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Zehn Jahre Fukushima

Die Überlebenden
der Dreifach­katastrophe

Erdbeben, Tsunami, Reaktorunfall. Vier Menschen erzählen,
wie sie mit der Erschütterung leben, die die Welt veränderte.
Erdbeben, Tsunami, Reaktorunfall. Vier Menschen erzählen,
wie sie mit der Erschütterung leben, die die Welt veränderte.

Erst bebt die Erde, dann kommen die Wassermassen, am Ende explodieren Reaktoren. Am 11. März 2011 erlebt Japan eine Katastrophe, die mehr als 15.000 Menschen das Leben kostet. Für die Überlebenden verändert dieser Tag alles. Manche schaffen es, darin einen neuen Anfang zu finden. Andere kehren nie wieder in einen normalen Alltag zurück.

Vier Überlebende hat unsere Reporterin Katja Demirci gemeinsam mit der Dolmetscherin Mai Rapsch interviewt. Sie erzählen von Verlust, Trauer und davon, wie sie mit ihren Erinnerungen leben. Der japanische Fotograf Yuki Iwanami hat die fortwährende Erschütterung seither dokumentiert. Seine Fotos begleiten die Geschichte.

„Und wenn es mein Leben lang dauert“
Norio Kimura sucht bis heute nach den Überresten seiner Tochter.
„Es war wie ein Meer aus Feuer“
Tomoko Takahashi gründete mit ihrer Freundin eine Ballettschule – dann kam der Tsunami.
„Der wärmste Ort ist in so einer Situation das eigene Auto“
Masaki Takahash ist Tankstellenbesitzer und produziert heute grüne Energie.
„Wie ein Schlag ins Gedächtnis“
Yu Watanabe war elf, als die Welle alles unter sich begrub – außer seiner Erinnerung.
Völlige Zerstörung. Der Tsunami verwüstete die Stadt Rikuzentakata, hier fotografiert am 20. März 2011. Foto: Yuki Iwanami
„Und wenn es mein Leben lang dauert“
Norio Kimura, 55, aus Okuma sucht bis heute nach den Überresten seiner Tochter.

Als Erstes haben wir einen Schuh gefunden, den sie am Tag des Unglücks getragen hat. Das war im Juni 2012. Wir fanden ihren Blazer von der Einschulungsfeier, ihre Sportkleidung, ihre Jacke, ihren Ranzen. Am 9. Dezember 2016 entdeckten wir den ersten Knochen, einen Halswirbel, er lag in ihrem Schal. In den zwei Monaten danach konnten wir noch einiges finden, doch es war schwer, die Knochen zuzuordnen, vieles war fast pulverisiert. Eindeutig identifiziert werden konnte ein Teil ihres Kiefers, weil da Zähne dran waren. Dann gab es Knochenstücke, von denen man glaubt, dass sie ein Teil ihres Kopfes sind oder von ihrer Schulter, ihrem Hals. Insgesamt haben wir ungefähr 20 Prozent ihres Körpers gefunden.

Jahrelange Spurensuche

Vor zehn Jahren verlor ich im Tsunami drei meiner liebsten Menschen: meine Frau Miyuki, meinen Vater Wataro und meine damals siebenjährige Tochter Yuna. Meine Frau wurde am 10. April gefunden, sie war ungefähr 40 Kilometer südlich von Okuma am Strand angespült worden. Mein Vater wurde am 29. April 2011 entdeckt, in einem Reisfeld in unmittelbarer Nähe unseres Hauses. Nach Yuna suche ich noch immer.

Norio Kimura vor Portraits seiner Tochter und seiner Frau am 25. Februar 2015.
Am 11. Dezember 2016 findet Norio Kimura einen Teil des Kiefers seiner Tochter. Fotos: Yuki Iwanami / picture alliance / Zumapress

Ich bin in Okuma geboren und mittlerweile lebe ich in einer Stadt namens Iwaki, sie liegt etwa 30 Kilometer südlich. Kurz nach der Katastrophe bin ich mit meiner älteren Tochter Mayu für einige Jahre nach Nagano gezogen, weit weg. Doch sie ist nun 20 Jahre alt und besucht eine Fachhochschule in Tokio. So konnte ich zurück in die Präfektur Fukushima. Okuma ist in der Sperrzone, das damals havarierte Atomkraftwerk Daiichi liegt in unserer Gemeinde. Wir wurden alle evakuiert.

Die offizielle Vor-Ort-Suche nach Vermissten fand deswegen auch erst im Mai statt, nur zwei Wochen lang. Ab Juni 2011 durften Bewohner erstmals wieder nach Okuma, damals war das nur für einen Tag alle drei Monate erlaubt, jeweils bis zu zwei Stunden.

Mittlerweile darf man 30 Tage pro Jahr in die Zone. Es sei denn, man hat besondere Gründe, sucht etwa Angehörige, wie ich, dann sind auch häufigere Besuche gestattet.
Norio Kimura

Die Gegend wird von der Regierung überwacht, man betritt sie durch eine Art Checkpoint, es wird genau notiert, wer sich wann in der Zone bewegt. Von April 2019 bis März 2020 war ich insgesamt 142 Tage in Okuma. Die Strahlendosis, die ich in dieser Zeit abbekommen habe, betrug 1,12 Millisievert. Die international vorgegebene Empfehlung ist, dass man sich jährlich keiner künstlichen Strahlendosis aussetzen soll, die höher ist als ein Millisievert. Die japanische Regierung hat diesen Wert in den Wochen nach dem 11. März auf 20 Millisievert angehoben. Darüber kann man denken, was man will. Ich war jedenfalls erstaunt, dass mein Wert so niedrig ist und dachte: Dann kann man ja auch wieder in Okuma leben.

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Bis 16 Uhr muss ich die Zone verlassen haben. Wenn ich bis dahin nicht am Checkpoint auftauche, kommt jemand und holt mich ab. Das ist schon passiert, gerade in der Phase, in der ich sehr intensiv suchte. Ich war ständig zu spät und bekam Ärger.

Strahlung im Gewebe

Am Anfang hatte ich bei meinen Besuchen in Okuma immer Schutzkleidung an und trug auch eine Maske. Aber jedes Mal, wenn man die Zone verlässt, wird untersucht, ob an der Kleidung oder am Körper Strahlung zu finden ist. Da das bei mir nie der Fall war, ziehe ich mittlerweile normale Sachen an. Allerdings habe ich extra Kleidung für die Zone, die ich nur dort trage. Von der Strahlenbelastung merke ich nichts. Ich bekomme weder Kopfschmerzen noch wird mir schwummerig noch spüre ich sonst irgendwelche körperlichen Auswirkungen. Aber ich gehe natürlich immer mit einem Dosimeter in die Gegend, das auch die integrale Strahlendosis misst, also das, was sich ansammelt über die Zeit.

