Artikel teilen
teilen

Sie fehlen.

Christel Rothbarth, 85
Technische Zeichnerin
Gestorben am 25. Dezember 2020
Ihre Augen verrieten allen: Bei mir bist du willkommen. Schlechte Laune war ihr fremd, und sie mochte die Menschen.

Krank war sie eigentlich so gut wie nie in ihrem Leben. Nur am Anfang und am Ende. Nach der Geburt machte ihr eine schwere Hautkrankheit zu schaffen, dann kam auch schon bald der Krieg – und beides prägte sie, aber in einem ganz bestimmten Sinne, wie es ihr Bruder Klaus erzählt: Sie habe ein Gottvertrauen entwickelt, dass die Dinge sich schon zum Guten wenden. Sie habe so viel Schlimmes am Anfang erlebt, sodass sie überzeugt war, es könne sie nichts mehr erschüttern.

Sie genoss ihr Leben und ihren Beruf als Technische Zeichnerin, sie ging offen auf die Menschen zu und zeigte ihnen: Du bist willkommen. Sie war ledig, aber nie allein, sondern immer in ihrer Familie.

Alle, die sie kannten, mochten sie, sogar die Handwerker, die die Wohnungseigentümergemeinschaft manchmal beauftragte: „Ohne Frau Rothbarth geht hier gar nichts“, sagten sie. Und auch die Kollegen des Bruders mochten sie, freuten sich immer, eingeladen zu sein zum berühmten Putensonntag der Familie am 7. Januar, dem Geburtstag von Bruder Klaus, wenn Christel für alle die beste Pute der Welt aus dem Ofen zauberte.

Geboren und aufgewachsen ist sie in Charlottenburg, und hier wohnte sie auch ihr ganzes Leben, las täglich und intensiv den Tagesspiegel, schnitt eifrig und akribisch Artikel und Texte aus, die sie sammelte und die sich in Kisten stapelten. Sie sang im Berliner Oratorien-Chor, hatte große Auftritte in der Philharmonie, reiste mit dem Chor oder Freunden, aber der Mittelpunkt des Lebens war die große Wohnung in Charlottenburg, in der die Großfamilie oft zusammenkam.

Im November musste sie ins Krankenhaus, weil die Hüfte gebrochen war. Sie überstand die Operation, machte Reha. Dann brachte eine Patientin das Virus mit ins Doppelzimmer. Christel Rothbarth starb am ersten Weihnachtsfeiertag.

Foto: privat
Horst Jänichen, 89
Referatsleiter
Gestorben am 24. Dezember 2020
Zehn Jahre lang saß er im Gefängnis. Der Aufarbeitung der DDR-Diktatur galt sein Engagement.

Horst Jänichen war 15 Jahre alt, als er 1946 wegen „Widerstands gegen die sowjetische Besatzungsmacht“ im sogenannten Speziallager Nr. 3 in Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert wurde. Nach seiner Entlassung im Juli 1948 blieb er weiter ein Oppositioneller, engagierte sich in der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“, im Dezember 1950 wurde er erneut festgenommen. Wegen „Verbreitung tendenziöser Gerüchte“ verurteilte man ihn zu acht Jahren Freiheitsstrafe, die er vollständig absitzen musste.

Nach seiner Entlassung im Januar 1959 floh er nach West-Berlin, engagierte sich in der SPD, vertrat die Partei als Parlametarier im Abgeordnetenhaus und in der Bezirksverordnetenversammlung im Bezirk Tiergarten. Seit 1973 arbeitete er in der Pressestelle des Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen, 1989 wurde er Referatsleiter im Bundesministerium des Inneren. Er verließ seine Partei im Protest, als sie im wiedervereinigten Berlin eine Koalition mit der Nachfolgerin der SED einging.

Der Aufarbeitung der DDR-Diktatur galt Horst Jänichens Engagement, zu Beginn der 90er Jahre setzte er sich dafür ein, dass aus dem Hohenschönhausener Stasi-Gefängnis, in dem er in seinen jungen Jahren eingesperrt war, eine Gedenkstätte wurde. Später – und zwei Jahrzehnte lang – führte er Besuchergruppen durch das Haus.

