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Wählerwanderung Sachsen-Anhalt

Von welchen Parteien Haseloffs CDU die Stimmen holte

Eine Analyse der Wählerwanderung zeigt, was die Bundesparteien aus Sachsen-Anhalt lernen können – und von wem sich die Menschen abwenden.
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Für Reiner Haseloff hat sich seine persönliche klare Kante gegen die AfD in Sachsen-Anhalt ausgezahlt: Mit seiner ruhigen Art und seiner entschlossenen Regierungsführung auch in Koalitionskrisen hat er der Rechtsaußen-Partei den Wind aus den Segeln genommen – und konnte vor allem bei den Nicht-Wählerinnen und Wählern punkten. Sie sind in Sachsen-Anhalt für die CDU zu einer besonders wichtigen Kraft geworden. Das zeigt die Analyse der Daten von Infratest dimap zur Wählerwanderung im Auftrag der ARD.

Demnach konnte die Union etwa 35.000 Nicht-Wählerinnen und -wähler gewinnen, fast so viele wie von allen anderen Parteien zusammen. Vor allem der CDU ist also die Mobilisierung durchaus gelungen.

An keine Partei hat die AfD so stark verloren wie an die CDU

Beim genaueren Blick auf die Wanderbewegung von anderen Parteien zur CDU fällt aber auch auf: Die 11.000 Zuläuferinnen und Zuläufer für die Union aus Richtung der AfD haben im Ringen mit den politischen Wettbewerbern nicht den größten Anteil ausgemacht. Stattdessen kommt diese Rolle mit circa 15.000 Stimmen der Ex-Anhängerschaft der SPD zu.

Und trotzdem hat Haseloffs Anti-AfD-Kurs – obwohl er mitunter von einigen CDU-Landespolitikern untergraben wurde – durchaus Wählerinnen und Wähler von der AfD zurückgeholt. Das zeigt der Blick auf die Wählerwanderung weg von der AfD. Denn an keine Partei hat sie so stark verloren wie an die CDU.

FDP profitiert vor allem von ehemaligen Linken

Die Analyse der Wählerwanderung dürfte also durchaus auch für den beginnenden Bundestagswahlkampf relevant sein. Galt die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt doch als letzter Stimmungstest – und als ein Fingerzeig für die Union für einen möglichen Umgang mit der AfD.

Am meisten Federn lassen musste sie, außer an die CDU, vor allem an die FDP: Rund 4.000 Stimmen erhielten die Liberalen von der ehemaligen AfD-Anhängerschaft. Die FDP verdankt ihren Wiedereinzug in das Landesparlament von Sachsen-Anhalt nach 15 Jahren aber ebenso sehr der Linken (4.000) Stimmen. Nur 1000 Stimmen kamen dagegen von der SPD und 2000 Kreuze stammen von früheren Nicht-Wählern.

Früher SPD, heute Nichtwähler

Darüber hinaus verlor die SPD, die mit 15.000 Stimmen am stärksten an die CDU abgeben musste, verhältnismäßig gleichmäßig Wählerinnen und Wähler an die anderen Parteien. Selbst zusammen genommen machen sie alle gerade einmal die Hälfte des Stimmverlustes an die Union aus. Mit einer Ausnahme: den Nicht-Wählern. Rund 7000 frühere SPD-Anhänger gingen lieber gar nicht zur Wahl bevor sie ihr Kreuz noch einmal bei den Sozialdemokraten machten. Einen noch höheren Wert in dieser Kategorie schafft nur noch die Linke: 11.000 Menschen machte sie zu Nicht-Wählerinnen und Wähler – so viele wie sonst keine andere Partei in Sachsen-Anhalt. Mit einem Gesamtminus von 5,7 Prozent ist die Linke der große Verlierer der Wahl.

Aus Sicht der Grünen ist die Bewegung von der Linken zu ihnen der einzige nennenswerte Zufluss. Gerade mal 2000 Stimmen erhielten sie von der SPD, es kamen nur 1000 von der CDU. Ansonsten: null von der AfD, null von der FDP. Bei der Analyse der Wählerwanderung könnte das den Schluss zulassen: Die Grünen können in Sachsen-Anhalt auf eine – wenngleich geringe – Stammwählerschaft bauen.

Wie zuverlässig sind die Daten zur Wählerwanderung?

Die dargestellten Werte zeigen die Wanderung der Zweitstimmen zwischen den Parteien. Dabei werden die aktuelle und die vorhergehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verglichen. Die Werte sind Schätzwerte und werden von Infratest dimap berechnet.

Dennoch sind die Analysen mit Vorsicht zu genießen. ARD und Infratest dimap werden regelmäßig dafür kritisiert, dass sie Zahlen zur Wählerwanderung veröffentlichen. Die sogenannte Wählerstromanalyse ist eine komplexe Analyse, mit der Aussagen zur Mobilität von Wählerinnen und Wähler getroffen werden können. Die Ergebnisse sind deshalb relativ umstritten ist, weil sie auf Befragungen basieren. Es gilt jedoch als unsicher, inwiefern die Antworten der Befragten ihr tatsächliches Wahlverhalten widerspiegeln.

Die Grundlage für diese Berechnungen bilden amtliche Statistiken, repräsentative Umfragen sowie das vorläufige Endergebnis der Auszählung der Zweitstimmen am Wahlsonntag. In der Wählerwanderung werden insbesondere auch Nichtwählerinnen und -wähler berücksichtigt – sowie Veränderungen in der Wählerschaft: Zuzüge, Wegzüge, Tod und Erreichen des Wahlalters von 18 Jahren.

Trotzdem können diese Analysen einen Eindruck von den Dynamiken der Wählerinnen und Wähler vermitteln. Und zeigen im Fall von Sachsen-Anhalt, dass Ministerpräsident Haseloffs Strategie aufgegangen ist. Er konnte Wählerinnen und Wähler mobilisieren.

Über die Autorinnen und Autoren

Eric Beltermann
Datenvisualisierung
Fabian Löhe
Text
Veröffentlicht am 7. Juni 2021.