Das erste Mal nach der Katastrophe war ich Ende Mai 2011 wieder in Okuma, als die japanischen Streitkräfte begannen, Schutt wegzuräumen und nach Vermissten zu suchen. Ich bat darum, einen Tag mithelfen zu dürfen und habe Blumen am Meer abgelegt. Mein nächster Besuch war am 24. Juli.

Jetzt bin ich fast jeden Tag dort und suche nach Yuna.
Norio Kimura

Anfangs konnte ich nicht viel mehr als eine Schaufel mitnehmen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wo ich anfangen sollte zu suchen. Das Gebiet war so groß, und es lag überall Schutt. In den zwei Stunden, die wir uns zu Beginn in der Zone bewegen durften, versuchte ich die riesigen Schuttberge, manche so hoch wie zweigeschossige Häuser, auseinanderzunehmen. Aber oft wusste ich beim nächsten Besuch schon gar nicht mehr, wo ich zuvor gesucht hatte. Dass ich tatsächlich etwas finden könnte, habe ich erst nicht geglaubt. Es schien aussichtslos.

Trotzdem war es mir wichtig, weiterzusuchen, und wenn es mein ganzes Leben lang dauern würde. Ab Herbst 2013 bekam ich Hilfe von Freiwilligen, der Kontakt entstand über einen anderen suchenden Vater aus einer Nachbarstadt. Es war schwer, denn wir durften kein großes Gerät mit in die Zone bringen. Drei Jahre lang haben wir gesucht, bevor ich schließlich einen Antrag um Hilfe bei der Regierung stellte. Ich war skeptisch, ob die richtig nach meiner Tochter schauen würden. Aber einen Monat später, mit mehr Personen und den entsprechenden Gerätschaften, fanden wir die ersten Knochenteile.

Im Moment liegen die gesammelten Knochen in unserem kleinen Hausaltar. Wir Japaner glauben, dass ein Verstorbener nicht ins Jenseits eintreten und nicht Buddha werden kann, wenn man ihn nicht beisetzt.
Norio Kimura

Aber ich will Yunas Knochen gern bei mir haben, bis ich sterbe. Ich sprach deswegen extra mit einem buddhistischen Priester, und er sagte mir, das sei okay.

Was ich mit der gefundenen Kleidung mache, darüber habe ich sehr lange nachgedacht. Das meiste davon lagert in einem Raum, den ich in einem örtlichen Tempel miete. Wenn die Kleidung nicht verstrahlt ist, darf ich sie aus der Zone mit rausnehmen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie dort am besten aufgehoben ist. Weil es kein fließendes Wasser gibt, liegt sie dort ungewaschen, so, wie sie gefunden wurde. Bei der Suchaktion der Regierung allerdings nahmen ein paar der Mithelfenden heimlich Kleidungsstücke mit, wuschen sie zu Hause und brachten sie mir wieder zurück.

Kleidungsstücke, die während der Suche nach Yuna Kimura 2015 gefunden wurden. Foto: Yuki Iwanami / picture alliance / Zumapress

Mittlerweile bin ich viel kleinteiliger geworden bei meiner Suche. Ich habe zum Beispiel ein Sieb, durch das ich den Sand rinnen lasse, und benutze kleine Schaufeln, solche, mit denen man Blumen einpflanzt. Ich möchte einfach kein noch so kleines Teil übersehen. Ich kann mir vorstellen, dass viele denken: Hör doch auf! Aber sagen tut es mir keiner.

Kurze Haare

Yuna war ein fröhliches Kind und für ihr Alter sehr selbstständig. Sie wurde von allen gemocht und liebte es, andere zum Lachen zu bringen. Aber sie hatte es auch faustdick hinter den Ohren: Wenn japanische Kinder drei, fünf und sieben Jahre alt sind, besucht man einen Tempel und lässt sich segnen. Die Kinder werden dafür hübsch hergerichtet und ziehen einen Kimono an, man geht ins Fotostudio und so weiter. Kurz vor einem solchen Fest hat meine große Tochter der Yuna die Haare komplett kurz geschnitten, und sie sah furchtbar aus. Meine Frau war sehr wütend auf die Ältere. Als ich mit ihr nach dem Tsunami noch mal darüber sprach, sagte sie mir: Es war Yuna, die mich damals darum gebeten hatte, ihr die Haare kurz zu schneiden, und ich bekam den ganzen Ärger!

Wie es wäre, wenn der Tsunami nicht passiert wäre, kann ich mir nicht richtig vorstellen.
Norio Kimura

Auch nicht, wie Yuna jetzt wäre. Für mich ist und bleibt sie das kleine Mädchen in der Grundschule. Mein Vater hat sie am 11. März nach dem Erdbeben aus dem Hort abgeholt. Wahrscheinlich wurden sie zusammen von der Welle erfasst. Ständig muss ich darüber nachdenken, wie sie zu Tode gekommen ist. Ich kann nur hoffen, dass der Moment für sie sehr schnell vorbeiging und sie eigentlich gar nichts gemerkt hat.

Hintergundinfo
DIE DREIFACHKATASTROPHE

DAS BEBEN

Am 11. März 2011 erschütterte um 14.46 Uhr Ortszeit ein Erdbeben der Stärke 9,1 Japan. Das Epizentrum lag tief unter dem Meeresboden vor der nordöstlichen Küste der Hauptinsel Honshu, etwa 130 Kilometer von der Stadt Sendai entfernt. Das minutenlange Beben war das schwerste, das je in Japan gemessen wurde. Sofort wurde vor einem Tsunami gewarnt. Doch mit dessen Ausmaß rechnete niemand.

DER TSUNAMI

Etwa zwanzig Minuten nach dem Erdbeben erreichte der Tsunami die Küste. Die Welle war weitaus höher, als zunächst geschätzt: etwa zehn, mancherorts bis zu vierzig Meter. Die Wassermassen verwüsteten Dörfer und Städte im Nordosten der Insel, in der Region Tohoku. Nach Angaben der japanischen Polizei starben am 11. März vor zehn Jahren 15 899 Menschen, die meisten durch den Tsunami. 2527 gelten noch als vermisst.

DER SUPER-GAU

Durch das Erdbeben wurde das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi erschüttert, der Tsunami überschwemmte es. Die Kühlsysteme fielen aus, Strom- und Notstromversorgung funktionierten nicht mehr. In den Tagen darauf explodierten Reaktoren, es kam zu Kernschmelzen. Rund 150 000 Menschen im verstrahlten Gebiet rund um das Kraftwerk wurden evakuiert. Mitte April 2011 stufte die Regierung das Unglück auf der höchsten Gefahrenstufe ein.