Mucksmäuschenstill, so erinnern seine einstigen Gedenkstättenkollegen in einem Nachruf an ihn, seien Besucherinnen und Besucher während seiner Führungen gewesen. „Besonders gut konnte er durch die Erzählungen über sein Schicksal die jungen Erwachsenen erreichen. Auch weil er in ihrem Alter ins Visier des sowjetischen Geheimdienstes geriet.“ Heiligabend ist Horst Jänichen gestorben.

Foto: Dirk Vogel
Walli Jahn, 90
Büroangestellte
Gestorben am 21. Dezember 2020
Eine Oma, wie man sie sich nur wünschen konnte. Und wie herzlich sie gelacht hat!

Das Kochen war Walli Jahns Leidenschaft. Keine, sagt ihre Enkeltochter, kriegte den Grüne-Bohnen-Eintopf so gut hin wie Walli Jahn, sie machte ihn mit Kasseler und einem Schuss saurer Sahne.

Überhaupt war Walli Jahn eine Oma, wie sie man sich nur wünschen konnte, zu allen lieb, und wie herzhaft sie gelacht hat! Walli arbeitete im Büro der Handelsorganisation HO in Eisenhüttenstadt. Der Tischler Hubert Jahn war die Liebe ihres Lebens. 60 Jahre waren die beiden verheiratet, konnten die Diamantene Hochzeit noch feiern, es wurde ihr letztes gemeinsames Fest.

Nach Huberts Tod kam Walli Jahn allein nicht mehr so gut zurecht, die Kinder holten sie 2015 nach Berlin. Mit 85 zog sie in eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke. In der neuen Welt richtete sie sich gut ein, wirkte glücklich. Als sie sich mit Corona infizierte, ging es ganz schnell. Das Rezept für ihre Bohnensuppe konnte sie mit niemandem mehr teilen.

Foto: privat
Norbert Lachmann, 88
Elektromeister
Gestorben am 20. Dezember 2020
Als Kind floh er mit seinen jüdischen Eltern nach Argentinien.

Norbert Lachmanns Eltern sind jüdischen Glaubens, 1936 tut die Familie schweren Herzens, wozu viele andere sich zu spät entschließen: sie verlässt Berlin und wandert nach Argentinien aus. Norbert wächst in Buenos Aires auf, 1957 lernt er dort seine Frau kennen, zwei Jahre später heiraten sie. Nach zwei weiteren Jahren wird ihr Sohn Robert geboren.

Sie haben überlebt, es geht ihnen gut. Die Sehnsucht nach der Heimat aber bleibt – und bewegt 1963 schließlich nunmehr drei Generationen Lachmanns, nach Deutschland zurückzukehren.

Schnell wurzeln sie wieder, und bald wächst blühend ein neues Glück: Norbert und seine Frau sind leidenschaftliche Kleingärtner. Bis sie 2014 stirbt.

Wegen einer Parkinson-Erkrankung muss er in ein Pflegeheim einziehen, wo er sich nachweislich mit dem Corona-Virus infiziert. Norbert Lachmann stirbt am 20. Dezember.

Foto: Robert Lachmann
Haben Sie jemanden durch Corona verloren?
Auf dieser Seite erinnern wir an Berlinerinnen und Berliner, die an Covid-19 gestorben sind. Dies ist ein Anfang. Alle Porträts beruhen auf den Erzählungen Hinterbliebener. Möchten Sie uns auf einen Menschen aufmerksam machen?
Soydan Arslan, 39
Lehrer
Gestorben am 17. Dezember 2020
Seine Schülerinnen und Schüler begleitete er mit großem Einsatz und aus voller Überzeugung, für sie als ihr Lehrer da sein zu wollen.

