten lässt?
Aber diese Analyse steht nicht allein da. Zuletzt hatte dies auch eine Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos nahegelegt, die Anfang 2024 herausfand, dass 52 Prozent der Menschen in den USA Polarisierung ablehnen, 46 Prozent der Republikaner und 55 Prozent der Demokraten, sowie 56 Prozent jener, die sich als partei-unabhängig definieren. Damit ist eine Ablehnung von Polarisierung tatsächlich das, worauf sich quer durch die Bevölkerung sehr viele einigen können. Mehr als 60 Prozent sind dafür, sich in der politischen Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg zu organisieren.
Die leise Mitte
Es gibt eine leise, aber doch sehr große Mitte in den USA, jene, die sich als gemäßigte sogenannte Moderates verstehen – oder als unpolitisch und gleichgültig. Fast die Hälfte der Amerikanerinnen und Amerikaner wählen überhaupt nicht.
Fragt man Amerikaner:innen nach ihrer eigenen politischen Position auf der Skala von rechts nach links, sortieren sich gut ein Drittel der Befragten genau in der Mitte ein.
Diese Beobachtung wird durch die Forschungsergebnisse von Anthony Fowler bestätigt, Politikwissenschaftler an der Universität von Chicago. Die moderate Mitte der Gesellschaft werde zu oft übersehen und die komplexe Zusammensetzung dieser vermeintlich neutralen Position werde zu selten gründlich untersucht, schreibt Fowler in einem 2023 veröffentlichten Artikel mit dem Titel Moderates.
Das macht die Wahl extrem spannend. Anthony Fowler erklärt die Bedeutung der vermeintlichen Mitte so: „Die Gemäßigten sind am ehesten bereit, je nach Ideologie und Qualität der Kandidaten die Partei zu wechseln, die sie unterstützen.“
Für die Parteien bedeutet dies, dass sie Themen finden müssen, die eine Mehrheit der Bevölkerung ansprechen – und die motivieren, überhaupt wählen zu gehen.
Angst vor der Inflation
Ein Thema, das sich aufdrängt, weil es Amerikaner:innen unabhängig von Herkunft und politischer Überzeugung täglich beschäftigt, ist die Inflation. Die Preissteigerung trifft die Bevölkerung enorm. Ein Burger-Menü zum Beispiel kostet doppelt so viel wie vor zehn Jahren: Das „Quarter Pounder with Cheese meal“ bei McDonalds kostete 2014 noch 5,39 Dollar, heute 11,99.
Befragt nach wirtschaftlichen Sorgen, liegen die Anhänger:innen der beiden politischen Lager in den neuesten Umfrageergebnissen von Ende Oktober nicht weit auseinander. Unterschiede zeigen sich bei den Themen Klima, Außenpolitik und Migration.
Das ist kein Zufall. Curd Knüpfer, assoziierter Professor für Politik an der Süddänischen Universität, erklärt: „ Je weiter man von einer Thematik entfernt ist, desto weiter sind wir auf Stereotype angewiesen. Die sind parteipolitisch geprägt.“
Das betrifft besonders Themen wie Krieg und Klimawandel. Die aktuelle, bestreitende Haltung zum weltweiten Klimawandel der Republikaner habe sich beispielsweise erst in Folge der Finanzkrise 2008 so entwickelt. In den Jahren davor sei es noch zu einer Annäherung der Parteien gekommen.
Kritische Themen spalten und einen zugleich
„Außerdem wird Außenpolitik zu Innenpolitik gemacht”, sagt Knüpfer. „Hier geht es weniger um Normen oder Geopolitische Interessen, sondern mehr um Haushaltsfragen und wofür Steuergelder ausgegeben werden sollten. „America First“ heißt in diesem Kontext vor allem: Mittel streichen.”
Rückt die Bevölkerung eines Landes in Zeiten internationaler Krisen enger zusammen?
Antony Fowler schreibt: „Demokraten und Konservative sind vielleicht an denselben Themen interessiert, sind sich aber nicht einig über die konkreten Maßnahmen und Lösungen.“ Weil die Fokussierung auf außenpolitische Themen dem Glauben an Stereotype Vorschub leistet, führt die Sorge vor Krieg, Einwanderung, Klimakatastrophen zwar einerseits zu Einigkeit.
Andererseits ist sie gleichzeitig Quell von Rassismus und Ressentiments, denen einige Menschen schneller und mehr verfallen als andere. So sorgen diese Themen paradoxerweise für Verbundenheit und Spaltung zugleich: Einigkeit in der Wahrnehmung der Bedrohung – aber Spaltung, wenn es um die Lösungen geht.
Der Politikwissenschaftler Curd Knüpfer mahnt, in der Debatte über Polarisierung nicht von zwei Seiten auszugehen, sondern eher von einer Asymmetrie.
Demografischer Wandel ist entscheidend
Während die politische Rechte zunehmend extrem, in Teilen sogar faschistoid werde, radikalisiere sich die Linke in den USA weniger. „Es kommt zu einer Verschiebung der Mitte.” Nicht zu unterschätzen sei auch der negative partisan effect. Der bezeichnet ein Wahlverhalten, bei dem Menschen einer Partei ihre Stimme nicht aus Überzeugung geben, sondern weil sie die andere Partei völlig unmöglich finden.
Social Media verstärke diesen Effekt: „Ich weiß als politisch interessierte Person ganz genau, was die Gegner sagen. Sichtbarkeit verändert sich dadurch”, sagt Knüpfer. Die Ergebnisse der Sosec-Umfragen belegen diese Beobachtung. Das Vertrauen in klassischen Medien und Institutionen in den USA ist gering.
Zuletzt wird vielleicht mehr als jedes andere Thema die Demografie die Wahl entscheiden: die US-amerikanische Bevölkerung wird diverser, die Stimmen von Frauen und Minderheiten könnten dieses Jahr den Ausschlag geben. Es hat einen strategischen Grund, dass Demokratin Kamala Harris einer ihrer Wahlkampftouren den Slogan „Land vor Partei” gab. Weg von Konfliktlinien, hin zu einer geeinten Nation mit handlungsfähiger Regierung.
Die amerikanische Bevölkerung ist sich da anscheinend näher als die Menschen, die die Politiker:innen vertreten sollen.