Meine Arbeitsstelle war eine Schweinefarm, ungefähr sechs Kilometer von meinem Wohnhaus entfernt. Kurz nach dem Erdbeben war es auch auf der Farm total chaotisch, es waren Schweine in das Becken mit Gülle gefallen, und wir mussten sie rausholen. Es gab viel Arbeit, und die hat ungefähr bis 17 Uhr gedauert. Da der Strom ausgefallen war, hatten wir kein Fernsehen, über das wir uns hätten informieren können. Ein Mitarbeiter hatte im Radio gehört, dass wohl eine etwa drei Meter hohe Tsunamiwelle zu erwarten sei. Da unser Haus auf fünf, sechs Metern stand, dachte ich: Das wird uns nichts ausmachen. Deswegen arbeitete ich auch weiter.

Letztendlich war die Welle bei uns in der Region zehn Meter hoch. Sie hat unser Haus weggeschwemmt.
Norio Kimura

Am Abend lief mir dort mein Hund Bell entgegen. Es war schon dunkel, aber ich sah, dass er seine Leine um den Hals hatte. Damals dachte ich keine Sekunde daran, dass meiner Familie etwas passiert sein könnte. Ich ging in die Evakuierungszentren und suchte nach ihnen. Um das Atomkraftwerk machte ich mir zum Zeitpunkt des Erdbebens und Tsunamis keine Gedanken, weil ich gar nicht im Kopf hatte, dass da überhaupt etwas passieren könnte. Erst später am Abend bekam ich mit, dass der Bezirksbürgermeister gesagt haben soll, er habe gehört, dass vielleicht am AKW etwas nicht in Ordnung sei.

Schutt und verstrahlter Müll

Ich persönlich fand Atomkraftwerke nie gut. Doch das erste Mal, als mir unser AKW so richtig bewusst und ich kritisch wurde, war nach dem Unfall in Tschernobyl 1986. Wie vermutlich die meisten Japaner dachte ich damals, dass so ein Unglück in Japan unmöglich sei. Wir machten manchmal Witze und sagten: Die einzige Gefahr, die hier vom Atomkraftwerk ausgehen könnte, wäre, wenn Nordkorea eine Rakete abwerfen und das AKW treffen würde. In der Nähe meines Hauses gab es auch einen kleinen Überwachungsposten, wo die Strahlendosis angezeigt wurde. Ich schaute da nie drauf.

In der Gegend, wo früher unser Haus stand, ist nun ein Zwischenlager für Schutt und radioaktiv verseuchten Müll. Die Regierung wollte, dass ich das Grundstück verkaufe oder vermiete, aber ich habe mich geweigert.

Für die nächsten 26 Jahre kann ich nicht zurückkehren, aber wenn es danach möglich ist, möchte ich das gern.
Norio Kimura

Immerhin ein Teil von Okuma ist mittlerweile wieder bewohnbar. Ungefähr 280 Menschen leben nun im Ort – vor dem Tsunami waren es etwa 11.000.

Auf dem Hügel hinter unserem ehemaligen Haus errichtete ich 2013 eine Gedenkstätte. Da steht nun eine kleine Steintafel und eine Buddhafigur. Jetzt bewegen sich in der Gegend viele Menschen, die aufräumen und Dekontaminierungsarbeiten durchführen. Aber damals war niemand dort. Ich dachte: Wenn Yuna da so alleine ist, dann ist das traurig. Deswegen habe ich ihr eine kleine Statue hingestellt. Ich habe auch einen Garten angelegt. Dort wachsen vor allem Blumen – viele Hortensien – und Kirschbäume. Auf einem Reisfeld in der Nähe unseres Hauses habe ich Sonnenblumen und Raps gepflanzt. Jetzt wird darüber diskutiert, das verseuchte Wasser aus dem Atomkraftwerk ins Meer zur leiten. Ein Mann, der für dieses Projekt mitverantwortlich ist, zieht Rosenstöcke bei mir auf dem Grundstück.

Ich habe das Gefühl, dass ich in allem, was ich tue, von Yuna geleitet werde. Sie hat die Schienen gelegt, und ich fahre jetzt darauf.

„Es war wie ein Meer aus Feuer“
Tomoko Takahashi, 55, aus Kesennuma gründete mit ihrer Freundin eine Ballettschule – dann kam der Tsunami.

Meine Freundin Kaya Yokota war eine ruhige, sanfte Person, die jedem Streit aus dem Weg gegangen ist. Nur wenn es ums Ballett ging, war das anders. Als Profitänzerin hatte sie viel Stolz. Zu ihren Schülern war sie manchmal sehr streng, einige brachte sie sogar zum Weinen. Dass diese Person so laut werden konnte, hat viele verwundert. Von der Statur her sah sie aus, als sei sie für das Ballett geboren. Ganz schlank und klein, blasses Gesicht, elegant und filigran. Im Alltag lief sie auch mal in Joggingklamotten herum, aber im Studio war sie gekleidet wie eine Ballerina.

Wenn ich mich an den Tsunami erinnere, sehe ich immer ihr Gesicht. Sie hat mir sehr viel bedeutet. Wir konnten über alles sprechen, übers Ballett, die Familie. Unsere Kinder waren in einem ähnlichen Alter. Seit ich ein kleines Mädchen war, habe ich immer Ballett getanzt, bis ich heiratete und schwanger wurde. Als mein zweites Kind, meine erste Tochter, geboren wurde, hatte ich wieder den Wunsch zu tanzen und auch ihr das Ballett nahezubringen. Ich fuhr sie teilweise rund 120 Kilometer bis nach Sendai zum Unterricht. Irgendwann sprach ich mit meiner alten Tanzlehrerin und klagte, dass es in Kesennuma keine Ballettschule gebe. Sie sagte: Gründe doch eine. Ich fand die Idee toll, hatte aber schon vier Jahre lang überhaupt kein Ballett mehr getanzt.

Gemeinsame Sache

Just zu dieser Zeit zog meine Freundin aus Tokio zurück nach Kesennuma, wo sie im Gegensatz zu mir aufgewachsen war. Wir lernten uns bei einer Vorstellungsrunde im Kindergarten kennen. Ich erzählte ihr von meinem Wunsch und sie sagte: Genau das möchte ich auch. Da haben wir uns zusammengetan.