Soydan Arslan war Lehrer an der Carl-von-Ossietzky-Gemeinschaftsschule in Kreuzberg. Seine Schülerinnen und Schüler begleitete er mit großem Einsatz und aus voller Überzeugung, für sie als ihr Lehrer da sein zu wollen. Als Leiter im sogenannten Europa-Zweig unterrichtete er seine Klasse bilingual: Auf Deutsch und Türkisch. Ein Markenzeichen aber war es, dass er die Kollegen morgens mit einem gut gelaunten „Buongiorno!“ begrüßte. Ursprünglich hatte sich dieser Gruß auf einen italienischstämmigen Kollegen bezogen. Irgendwie verselbstständigte sich das.

Seine Fächer waren Deutsch, Türkisch und Ethik. Die anderen Lehrer schätzten ihn als hilfsbereit und zuverlässig, als professionellen Pädagogen. Für jedermann sichtbar war er, sagen sie, ein wunderbarer, ein liebevoller Mensch. Einer, der ermutigte und zum Lachen brachte, sich durch besondere Lebensfreude und Leichtigkeit auszeichnete, die er auch in schwierigen Situationen nicht verlor.

Er infizierte sich Anfang November mit dem Coronavirus. Zu dieser Zeit gab es bereits Schülerinnen und Schüler an der Schule, die positiv auf das Virus getestet worden waren. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich Soydan Arslan im Dienst ansteckte. Schon wenige Tage nach den ersten Symptomen kam er ins Krankenhaus und dann schnell auf die Intensivstation. Ausgerechnet Soydan!, riefen die Kollegen. Machte er nicht immer den Eindruck, nichts und niemand könne ihn umhauen? Nach knapp vier Wochen hat Soydan Arslan am vorletzten Schultag vor den Weihnachtsferien den Kampf gegen die Folgen der Virusinfektion verloren. Er hinterlässt seine Ehefrau und zwei Kinder.

Die Kollegen sagen: Dieser Tod ist schwer zu fassen. „Wir sind unendlich bestürzt.“ Im Lehrerzimmer an der Kreuzberger Blücherstraße hat Soydan Arslan nach wie vor seinen Platz. „Wer seinen aufmerksamen Blick dorthin schweifen lässt“, sagt einer, „der sieht, wie Soydan unerkannt und fast unsichtbar sich umdreht und lebensbejahend sagt: ,Buongiorno, liebe Kollegin! Buongiorno, lieber Kollege!’“

Foto: privat
Ingeborg Müller-Graf, 87
Buchhändlerin
Gestorben am 16. Dezember 2020
In der Welt kam sie bestens zurecht und wollte doch nie woanders leben als in Berlin.

Ihr Vater war leitender Direktor bei Mampe Halb und Halb, die Familie dafür von Koblenz nach Berlin gezogen, Ingeborg war schnell eine leidenschaftliche Berlinerin und wollte nie woanders leben. Dann begann der Krieg. Bei jedem Fliegerangriff musste sich Ingeborg im Schutzbunker übergeben, doch die traumatischeren Erlebnisse hatte sie auf dem Land, in Brandenburg, wo die Eltern sie besser behütet hofften. Nach dem Krieg siedelte die Familie bei Nacht und Nebel von Ost- nach Westberlin um.

Ingeborg machte ihr Abitur in der Luisenstiftung und ging für einige Monate nach Wales, woraus sich eine lebenslange englische Freundschaft ergab. Anschließend entschied sie sich für eine Lehre als Buchhändlerin und arbeitete bei Kiepert, in der großen Buchhandlung nahe der Technischen Universität. Dann, zwei einschneidende Erlebnisse, quasi zeitgleich: Ingeborg heiratete und um ihre Heimat wurde eine Mauer gebaut. Eine Tochter und ein Sohn wurden geboren. Ihnen und ihrem Mann Burkhard, der Diabetiker vom Typ 1 war, was damals weit größere Erschwernisse im Leben bedeutete als heute, galt fortan ihre ganze Energie.

