Interaktive Analyse nach der Bundestagswahl: Arm, reich, jung, alt – so unterschiedlich wählen Berlins Kieze
Zwischen zwei Berliner Welten liegen gerade einmal 15 Kilometer. Am äußersten Rand von Marzahn-Hellersdorf, zwischen Landsberger Chaussee und Eisenacher Straße, erhielt die AfD bei der Bundestagswahl Ende Februar 46,7 Prozent der Stimmen – der höchste Wert in ganz Berlin. Im urbanen Kreuzberg östlich des Kottbusser Damms schaffte sie es nur auf 2,1 Prozent.
Arm gegen gentrifiziert, städtisch gegen ländlich, Ost gegen West, oder doch eher alt gegen jung: Woran liegt es, dass sich die Wahlergebnisse innerhalb Berlins teilweise so deutlich unterscheiden?
In unserer interaktiven Karte können Sie die kleinräumigen Berliner Briefwahlbezirke nach sozialen, demografischen und geografischen Merkmalen filtern und erkunden. Für jede Filter-Option sehen Sie das Zweitstimmen-Gesamtergebnis für diese Kieze. Mehr zur Methode lesen Sie unten („Über die Daten“).
Von Merkmalen ganzer Kieze lässt sich zwar nicht eins zu eins auf das Wahlverhalten von Gruppen schließen. Welche Menschen etwa in einem Kiez mit hohem Bürgergeld-Empfänger-Anteil wen gewählt haben, geht aus den Daten nicht hervor. Aber die Analyse zeigt Trends und gibt Indizien, wie unterschiedlich zusammengesetzte Kieze abgestimmt haben.
Hätten etwa nur Stimmbezirke gewählt, in denen besonders wenige Deutsche mit Migrationshintergrund leben, die AfD hätte in Berlin knapp gewonnen. Wären nur Menschen mit Wohnsitz außerhalb des S-Bahn-Rings zur Wahl gegangen, wäre sie zweitstärkste Kraft hinter der CDU, die Linke nur auf Platz drei. Dort, wo viele Bürgergeld erhalten, also tendenziell eher arm sind, schneiden Linke und AfD überdurchschnittlich ab, CDU und Grüne schlechter.
Ein Extremfall ist der Stimmbezirk „909 und 910“ in Pankow, wo Storkower Straße und Landsberger Allee aufeinandertreffen. Hier wohnen berlinweit anteilig die meisten Bürgergeld-Empfänger: 63,6 Prozent. Hier liegt die AfD mit 22,1 Prozent nur knapp hinter der Linken (22,8 Prozent).
Das Beispiel zeigt zugleich, wie kompliziert es ist, eindeutige Schlüsse aus den Daten zu ziehen. In dem Stimmbezirk befinden sich mehrere Geflüchteten-Großunterkünfte. Es ist also anzunehmen, dass viele der dort Lebenden und folglich auch viele der Bürgergeld-Empfänger dort nicht wahlberechtigt sind, also das Ergebnis nicht beeinflusst haben können. Möglicherweise haben ganz andere Menschen als die Bürgergeld-Empfänger in dem Kiez vermehrt AfD gewählt.
Insbesondere Menschen, die ihre eigene wirtschaftliche Lage als schlecht beurteilen, würden eher AfD wählen, sagt Andreas Schäfer, Professor für Innenpolitik an der Humboldt-Universität Berlin.
Dass die Partei in Kiezen mit einem hohen Anteil an Bürgergeld-Empfängern tendenziell stärker ist, überrascht ihn trotzdem. „Die AfD macht für Ärmere rein objektiv nicht das beste Angebot.“ Andere Parteien würden den Einkommensschwächeren größere finanzielle Entlastungen in Aussicht stellen.
Auch je nach geografischer Lage unterscheiden sich die Wahlergebnisse. Im ehemaligen Ost-Berlin ist die AfD um 7,6 Prozentpunkte stärker als im Westen. „Dass die AfD in Ost-Berlin stärker ist, mag am ehesten auf den Ost-West-Gegensatz zurückgehen, weil in Ost-Berlin tatsächlich noch viele Menschen mit ähnlicher politischer Sozialisation leben, die die gleiche Perspektive auf Bundespolitik haben wie in ostdeutschen Bundesländern“, sagt Politikwissenschaftler Schäfer.
Fast 35 Jahre nach der Wiedervereinigung tritt eine andere Grenze stärker aus dem Berliner Wahlergebnis hervor: der S-Bahn-Ring. Hätten allein Kieze außerhalb des Rings gewählt, wäre die AfD auf 18,3 Prozent gekommen, in den gentrifizierten Innenbezirken nur auf 7,1. Hier würden Linke und Grüne gemeinsam sogar auf eine absolute Mehrheit kommen.
Aber auch dieses Beispiel zeigt, wie schwer es ist, eindeutig zu sagen, was genau die Wahlentscheidungen der einzelnen Berliner Kieze am stärksten beeinflusst hat. So ist etwa im ehemaligen Ostteil der Stadt sowie außerhalb des Rings auch der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund niedriger – und in Kiezen mit niedrigem Migrationsanteil wurde häufiger AfD gewählt.
Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Textes hieß es, in den kombinierten Stimmbezirken 909 und 910 sei die AfD 2021 auf 4,6 Prozent der Zweitstimmen gekommen. Tatsächlich hatte sie im Stimmbezirk 909 18,8 Prozent erhalten, im Stimmbezirk 910 14,3 Prozent. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.