Macherin. Kaya Yokota im Ballettsaal. Sie wurde vom Tsunami erfasst. Foto: privat

Am 11. März 2011 planten wir die 15-Jahr-Feier unserer Ballettschule. Wir saßen in einem Restaurant in der Nähe des Hafens, es lag auf halber Strecke zwischen ihrem und meinem Haus. Wir waren damit beschäftigt, Kostüme auszusuchen und hatten verschiedene Kataloge vor uns ausgebreitet, da bebte plötzlich die Erde, und alle Leute verkrochen sich unter die Tische. Viele schrien, es war sehr laut. Die Mitarbeiter wiesen uns an, rauszugehen. Doch als das Beben nachließ, sind wir wieder rein. Die Schlange der Menschen, die bezahlen wollten – man zahlt in Japan beim Verlassen des Restaurants – war sehr lang, alle waren aufgeregt und wollten schnell nach Hause. Wir konnten aber auch nicht gehen, ohne zu bezahlen, standen also an, legten dann einfach das Geld hin und sagten: Entschuldigung, wir müssen sofort weg.

Ich verabschiedete mich von meiner Freundin und fuhr mit dem Auto nach Hause. Ob Kaya auch mit dem Wagen da war, weiß ich nicht mehr. Wir trennten uns und sagten: Wir müssen uns unbedingt in Sicherheit bringen, tschüss. Ich schaute dann kurz zu Hause, ob meine vier Kinder dort sind, und als ich wusste, es ist niemand da, brachte ich mich selbst auf dem nächstgelegenen Hügel in Sicherheit. Von dort versuchte ich, meine Freundin anzurufen, immer wieder. Dass ich sie nicht erreichen konnte, beunruhigte mich.

Ein Moment zu viel

Wir fanden später heraus, dass sie nach Hause gefahren war, nachdem wir uns verabschiedet hatten. Die Familie betrieb ein Geschäft Richtung Innenstadt, ihr Mann und auch ihr Schwiegervater waren dort. Sie sind zu dritt mit dem Auto weiter, sie hatten Decken und haltbare Lebensmittel dabei und eine Spardose. Man vermutet, dass auch ihre älteste Tochter mitgefahren ist. Wahrscheinlich kamen sie in einen Stau, die Straßen waren voll. Die Tochter ist wohl ausgestiegen und zu Fuß weiter. Der Tsunami hat sie alle erfasst. Kaya wäre heute 59 Jahre alt. Ihre Tochter hieß Rina, wie die letzten Silben in Ballerina.

Ich muss immer wieder daran denken, dass der Tsunami Kaya erwischte, weil sie zu viel Zeit verloren hat. Sie hat so viel eingepackt. Diese Vorbereitung hat sie das Leben gekostet.
Tomoko Takahashi

Ich bin schließlich in die Grundschule gegangen, die meine jüngste Tochter damals besuchte. Sie war zugleich Evakuierungszentrum. Die Schule, auf die mein jüngerer Sohn ging, war schräg gegenüber, und so wusste ich schnell, dass auch er in Sicherheit ist. Meine älteren Kinder konnte ich nicht erreichen.

Wo die Katastrophe Japan traf
Der Tsunami traf die japanische Küste über eine Länge von hunderten Kilometern. Dort liegt das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi.
Sperrzonen in Fukushima
Einige Gebiete in der Präfektur Fukushima dürfen weiterhin nicht bewohnt werden . Die schraffierten Regionen wurden mittlerweile von der Regierung wieder freigegeben.

Wenn ein großes Erdbeben passiert, dann ist es sehr schwer, telefonisch durchzukommen. Als die Verbindung kurz stabil war, erhielt ich eine Nachricht von meinem Mann, in der stand: Alle Kinder sind in Sicherheit, und mir geht es auch gut. Meine zwei Großen sah ich nach drei Tagen das erste Mal wieder, in einer Turnhalle. Meine zwei jüngeren Kinder verbrachten die ersten Tage in unserem Auto auf dem Parkplatz der Schule. Ich saß im Elternbeirat der Grundschule meiner Tochter, und zu meinen Aufgaben gehörte es, gemeinsam mit den Lehrern die Evakuierung zu managen. Ich war Parkplatzanweiserin, organisierte Toiletten und verteilte Menschen auf verschiedene Evakuierungszentren.

In der Nacht nach dem Tsunami versuchten wir, es den Kindern irgendwie warm zu machen.

Es hat geschneit und war sehr kalt. In den Klassenzimmern wickelten sie sich Vorhänge um.
Tomoko Takahashi

Von der Anhöhe aus sahen wir, wie es in Kesennuma überall brannte, es war wie ein Meer aus Feuer. Wir befürchteten, dass die Brände bis nach oben kommen könnten. Fast hatten wir das Gefühl, als würde uns warm werden. Es wurde schnell dunkel an diesem Abend, aber auch schnell wieder hell. Wir haben wenig bis gar nicht geschlafen.

Obwohl wir bald bei einem Bruder meines Mannes unterkommen konnten, verbrachten wir in den folgenden Tagen und Wochen viel Zeit in den offiziellen Evakuierungszentren. Denn das waren die Orte, an denen es Informationen gab. Auch darüber, wer vermisst wurde. Meine Freundin zählte dazu. Mir war klar, dass ich auf jeden Fall nach ihr suchen muss, weil ich wahrscheinlich die letzte Person war, die mit ihr gesprochen hat und wusste, was sie an dem Tag trug, wie sie aussah. Im Rathaus und dort, wo die Leichen aufgebahrt waren, gab es lange Listen, in denen solche Informationen standen: Person in schwarzem Pulli und mit goldener Uhr gefunden. Ich war dort sehr häufig, um zu schauen, ob eine Beschreibung auf Kaya zutreffen könnte. Ohne Erfolg.

Ihre Tochter wurde zuerst gefunden, am 15. April, und Vater, Mutter, Großvater gemeinsam im Auto am 26. oder 27. April. Man hat die Tochter zunächst per Erdbestattung beerdigt, obwohl es in Japan üblich ist, die Toten zu verbrennen. Aber die Krematorien waren völlig überlastet. Als dann der Rest der Familie gefunden war, hat man die Tochter wieder ausgehoben und in der Nebenpräfektur Iwate in einem Krematorium alle vier zusammen feuerbestattet. Da war ich dann auch dabei.

Weil Krematorien überlastet waren, wurden einige Opfer im März 2011 vorübergehend erdbestattet. Foto: Yuki Iwanami

Die beiden jüngeren Kinder meiner Freundin wurden von einer Schwester des Großvaters adoptiert, die damals 82 Jahre alt war. Sie wohnte auch in Kesennuma, aber die Kinder kannten sie nicht wirklich. Der Sohn war damals etwa 15 Jahre alt. Ein Jahr später, kurz vor Weihnachten, wurde er plötzlich vermisst. Die ganze Stadt hat nach ihm gesucht. Nach einem Monat wurde seine Leiche am Hafen angespült. Ob es ein Unfall war oder ob er sich umgebracht hat, weiß man nicht. Er war Epileptiker und wohl ohne seine Medikamente verschwunden.