Zu ihrer älteren Schwester Erika hatte sie Zeit ihres Lebens eine enge Bindung. Mit der Familie segelte sie auf der Havel. Ingeborg war willensstark und anpackend – Japan, Moskau, die USA: Sie wollte das sehen, also fuhren sie hin. Ihre zweite Heimat fand sie auf einem Bauernhof im Schwarzwald. Ingeborg fuhr das Auto selbst, auch lange Strecken, hatte es bereits mit 18 gelernt und kannte Berlins Straßen wie ein Taxifahrer. Sie sprach sehr gutes Englisch und schlug sich auch auf Französisch bestens durch Paris.

Als ihre drei Enkelinnen kamen, wurde sie eine liebevolle Großmutter. Zu einer Routineuntersuchung ging sie ins Krankenhaus. Das Virus, es wartete vermutlich dort. Nach zweieinhalb Wochen gab ihr Körper auf.

Foto: Christine Müller-Graf
Manfred Otter, 83
Bauingenieur
Gestorben am 16. Dezember 2020
Er kalkulierte die Statik der Oberbaumbrücke und half beim Bau des Tunnels am Flughafen Tegel.

Wer Manfred Otter kannte, der kommt nicht umhin, sich in Berlin ständig an ihn zu erinnern. Auf dem Weg vorbei am Europa-Center zum Beispiel, bei dessen Grundsteinlegung er 1965 als junger Bauingenieur teilhatte. Er kalkulierte die Statik der Oberbaumbrücke und half beim Bau des Tunnels am Flughafen Tegel. Unter anderem.

Er hat sich in dieser Stadt verewigt, die zu seiner Heimat geworden war, als er knapp sechsjährig mit seiner Mutter aus dem Kreis Meseritz-Obrawalde, Provinz Posen, herzog.

Kurzzeitig ging er als junger Mann nach Köln, der Arbeit wegen. Er verliebte sich ins Rheinland – und später, da war er zurück an der Spree, in eine Rheinländerin. Sie zogen nach Charlottenburg, 1978 wurde ihre Tochter geboren, 1979 heirateten sie.

Die rheinische Fröhlichkeit exportierten sie nach Berlin, feierten, wann immer sich eine Gelegenheit bot. Verkleideten sich aufwendig zum Karneval, den sie anfangs oft noch in Köln verbrachten: als Zahnpastatuben, als wildbunte Clowns. Neben seiner Arbeit liebte Manfred Fußball, Tennis Borussia insbesondere. Zu allem anderen musste man ihn ein bisschen schubsen: Kinobesuche, Ausgehen. Ein Hobby? Kein Interesse. Er war glücklich mit dem Leben, wie es war.

Die Demenz machte es nötig, dass er in ein Pflegeheim in der Nachbarschaft zog. Seine geliebten Spaziergänge durfte er weiterhin unternehmen – bis zum Lockdown. Da schlief Manfred ein. Dass er sich mit Corona infiziert hatte, wurde erst nach seinem Tod bekannt.

Foto: privat
Margot Zirpel, 83
Klavierlehrerin
Gestorben am 16. Dezember 2020
Sie zog mit ihrem Mann nach Bremen, Hannover, Kiel und Kopenhagen. Und kehrte wieder zurück.

Margot wird in Moabit als zweites von drei Kindern geboren. Der Vater Anton stirbt in den letzten Tagen des Krieges in den Kämpfen um Berlin. In den Wirtschaftswunderjahren heiratet sie, zieht mit ihrem Mann nach Bremen, dann Hannover, Kiel und schließlich Kopenhagen.

Sie bekommen drei Kinder, die in Kopenhagen bleiben werden, als die Eltern später zurück nach Deutschland gehen. Den Mauerfall erlebt sie in Berlin. Ihr Mann und sie genießen das Zusammensein mit Freunden, sind leidenschaftliche Gastgeber, Margot veranstaltet Musikabende mir Klavier, Cello und Geige. Bis sie an Demenz erkrankt. 2020 zieht sie in ein Pflegeheim in Zehlendorf.

