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Mehrwert­steuer­senkung für die Gastro: 91 Prozent der Restaurants stecken die Ersparnis selbst ein – die Datenanalyse

Seit Januar zahlen Restaurants weniger Mehrwertsteuer. Unsere Datenanalyse für 2749 Restaurants zeigt: Bei den Gästen kommt fast nichts an. Aber es gibt Ausnahmen.
Seit Januar zahlen Restaurants weniger Mehrwertsteuer. Unsere Datenanalyse für 2749 Restaurants zeigt: Bei den Gästen kommt fast nichts an. Aber es gibt Ausnahmen.

Seit dem 1. Januar 2026 zahlen Restaurants in Deutschland nur noch sieben statt 19 Prozent Mehrwertsteuer. Eine Entlastung für die Branche – und, so die Hoffnung vieler Verbraucher, auch für sie. Doch kommt die Ersparnis bei den Gästen an?

Wir haben die Preise in 2749 Restaurants und Cafés in ganz Deutschland ausgewertet, darunter 346 in Berlin. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Ein Beispiel: Angenommen, ein Burger kostete Ende vergangenen Jahres zwölf Euro – ein typischer Preis. Davon entfielen 1,92 Euro auf die Mehrwertsteuer.
Würde ein Restaurant die Steuersenkung komplett weitergeben, sollte derselbe Burger seit Januar nur noch 10,81 Euro kosten.
Ob die Senkung bei den Kunden angekommen ist, hat der Tagesspiegel mit der „Stuttgarter Zeitung“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ analysiert – mithilfe von Bestelldaten des Zahlungsdienstleisters Orderbird. Berücksichtigt wurden Speisen beim Vor-Ort-Verzehr – denn nur dafür gilt die neue Steuersenkung.

Zunächst der Blick auf Berlin: 346 Restaurants. Jedes Quadrat steht für eines davon.
Mehr als die Hälfte – 235 Restaurants – haben ihre Preise überhaupt nicht verändert.
19 Prozent der untersuchten Restaurants haben ihre Preise sogar erhöht ...
... drei Prozent davon sogar deutlich, also um mehr als fünf Prozent.
In 87 Prozent der Fälle wurde von der Steuersenkung nichts weitergereicht, die Ersparnis bleibt also bei den Gastronomen.
Lediglich 44 der 346 Berliner Restaurants haben die Preise gesenkt, das entspricht 13 Prozent. Von ihnen haben nur acht die Senkung größtenteils weitergegeben, keines davon komplett.
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Bundesweit zeigt sich dasselbe Bild: Von den 2749 Restaurants in der Stichprobe haben neun Prozent ihre Preise gesenkt – minimal weniger als im Berliner Durchschnitt. Deutschlandweit sind mehr als 17 Prozent trotz Mehrwertsteuersenkung sogar teurer geworden. Die deutliche Mehrheit (74 Prozent) veränderte die Preise nicht. 91 Prozent der Restaurants in Deutschland behalten die Ersparnis also ein.

Restaurants geben Steuervorteil kaum an Gäste weiter
Prozentanteil der Restaurants, die ihre Preise gleich belassen, erhöht oder gesenkt haben.
* Werte für Stuttgart und Frankfurt aufgrund kleinerer Stichproben mit Vorsicht zu interpretieren.
Daten: Orderbird (2026), eigene Berechnungen
Restaurants geben Steuervorteil kaum an Gäste weiter
Prozentanteil der Restaurants, die ihre Preise gleich belassen, erhöht oder gesenkt haben.
* Werte für Stuttgart und Frankfurt aufgrund kleinerer Stichproben mit Vorsicht zu interpretieren.
Daten: Orderbird (2026), eigene Berechnungen

Warum geben so wenige Restaurants in Deutschland die Ersparnis weiter? Die Antwort dürfte in der allgemeinen Preisentwicklung liegen: Seit Ende 2022 sind die Kosten für Essen außer Haus stärker gestiegen als die Gesamtinflation.

Dabei galt schon damals der ermäßigte Mehrwertsteuer-Satz von sieben Prozent – eine Corona-Hilfsmaßnahme. Als diese Anfang 2024 endete und wieder 19 Prozent Steuer anfielen, schnellten die Preise in die Höhe. Inflationsdaten von Januar dieses Jahres zeigen: Die neuerliche Senkung scheint den Trend bisher nicht zu bremsen.