Neuanfang

Nach dem Tsunami dachte ich nicht, dass ich wieder Ballett tanzen würde und auch nicht an den Wiederaufbau der Schule. Ich glaubte, es würde erst mal nur darum gehen, die Stadt irgendwie am Leben zu erhalten. Aber bei der Beerdigung meiner Freundin lernte ich ihre Mutter kennen. Davor fürchtete ich mich, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen.

Hatte ich nicht zugelassen, dass ihre Tochter stirbt, weil wir nicht gemeinsam geflohen waren? Ich dachte, sie würde mir nie verzeihen.
Tomoko Takahashi

Aber das Gegenteil war der Fall, sie war sehr nett zu mir und hatte nur eine Bitte: „Sorge dafür, dass das Feuer des Balletts in Kesennuma nicht ausgelöscht wird.“ Daraufhin beschloss ich, die Schule wiederaufzubauen.

Das größte Problem war, dafür einen Ort zu finden. Von unserem alten Gebäude war nichts mehr übrig. Doch ich hatte nicht nur immer die Worte der Mutter meiner Freundin im Kopf, sondern wurde auch von Eltern meiner Schülerinnen angesprochen. Sie sagten: Meine Tochter geht nicht mehr zur Schule, und sie vermisst das Ballett! Nach dem Tsunami gab es sehr wenig Bauland, und viele Menschen mussten in sichere Gebiete umsiedeln. Weil der Platz so knapp war und die Nachfrage so groß, waren die Preise entsprechend hoch.

Meine Freundin begleitet mich immer. Wir studieren natürlich die gleichen Stücke ein und nutzen teilweise die gleichen Choreografien wie früher. Wir sind eine relativ kleine Ballettschule, wir hatten ursprünglich 100 Schüler und jetzt sind es 70. Trotzdem war es immer unser ambitioniertes Ziel, jeweils eins der großen Tschaikowsky-Ballette ganz aufzuführen, also „Schwanensee“, „Nussknacker“, „Dornröschen“. Ich unterrichte viermal die Woche und denke dabei ständig an Kaya. Ich bin aber auch glücklich, dass ich diese Erinnerung aufrechterhalten kann.

Ein unerwarteter Gewinn

Das Tanzen hat mir wahnsinnig geholfen. Nicht nur das Ballett an sich oder zu sehen, wie andere tanzen, sondern auch die ganzen Verbindungen, die dadurch geschaffen worden sind. Wir bekamen unglaublich viel Unterstützung von der Tanz-Community aus der ganzen Welt, die uns Ballettkleidung gestiftet hat oder CDs, die wir bei Aufführungen verwenden können. Auch über meine Erlebnisse und über den Aufbau der Schule zu sprechen, hat mir geholfen.

Am Anfang musste ich dabei jedes Mal weinen. Aber je häufiger ich darüber reden konnte, desto leichter fiel es mir.
Tomoko Takahashi

Wir haben natürlich vieles verloren. Aber ich persönlich denke im Nachhinein, dass ich viel mehr gewonnen habe. Dass selbst ich, die nichts Großartiges geleistet hat und die nur ein kleiner Mensch ist, jetzt wieder so auf eigenen Beinen stehen kann, das habe ich den Verbindungen und der ganzen Unterstützung nach dem Tsunami zu verdanken. Nach der Katastrophe dachte ich, alles, was mit Kultur zu tun hat oder Ballett, sei kein lebensnotwendiges Gut. Aber jetzt merke ich zum ersten Mal, dass so etwas auch existenziell ist. Erst wenn man solche Dinge auch wieder hat, kann man davon sprechen, dass die Geschehnisse überwunden sind.

An Jahrestagen der Katastrophe werfen viele Angehörige der Opfer Blumen ins Meer, hier in Iwaki im März 2015. Foto: Yuki Iwanami
„Der wärmste Ort ist in so einer Situation das eigene Auto“
Masaki Takahashi, 57, aus Kesennuma besitzt Tankstellen und produziert seit dem Tsunami auch erneuerbare Energie.

Als ich ein Kind war, sagte meine Großmutter zu mir: Wenn ein Tsunami kommt, geht das Wasser erst weg – und kommt dann in einer großen Welle zurück. Auf meiner Flucht im Auto habe ich deswegen immer versucht, das Meer im Blick zu behalten. Stand ich im Stau und konnte es hinter Gebäuden längere Zeit nicht sehen, bekam ich große Angst.

Mit meiner Frau Tomoko lebe ich in Kesennuma. Ich wurde hier geboren, habe aber nie einen größeren Tsunami erlebt. Ein Jahr vor der Katastrophe gab es einen, ausgelöst durch ein Erdbeben in Chile. Aber dessen Welle war höchstens einen Meter hoch, also nicht viel höher als die übliche Flut.

Als die Erde bebte, hatte ich gerade eine Besprechung in einer der Tankstellen, die ich betreibe.
Masaki Takahashi

Es wackelte nicht nur ein bisschen von links nach rechts, sondern es war so als sei ich in einem Riesenrad. Es war so ein rundes Beben. Zum ersten Mal fürchtete ich mich bei einem Erdbeben richtig.

Diese Tankstelle war nur ungefähr 300 Meter vom Meer entfernt. Normalerweise hatte man aber nicht das Gefühl, dass sie nah am Wasser ist, weil so viele Gebäude drum herumstehen. Auch deswegen dachte ich damals: Na gut, vielleicht kommt die Welle bis hierhin etwa auf Hüfthöhe. Am Ende war sie so hoch, dass sie bis übers Dach der Tankstelle reichte und sie komplett verschlungen hat. Zum Glück konnte ich meine Mitarbeiter noch rechtzeitig anweisen, sich in Sicherheit zu bringen. An einer anderen Tankstelle sind leider drei Menschen ums Leben gekommen.

Geisterfahrer

Ich selbst wollte erstmal ins Hauptquartier meiner Firma, dass sogar noch ein bisschen näher am Meer lag. Also bin ich mit dem Auto losgefahren. Als meine Angst unterwegs zu groß wurde, habe ich meinen Plan verworfen und bin als Geisterfahrer gegen die Einbahnstraße einen Berg hochgefahren. Schnell bin ich noch bei unserem Haus vorbei, um zu schauen, ob meine jüngste Tochter dort ist. War sie nicht.

Insgesamt betrieb ich vor dem Tsunami 15 Tankstellen, acht im Großraum Sendai und sieben im Großraum Kesennuma. Fünf davon innerhalb des Stadtgebiets. Drei der Tankstellen wurden komplett zerstört und zwölf beschädigt. Bis auf zwei konnten wir alle wiederaufbauen, teilweise an anderer Stelle.