Auf einem Foto, das ihr Sohn Martin im Oktober bei einem Spaziergang am Schlachtensee von seinen Eltern aufgenommen hat, sieht sie lebensfroh aus. Zwei Monate nach dem Einzug infiziert sie sich mit dem Coronavirus. Margot Zirpel stirbt am 16. Dezember.

Foto: Martin Zirpel
Hannelore Skoda, 89
Hauswirtschafterin
Gestorben am 30. November 2020
Frische Blumen, Gemüse aus dem eigenen Garten, das liebte sie.

Immer zu Weihnachten wurde das Haus der Skodas in Delmenhorst zum Mittelpunkt der Familie. Dort kamen sie alle zusammen und Hannelore Skoda kochte und buk und richtete alles her, auf dass sich alle wohlfühlten. Sie tat es gern. Schöne Blumen, Gemüse aus dem eigenen Garten, das liebte sie. Und ihre drei Kinder natürlich, eine gute Schulbildung sollten sie bekommen, das war ihr wichtig.

Sie selbst hatte darauf verzichten müssen. Geboren 1931 auf einem Bauernhof in Niedersachsen war sie gerade acht, als der Krieg begann. Früh musste sie mitarbeiten. Später erzählte sie von dem Hütehund, dessen Welpen sie auf das Feld tragen musste, weil er sonst nicht mitgekommen wäre, die Kühe von der Weide zu holen.

Später besuchte sie die Hauswirtschaftsschule. Auf einer Tanzveranstaltung ließ Willi Skoda sie nicht aus den Augen, sie hatte sich im selbstgenähten Kostüm als Amor verkleidet. Jeden Sonntag gingen sie ins Tanzlokal, ließen keinen Foxtrott der Kapelle aus.

Als Willi 2004 starb, zog sie zu den Kindern nach Berlin, ein Kindertraum von ihr, Charlottenburg. Seit September 2016 lebte sie im Pflegeheim. Dann kam Corona, die Kinder durften sie nur noch selten besuchen. Am Ende half alle Vorsicht nichts.

Foto: privat
Gerhard Menn, 55
Seelsorger
Gestorben am 13. Dezember 2020
Tausenden Patienten und Angehörigen spendete er Trost und Zuversicht, nahm er die Angst.

Einer der Menschen, um die er sich kümmerte, hinterließ auf einer Klinikbewertungswebseite die Nachricht: „Außerdem stand Herr Dr. Gerhard Menn (Seelsorger) vom ersten Tag an an meiner Seite und gab mir Kraft und Vertrauen. Ich sage einfach nur Danke.“ Zweieinhalb Jahre ist das her. Ein Darmkrebspatient, offenbar sehr froh mit allen Aspekten der Behandlung seiner Krankheit im Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede.

„Jeder Mensch stand bei Pastor Gerhard Menn immer im Mittelpunkt seines seelsorgerischen Handelns“, sagen seine einstigen Kollegen, „unabhängig von Religion, Herkunft und Lebenssituation“. Tausenden Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern habe er Trost und Zuversicht gespendet, er nahm ihnen die Angst vor Operationen, war nahezu jederzeit ansprechbar.

Gerhard Menn – ausgebildeter Krankenpfleger und Theologe – hatte eine Zusatzqualifikation in Psychoonkologie, leitete das Ethikkomitee der Klinik und war zuständig für die Projekte „Angstfreies Krankenhaus“ und „Anonyme und stille Geburten“. Der Deutschen Welle sagte er einmal: „Die Frauen, die zu uns kommen, möchten unerkannt bleiben. Wenn sie einen muslimischen Hintergrund haben, steht auch das Thema Ehrenmord im Raum. Oder es ist häusliche Gewalt oder Vergewaltigung mit im Spiel. Da fehlt den Frauen die Kraft, sich zu offenbaren.“

Bevor Menn 2012 ans Waldfriede-Krankenhaus kam, arbeitete er viele Jahre als Pastor in der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Er hinterlässt seine Ehefrau und zwei Kinder.