Gastronomiepreise klettern 2026 trotz Steuersenkung weiter
Entwicklung der Gesamtinflation sowie dessen Unterkategorien „Verzehr einer Hauptspeise im Restaurant“ und „Nahrungsmittel“ im Vergleich (bis Januar 2026, Basismonat: Januar 2020).
Daten: Statistisches Bundesamt (2026)

Eine Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) legt nahe: Personalkosten, Ausgaben für Lebensmittel und Getränke sowie Energiekosten belasten die Branche am stärksten. Außerdem wurde im Januar der Mindestlohn von 12,82 auf 13,90 Euro erhöht – was 57 Prozent der Befragten als Herausforderung nennen.

Personal- und Lebensmittelkosten belasten Gastronomen am stärksten
Umfrage unter 639 Gastronomen zu den größten betrieblichen Herausforderungen, Mehrfachantworten waren möglich
Daten: Deutscher Hotel- und Gaststättenverband (2026)

Um zu verstehen, warum Restaurants die Steuersenkung einbehalten, haben wir mithilfe eines Abgleichs von Speisekarten auf Google Maps Betriebe identifiziert, die ihre Preise nicht gesenkt haben, und nach den Gründen gefragt.

Puffer für Restaurants statt Entlastung für Verbraucher?

Die Mehrwertsteuersenkung habe „dazu beigetragen, die fortlaufenden Kostenentwicklungen abzufedern und Preisstabilität zu gewährleisten, anstatt weitere Preiserhöhungen vornehmen zu müssen“, heißt es beim chinesischen Nudelladen „Mr. Noodle Chen“ mit Filialen in Mitte und Friedrichshain, der seine Preise zum Jahreswechsel nicht verändert hat.

Das „Café Tiergarten“ nahe dem Hansaplatz hat die Preise für einige der Speisen sogar erhöht. Die steuerliche Entlastung sei „weniger Spielraum für Preissenkungen als vielmehr eine notwendige Stabilisierung“, sagt Leonie Herweg vom Café Tiergarten und verweist auf niedrige Gewinnmargen in der Branche.

Der Dehoga rechtfertigt die ausbleibenden Preisnachlässe ähnlich und spricht von existenziellen Schwierigkeiten der Branche: „Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Die sieben Prozent sorgen dafür, dass das Café am Markt oder das Wirtshaus um die Ecke auch morgen noch existieren,“ sagt Hauptgeschäftsführerin Jana Schimke.

Natalie Seifert, Head of Marketing bei Orderbird, sieht die Mehrwertsteuersenkung als eine Maßnahme für Planungssicherheit „in einer weiterhin herausfordernden Branchensituation“.

Pflicht war die Weitergabe ohnehin nicht. Im Gesetzesentwurf der Bundesregierung ging es primär um die Entlastung der Betriebe. Preisnachlässe für Verbraucher waren als Möglichkeit erwähnt, nicht als Anforderung.

Die Steuererleichterung kostet den Staat laut Bundesfinanzministerium 3,6 Milliarden Euro im Jahr, finanziert letztlich durch Steuergelder aller. Für die meisten Gäste hat der Nachlass für die Restaurants bislang nichts verändert.

Eine Studie der Hochschule München zeigt: Steuererhöhungen werden deutlich öfter an Gäste weitergegeben als Steuersenkungen.

Einige Restaurants senken die Preise dennoch

Und doch: Es gibt sie, die Ausnahmen. Laut unserer Datenanalyse geben in Berlin acht von 346 Restaurants die Steuersenkung größtenteils oder komplett weiter – gerade einmal zwei Prozent. Zwei, die das getan haben, haben wir kontaktiert.

„Uns ist wichtig, dass unsere Gäste spüren: Das ist keine Symbolik, sondern ein realer Vorteil“, sagt der Geschäftsführer des deutschen Kulturrestaurants „Dicke Paula“ in Reinickendorf.

Mikael Andersen, Geschäftsführer der „Gazzo Pizza“ in Neukölln, erklärt: „Natürlich haben auch wir steigende Kosten in fast allen Bereichen. Gleichzeitig merken wir, dass viele Gäste seltener essen gehen, weil Ausgehen insgesamt einfach teurer geworden ist. Und wenn dann noch die allgemeinen Lebenshaltungskosten steigen, sitzt das Geld eben nicht mehr so locker.“

Laut der Dehoga-Umfrage klagt jeder zweite Gastronom über weniger Gäste und sinkende Umsätze – und behält dennoch die Ersparnis ein, statt Preise zu senken, was Gäste zurückbringen könnte. „Die Dicke Paula“ in Reinickendorf und „Gazzo Pizza“ in Neukölln haben sich anders entschieden. Ob ihre Wette aufgeht, bleibt abzuwarten.

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