Mit welcher Wucht die Fluten auf die urbanen Gebiete trafen, zeigt auch dieses Video dem Hafen von Miyako, Präfektur Iwate.

Als die Erde bebte, war ich gerade in einer Besprechung in einer der Tankstellen. Zum ersten Mal hatte ich bei einem Erdbeben richtige Angst. Es wackelte nicht nur ein bisschen von links nach rechts, sondern es war so, als sei ich in einem Riesenrad – eine Art rundes Beben. Die Tankstelle war etwa 300 Meter vom Meer entfernt. Normalerweise hatte man nicht das Gefühl, dass sie nah am Wasser liegt, weil so viele Gebäude drum herum stehen. Auch deswegen hatte ich damals gedacht: Na gut, vielleicht kommt die Welle bis hierhin etwa auf Hüfthöhe. Am Ende reichte sie bis übers Dach der Tankstelle, die sie komplett verschlungen hat.

Am Morgen nach dem Tsunami bin ich mit zwei Mitarbeitern zu zwei Tankstellen gegangen, von denen uns bekannt war, dass sie nicht schlimm beschädigt sind. Von Erdbeben, die sich in der Vergangenheit in kalten Jahreszeiten ereignet hatten, wussten wir, dass die Menschen Wärme brauchen. Und dass der wärmste Ort in so einer Situation das eigene Auto ist. Doch um darin die Heizung anzuschalten, braucht man Benzin. Unsere Priorität war es, diese zwei Tankstellen so weit instandzusetzen, dass man den Leuten wieder Benzin geben konnte. Das ist bei Stromausfall allerdings schwierig, weil man den Kraftstoff ja irgendwie aus den Tanks im Keller hochpumpen muss.

Benzin gegen die Kälte

Die Öl- und Benzintanks haben eine Notausrüstung, bei der man händisch an einem Rad drehen kann. Aber um ungefähr einen Liter hochzupumpen, muss man 20 Mal drehen. Damit ein Auto ein bisschen fahren kann, braucht es etwa 20 Liter im Tank. Also benötigte man 400 Umdrehungen, um einen Tank ein wenig zu befüllen. Nach zwei, drei Wagen merkten wir: Das funktioniert nicht, weil man schon nach einem mit den Kräften am Ende ist. Wir nahmen Schläuche, steckten sie durch ein Luftloch in den Tank und schlossen kleine Handpumpen daran an. So pumpten wir immer noch per Hand, aber es war etwas einfacher.

Ich wurde Mitglied im Komitee für Wiederaufbau, das vonseiten der Verwaltung eingerichtet worden war. Wir hatten ganz unterschiedliche Ziele für wichtige Bereiche: Wohnen oder Lebensmittelversorgung, Krankenhäuser oder Bildungssystem, Evakuierungszentren.

Das über allem stehende Ziel war, dass wir den Menschen Hoffnung geben wollten.
Masaki Takahashi

Wenn es um Sachen ging, wie Straßen reparieren oder Schutt komplett wegräumen, waren wir erfolgreich. Was wir nicht geschafft haben, ist, die Leute nach Kesennuma zurückzuholen, die unmittelbar nach dem Erdbeben in andere Gebiete geflohen waren.

Kesennuma hatte auch schon vorher eine eher alte Bevölkerung. Viele ältere Ehepaare, deren Häuser zerstört waren und die sich vorgenommen hatten, ein neues Haus zu bauen, taten das dann doch nicht mehr, weil zum Beispiel ein Partner starb. Auch Ältere, die einen kleinen Bentobox-Laden betrieben hatten oder ein Sobanudel-Geschäft, nahmen natürlich nicht nochmal einen Kredit auf um ein neues Geschäft zu gründen. Somit ist vieles von dem Leben in Kesennuma verloren gegangen. Das machte es dann vielleicht auch weniger attraktiv zurückzukehren.

Slow Food und Biomasse

Es ist schwer, genau zu sagen, wie viele Menschen vor dem Tsunami hier lebten und jetzt, weil in der Zwischenzeit einige Dörfer zusammengelegt worden sind. Aber wenn man ungefähr die gleiche Fläche nimmt, dann waren es vor dem Erdbeben etwa 72 bis 73.000 Einwohner und jetzt sind es knapp unter 60.000.

Kesennuma war schon vor dem Tsunami die Stadt des Slow Food und der Nachhaltigkeit. Im Wiederaufbaukomitee hatte ein Mann dann die Idee, eine Biomasseanlage zu bauen. Kesennuma liegt direkt am Meer, aber es gibt auch sehr viel Wald und Berge, es ist eine sogenannte Riasküste. Warum also nicht die Energie aus den Wäldern nutzen? Allerdings gab es keine richtige Forstwirtschaft. Würden wir genügend Holz beschaffen können, um diese Anlage zu betreiben? Die Waldbesitzer trauten es sich nicht zu. Es hieß, ich sei doch Energiebetreiber, ich würde mich auskennen. Und dass so etwas beispielhaft in Japan wäre.

Weil ich mit fossiler Energie arbeite, hatte ich tatsächlich schon öfter ein schlechtes Gewissen. So ließ ich mich überreden.
Masaki Takahashi

Meine Priorität war, meine Firma wieder zum Laufen zu bringen. Sie besteht seit 1920, wir beschäftigen mehr als 200 Mitarbeiter. Die konnte ich nicht im Stich lassen. Die Biomasseanlage baute ich nebenbei auf.

Wir entschieden uns, eine Anlage aus Deutschland zu kaufen, weil es in Japan noch kein erfolgreiches Unternehmen dafür gab. Die offizielle Inbetriebnahme war im März 2016. Wir hielten Workshops ab, um zu lernen, wie man Bäume fällt und diese ganze Infrastruktur der Forstwirtschaft schafft. Insgesamt nahmen 700 Menschen daran teil, etwa 100 sind jetzt regelmäßig forstwirtschaftlich tätig.

Hintergundinfo
DIE DREIFACHKATASTROPHE

DAS BEBEN

Am 11. März 2011 erschütterte um 14.46 Uhr Ortszeit ein Erdbeben der Stärke 9,1 Japan. Das Epizentrum lag tief unter dem Meeresboden vor der nordöstlichen Küste der Hauptinsel Honshu, etwa 130 Kilometer von der Stadt Sendai entfernt. Das minutenlange Beben war das schwerste, das je in Japan gemessen wurde. Sofort wurde vor einem Tsunami gewarnt. Doch mit dessen Ausmaß rechnete niemand.

DER TSUNAMI

Etwa zwanzig Minuten nach dem Erdbeben erreichte der Tsunami die Küste. Die Welle war weitaus höher, als zunächst geschätzt: etwa zehn, mancherorts bis zu vierzig Meter. Die Wassermassen verwüsteten Dörfer und Städte im Nordosten der Insel, in der Region Tohoku. Nach Angaben der japanischen Polizei starben am 11. März vor zehn Jahren 15 899 Menschen, die meisten durch den Tsunami. 2527 gelten noch als vermisst.