Foto: privat
Eberhard Franke, 89
Leierkastenmann
Gestorben am 12. Dezember 2020
Ein Ereignis machte ihn weltberühmt: der Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke.

Er hat sie noch erlebt, die große Zeit der Drehorgelspieler in den 1930er Jahren, als 600 von ihnen in Berlin registriert waren. Jahrzehnte später erzählte Eberhard Franke, wie er einem als Sechsjähriger durch die Straßen folgte und für ihn die Münzen aufsammelte – ein stilechter Vertreter seiner Zunft mit einem echten Affen als Maskottchen.

1980 kaufte sich Orgel Ebi, wie er sich nannte, für 6000 Mark einen eigenen Leierkasten. Sein Affe allerdings war aus Plüsch. Es wurde seine zweite Karriere, nach Jahren als Ausfahrer und in der Weiterverarbeitung des Ullstein-Verlags. Frankes bevorzugtes Revier war der Kurfürstendamm und überall dort, wo er die Aufmerksamkeit der Touristen auf sich zog.

Als am 11. Februar 1986 der letzte Agentenaustauch des Kalten Kriegs von Statten ging, baute er sich mit seinem Leierkasten auf der Westseite der Glienicker Brücke auf. Fotografen und Kameraleute aus aller Welt hielten den Moment fest. Von da an war Franke gefragt: Er verabschiedete die PanAm bei deren letzten Abflug aus Tegel, orgelte für die Queen, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow. Als die Mauer fiel, ging er als einer der ersten durchs Brandenburger Tor. Mit „Unter den Linden“.

Nicht vor jedem Einkaufspalast wurde seine Musik geschätzt. Immer häufiger werde er von angestammten Plätzen vertrieben, beklagte er sich im Interview 2015, zu sehen auf Youtube.

Ende November begab er sich mit Rückenschmerzen ins Krankenhaus. Vermutlich hat er sich dort mit dem Coronavirus infiziert. Er starb am Samstag, dem 12. Dezember.

Foto: Oliver Franke
Wolfgang Walter, 93
Aufzugsmonteur
Gestorben am 11. Dezember 2020
Er suchte das Schöne. Ein oft gesagter Satz von ihm: Ich bin zufrieden.

Er war ein Urberliner, Alt-Tempelhofer. Sein Jahrgang gehörte zu denen, die noch in den Krieg mussten, was folgte, waren sechs Jahre russische Gefangenschaft und ein lebenslanges Trauma. Wieder in Berlin zurück, starben kurz darauf seine Eltern. Dann, endlich, eine glückliche Fügung: dieser Frau zu begegnen, die seine werden sollte.

Sie bauten sich ihre kleine, nicht übermäßig begüterte Existenz auf, waren fast 60 Jahre verheiratet. Dem Tennisspiel haftete nichts Elitäres an, das Kind kam mit und tobte selbstverständlich herum. Ein unspektakuläres Leben, keines, von dem die Welt erfahren hätte. Aber ein gern gelebtes, das war es doch.

Zuerst war Wolfgang Walter Aufzugsmonteur und arbeitete sich zum technischen Angestellten hoch. In seiner Freizeit werkelte er an seiner Modelleisenbahn, die niemals fertig wurde.

Als seine Frau starb, suchte er weiter das Schöne. Durch Zufall lernte er ein Ehepaar kennen, das sich auf Ausflüge für Senioren spezialisiert hatte. Der Spreewald, Finowfurt, Templin – oft endeten die Erzählungen darüber mit: war das wieder ein schöner Tag. Ein oft gesagter Satz von ihm: Ich bin zufrieden.

Dann begann die Pandemie, das Einigeln zu Hause. Bis zum 15. November, ein Sturz, ein Bruch, der Oberarm. Die Operation hat er gut überstanden. Covid-19 nicht.

Foto: privat
Ilse Grützner, 84
Lehrerin
Gestorben am 10. Dezember 2020
Immer das Beste daraus machen, das war ihr Motto.

Ilse Grützner war gerade neun, als ihre Heimatstadt Dresden im Bombenhagel unterging, mittendrin verbrannte ihr Zuhause. Das bisschen Habe, das sie noch hatten, zog ihre Mutter im Handwagen nach Zittau. Ilse und ihre kleine Schwester Ellen folgten.

Als gut zehn Jahre später die Eltern mit der Schwester in den Westen gingen aber, blieb Ilse 20-jährig allein zurück. Sie wurde Lehrerin für Musik, spielte fantastisch Klavier und Akkordeon, leitete den Hort in der 5. Polytechnischen Oberschule in Köpenick.

Beliebt war sie, weil sie gerecht war, alle gleich behandelte, egal, ob der Direktor vor ihr stand oder die Küchenhilfe. Letztere war es, die sie mit Klaus zusammenbrachte, dem Malermeister, mit dem sie mehr als 50 Jahre verheiratet war.

Die schöne Wohnung in Wendenschloss gleich am langen See mussten sie aufgeben, als Ilse die Diagnose Multiple Sklerose bekam. Ilse ertrug ihre Krankheit klaglos und Klaus blieb an ihrer Seite. Auch im März 2020, als sie entschieden, in ein Pflegeheim zu ziehen. Nur einen Tag nach ihrem Einzug kam der Lockdown. Ende November wurde Ilse positiv auf Covid-19 getestet. Allein zurück blieb Klaus, inzwischen ebenfalls corona-positiv.

Foto: privat
Günter Rossenhövel, 82
Controller
Gestorben am 9. Dezember 2020
Rechnen konnte er wie kein Zweiter, der Verstand war scharf – und er beharrlich.

Die prägende Erfahrung seiner Kindheit: lange Bunkernächte. Hamm im Ruhrgebiet, mindestens 23 Mal wird die Stadt schwer bombardiert. Die Schulbildung fällt nachkriegstypisch kurz aus, nach einer kaufmännischen Ausbildung in einer Zeche arbeitet sich Günter Rossenhövel in den 1970er Jahren über den dritten Bildungsweg zum Leiter für Rechnungswesen hoch. Große, mittelständische Unternehmen, Maschinenbau, pharmazeutische Industrie.

Rechnen kann Günter wie kein Zweiter, mit seinem Verständnis für kaufmännische Zusammenhänge und einem bis zuletzt hervorragenden Gedächtnis ist er überdies ein exzellenter „Controller“. Seine Ehefrau und die zwei Kinder müssen oft bis spätabends warten, ehe er nach Hause kommt.

Eine neue Arbeitsstelle bringt ihn 1985 nach West-Berlin. Schnell kennt er nahezu alle Theater in West und Ost. Auch, wenn eine andere Anstellung ihn schließlich wieder wegführen wird aus dieser Stadt, zurück nach Nordrhein-Westfalen: Nach Berlin kehrt er so oft es geht zurück. Seine Gesundheit war stets bestens. Dann kommt Diabetes, das Herz wird krank, Dialyse. Wieder und wieder rappelt er sich auf. „Kriegskinder sind zäh“, sagt die Hausärztin. Familie und Pfleger bemühen sich nach Kräften. Dann passiert es doch: Im neunten Monat der Pandemie steckt er sich an.

Foto: privat
Gerda Neumann, 97
Kaufmännische Angestellte
Gestorben am 9. Dezember 2020
Viele Menschen sah sie kommen und gehen. Für alle hatte sie ein gutes Wort, einen verstehenden Blick.

Erst vor einem Jahr, im Januar 2020, war sie ins Heim umgezogen. Für sie war das bitter, denn sie war in ihrem Haus vom Vaterländischen Bauverein in Wedding die älteste Mieterin. Geboren 1923 an der Bernauer Straße, war sie 1943 in den ersten Stock des Mehrfamilienhauses gezogen. Als Zwanzigjährige, da hatte sie gerade geheiratet, mitten im Krieg. Berlin wurde zerbombt und wiederaufgebaut, dann zerteilt. In vielen Jahrzehnten hat sie die Menschen in ihrem Haus kommen und gehen sehen. Kinder wurden geboren, Menschen starben, Generationen wechselten in ihrem Treppenaufgang an Gerda Neumann vorüber. Viele haben sie als Nachbarin gegrüßt, manche als Freundin ins Herz geschlossen. Für alle hatte sie ein gutes Wort, einen verstehenden Blick.