DER SUPER-GAU

Durch das Erdbeben wurde das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi erschüttert, der Tsunami überschwemmte es. Die Kühlsysteme fielen aus, Strom- und Notstromversorgung funktionierten nicht mehr. In den Tagen darauf explodierten Reaktoren, es kam zu Kernschmelzen. Rund 150 000 Menschen im verstrahlten Gebiet rund um das Kraftwerk wurden evakuiert. Mitte April 2011 stufte die Regierung das Unglück auf der höchsten Gefahrenstufe ein.

Unsere Anlage ist klein, sie produziert ungefähr 800 Kilowatt pro Stunde. Wenn man den durchschnittlichen Energieverbrauch in Japan zugrunde legt, ist das Strom für 1500 Haushalte. In Kesennuma gibt es etwa 20 000 Haushalte, dazu noch Firmen – wir decken ungefähr ein Prozent des Bedarfs. Außerdem nutzen wir die Wärme der Anlage. Eine forstwirtschaftliche Organisation von der Insel Shikoku hat uns unterstützt. Mitarbeiter schlugen vor, wir sollten doch eine eigene Währung schaffen. Dann würde das Geld, das man erwirtschaftet, in der Region bleiben. Ich dachte: Das klingt nach wahnsinnig viel Arbeit. Aber wir haben es gemacht.

Eine eigene Währung

Für das Design der Währung arbeitete ich mit einem Kurator aus dem Museum in Kesennuma zusammen. Er hat sich auch den Namen ausgedacht: Reneria. „Re“ steht für Wiederaufbau, Recovery, „neri“ kommt von Energie und „ria“ von der Geografie unserer Riasküste. Auf der Währung ist ein etwas merkwürdig aussehendes Gesicht, das den Wind symbolisieren soll, der bei uns eine große Rolle spielt. Eine unserer Kernindustrien ist seit jeher die Fischerei, und für die war früher der Westwind, der von den Wäldern her bläst, unabdingbar.

Reneria wird nicht an alle Menschen ausgegeben, sondern nur an private Forstwirte, die Holz an uns verkaufen. Sie bekommen pro Tonne 6000 Yen, die Hälfte davon in Reneria. Damit kann noch immer in 120 Geschäften bezahlt werden, anfangs waren es 163. Wir wollten damit vor allem die Läden unterstützen, die sehr in Mitleidenschaft gezogen worden waren durch den Tsunami. Viele wurden in provisorischen Containern untergebracht und verkauften von dort. Aber es gibt auch einen großen Supermarkt in Kesennuma, wo man die Währung benutzen kann.

Jetzt, nach zehn Jahren, sind wir als Stadt lange nicht da, wo wir sein wollen.
Masaki Takahashi

Aber mir und meinen Angehörigen kann ich sagen: Das haben wir gut geschafft und überwunden. Vielleicht fiel es mir leichter, nach vorne zu schauen, weil ich keinen großen Verlust erleiden musste. Eineinhalb Jahre nach der Katastrophe fielen mir plötzlich die Haare der Augenbrauen aus, ich habe zehn Kilo abgenommen. Aber meine Familie hat überlebt!

Was wäre gewesen, wenn dieser Tsunami nicht passiert wäre? Darüber nachzudenken steht nicht zur Debatte. Die Katastrophe hat sich ereignet, deswegen leben wir mit dieser Vergangenheit. Wir müssen unsere Gegenwart bestmöglich gestalten.

„Wie ein Schlag ins Gedächtnis“
Yu Watanabe, 21, aus Sendai war elf Jahre alt, als der Tsunami sein bisheriges Leben wegschwemmte.

Wir waren kurz davor, uns zu verabschieden und nach Hause zu gehen, da begann das Erdbeben. Am 11. März 2011 war ich elf Jahre alt und besuchte die Arahama Grundschule in Sendai. Wir hatten schon einige Erdbeben miterlebt, aber bei diesem spürten wir sofort, dass es sehr groß ist. Erschrocken sind wir 20 Schüler alle unter unsere Tische gekrabbelt. An jedem Platz gibt es eine Katastrophenschutzmütze, ein rechteckiges Stück Stoff, hellblau und relativ dick, aufklappbar wie eine Klarsichthülle. Die nutzen wir, wenn nichts passiert, als Sitzkissen. Unter unseren Tischen zogen wir sie uns über die Köpfe.

In der Schule

Das funktionierte automatisch. Aber anschließend versammelten wir uns nicht wie bei Übungen auf dem Schulhof, sondern in einem Klassenraum im obersten Stock. Vermutlich hatten sich die Lehrer schon gedacht, dass ein Tsunami kommen würde. In der Präfektur Miyagi, in der ich wohne, bebt die Erde sehr häufig, und so sind wir quasi geschult, vorab schon Geräusche wahrzunehmen, ein Erdbeben ankommen zu hören und zu spüren, wie groß es wird.

Manchmal verursacht ein Beben ein tiefes Brummen. Dieses aber kam geräuschlos.
Yu Watanabe

Meine Schule war offizielles Evakuierungszentrum, denn das Gebäude aus Stahl und Beton war stabil und mit drei Stockwerken das höchste in der Gegend. Auch meine Großmutter, zu dem Zeitpunkt Anfang 70, und einer meiner drei älteren Brüder kamen dorthin. Mein Großvater war zu Hause, meine Eltern und übrigen Geschwister waren jeweils in anderen Schulen oder bei der Arbeit, die nicht so nah am Meer lag. Bevor der Tsunami auf Land traf, waren alle Menschen in der Schule verteilt. In einem der oberen Stockwerke gab es Wasser und Kekse. Wir schauten immer wieder aus den Fenstern und konnten irgendwann sehen, wie die Welle kam.

In meiner Erinnerung sind wir alle ziemlich gleichzeitig hoch aufs Dach gegangen. Es ist ein stabiles, rechteckiges flaches Betondach, umrundet von einem circa zwei Meter hohen Zaun, vor dem Betonblöcke stehen, auf die man sich setzen kann. Von oben sah ich nur eine riesige schwarze Welle, die das ganze Gebiet, wo wir gewohnt hatten, verschluckte. Im Wasser tauchten manchmal Überreste von Häusern oder Autos auf. Ab und zu konnte man in der Ferne die Kiefern eines kleinen Wäldchens sehen, das angepflanzt worden war, um uns vor einem Tsunami zu schützen. Die Bäume sollten die Wellen aufhalten, und waren etwa 20 Meter hoch.

Hausschuhe im Schnee

Mein Freund und ich haben uns umarmt und geweint. Uns beiden war klar, dass es unsere Häuser wahrscheinlich nicht mehr geben würde. Die Schule stand inmitten eines Wohngebiets, und vor dem Tsunami konnte man von ihrem Dach aus die vielen alten Gebäude mit roten, blauen oder schwarzen Schindeldächern sehen, die glänzten wie Keramikvasen in der Sonne. Heute blickt man von der Schule direkt aufs Meer.

Als wir alle aufs Dach gestiegen sind, begann es zu schneien. Es war ein Schnee, der am Boden schnell wieder geschmolzen ist. Alle Kinder trugen ihre Hausschuhe, die man in Japan in der Schule anhat, und die waren sofort durchnässt. Unsere Füße froren. Der Tsunami ist an der Schule gegen 16 Uhr angekommen. Evakuiert wurde ich etwa zwölf Stunden später, also gegen vier, fünf Uhr morgens, die Sonne war noch nicht aufgegangen. Es hat bei mir so lange gedauert, weil man zuerst die Alten und danach die Jüngeren fortbrachte.

Wir wurden mit Helikoptern ausgeflogen, pro Flug konnten immer nur sieben, acht Menschen aufgenommen werden.
Yu Watanabe

Jemand kam an einem Seil aus dem Hubschrauber herunter und Person um Person wurde hochgehoben. Wir wurden alle in ein Sammelzentrum gebracht, der Rest meiner Familie war schon dort. Es war eine Art Mehrzweckhalle von den japanischen Streitkräften.

Dort hatte jeder sein Territorium mit Decken abgesteckt, der ganze Boden war voll davon. In dem Augenblick fand ich das alles gar nicht so schlimm und sogar ein bisschen lustig. So als würden wir in der Schule oder bei Freunden übernachten.

Computerspiele und Schildkröten

Anfangs waren wir alle bei unseren Familien. Aber nach und nach taten wir uns mit Freunden zusammen und bauten unsere eigenen Schlafstätten. In diesem ersten Evakuierungszentrum blieben wir etwa einen Monat, dann sind wir noch drei oder vier Mal umgezogen in andere Zentren. Schon ein paar Tage nach der Katastrophe fuhren wir mit dem Auto meines Vaters in die Gegend, wo unser Haus stand. Damals war wirklich nur die Straße freigeräumt – und sonst lag noch alles so da, der ganze Schutt, die weggeschwemmten Häuser von woanders.

Genauso wie die Häuser wurden die Spielsachen vom Meer hinweggerissen. Manche tauchten erst Jahre später wieder auf. Hier eine angeschwemmte Puppe, fotografiert 2016. Foto: Yuki Iwanami / picture alliance / Zumapress

Da war überhaupt kein Durchdringen zu unserem Grundstück. Dort stand nichts mehr, kein Haus, und es war auch nicht daran zu denken, nach irgendetwas zu suchen. Überall lagen Sachen herum, von denen man nicht wusste, woher sie kamen. Und so viel Schutt! Es gab keine Erinnerung mehr ans eigene Haus, ans eigene Leben. An materiellen Dingen vermisste ich am meisten Computerspiele. Und ich trauerte um den Garten vor dem Haus. Dort habe ich gern gespielt, wir hatten einen kleinen Teich mit Fischen und Schildkröten.

Als wir in der dritten Evakuierungsstätte waren, fing die Schule wieder an – in einem Nachbarort. Wir wurden mit dem Bus dorthin gefahren. Ich freute mich darauf. Unter uns Freunden sprachen wir nicht darüber, was wir erlebt hatten. Wir waren alle zur selben Zeit am selben Ort und können das ohne Worte teilen. Wir versuchten immer, das lustigste Spiel zu spielen und am besten drauf zu sein, um uns gegenseitig aufzumuntern. Das war unsere Methode, damit umzugehen.

Der Verlust

Was sich geändert hat, ist, dass ich Sachen bewusster wahrnehme. Darüber sprechen wir auch manchmal in der Familie: dass wir uns kaum an etwas erinnern können, was vor dem Tsunami geschah, auch nicht, was an dem Tag passierte – bis das Erdbeben kam. Die Erinnerungen sind total schwach.

Ich kann mir das nur so erklären, dass wahrscheinlich der Schock so krass war, wie ein Schlag ins Gedächtnis, und alles vorher verblasst ist.
Yu Watanabe

Durch die Katastrophe habe ich meinen Großvater verloren. Meine Großmutter hat ihn nicht dazu überreden können, mit in die Schule zu kommen. Das Erdbeben hatte die Tür von unserem Haus beschädigt, und sie schloss nicht mehr. Er sagte, er müsste sie erst mal reparieren, damit sie nicht aufbricht oder weggeschwemmt wird und Leute verletzt. So war er mit Reparaturarbeiten beschäftigt, als der Tsunami kam.

Das alte Schulgebäude ist jetzt ein Museum. Es sieht dort noch immer so aus wie kurz nach dem Tsunami: Es liegt viel Schutt da, und die Zäune vor dem Schulgebäude sind auch ganz krumm und kaputt. Irgendwie zieht es mich immer wieder dahin.

Trotz allem verbinde ich mit dem Ort Geborgenheit, Heimat und Erinnerungen an meine Kindheit, die ein warmes Gefühl in mir auslösen.
Yu Watanabe

Nach einem Jahr in Evakuierungszentren sind wir umgezogen in eine provisorische Unterkunft, das war aber immerhin schon mal eine kleine Wohnung für eine Familie, da musste man sich nicht mehr irgendwelche Räumlichkeiten mit anderen Menschen teilen. Ich glaube, das war der Zeitpunkt, an dem ich dachte: Das ist jetzt ein neuer Alltag.

Für mich ist dieses Gespräch nicht wirklich ein Zurückblicken. Ich habe eher das Gefühl, dass die Erinnerungen keine Erinnerungen sind, sondern etwas, das mich tagtäglich begleitet. Ich glaube, das geht auch vielen meiner Mitschüler so. Obwohl wir klein waren, spürten wir, dass es etwas Besonderes ist und etwas ganz Wichtiges in unserem Leben. Ich weiß noch, dass ich mir ganz bewusst gesagt habe: Ich muss mich daran immer erinnern können! Ich versuche einfach, das von damals weiter in mir zu tragen.

Über die Autorinnen und Autoren

Benedikt Brandhofer
Fotoredaktion & Webdesign
Katja Demirci
Recherche & Text
Yuki Iwanami
Fotos
David Meidinger
Webentwicklung
Mai Rapsch
Dolmetscherin und Übersetzerin
Katrin Schuber
Infografiken
Veröffentlicht am 5. März 2021.