Ihr Amt als Kirchenälteste in der Evangelischen Versöhnungsgemeinde übernahm sie in den 90er Jahren, als die neue Kapelle geplant wurde. In der alten Kirche war sie getauft und konfirmiert, an ihrem Turm hatte sie das Uhrzeit-Lesen gelernt – und 1985 schmerzvoll miterlebt, wie alles gesprengt wurde. Davon berichtete sie später in Interviews. In jenen Jahren, als das vor ihrem Küchenfenster einst geteilte Berlin wieder zusammenfand, bekam Gerda Neumanns Biografie eine politische Dimension. Bei der Mauergedenkstätte Bernauer Straße engagierte sie sich als Zeitzeugin.

Die Gemeinde und ihre Kirche, in der heutigen Gestalt der Kapelle, waren ihr biografischer und geistlicher Lebensort. Sie hatte ihren Stammplatz, ganz in der Nähe zum historischen Altarretabel. Wenn sie vor der Abendmahlsfeier das Beichtgebet sprach, wurde es ganz still.

Später, beim Eintreten in den Altersheim-Garten, sahen sie der Pfarrer und die anderen, die sie besuchten, immer schon von weitem. Ruhig saß sie in ihrem Rollstuhl und blinzelte in die Sonne. Sehen konnte sie kaum noch, aber sie erkannte die Stimme und lächelte. Gerda Neumann konnte gut zuhören. War milde und gütig. Auch der Stress der Corona-Zeit schien an ihr vorüberzugehen.

Im letzten Jahr unterhielt sie sich viel mit ihrem Vater, und mit ihrer Tochter, beide waren längst gestorben. Sie war bereits wie auf Besuch, in der kommenden Welt.

Foto: Thomas Jeutner
Walter Pohl, 93
Elektriker
Gestorben am 9. Dezember 2020
Er tischlerte und schnitzte, malte, reparierte. Diesen Händen schien alles zu gelingen.

Sein Geburtstag fällt in das Jahr, als Charles Lindbergh nonstop von New York nach Paris fliegt: 1927. 17 Jahre später wird er selbst fliegen, Segelflugzeuge, er erhält eine Grundausbildung als Pilot, in den Einsatz für die Wehrmacht muss er nicht mehr. Den Krieg überlebt er unbeschadet, wenn auch außerhalb seiner schlesischen Heimat.

Er lernt einen handwerklichen Beruf, weil’s so üblich ist: Elektriker. Findet seine Liebe fürs Leben und gründet eine Kleinfamilie in Berlin. Viel Fleiß, ein bisschen Wohlstand.

Erst im Vorruhestand beginnt er mit dem Tischlern. Kunstvoll gestaltete Tische und Schmuckkästchen mit feinsten Intarsien, geschnitzte Skulpturen. Er reproduziert Ölgemälde bekannter Meister: „Der Ausritt“ von Franz Krüger, „Mann und Frau in Betrachtung des Mondes“ von Caspar David Friedrich. Diesen Händen scheint alles zu gelingen.

Bis ihn die Demenz vereinnahmt. Die letzten beiden Jahre muss er – zu Hause bewältigen sie die Situation nicht mehr – in einer so genannten Seniorenresidenz verbringen. Als das Virus einmal im Haus ist, steckt auch er sich an.

Das 70. Weihnachtsfest mit seiner geliebten Frau: Walter Pohl erlebt es nicht mehr.

Foto: privat
Regina Mindt, 63
Erzieherin
Gestorben am 4. Dezember 2020
Gesellig, offen, herzlich, so war sie und jeder war bei ihr willkommen.

Sie hatte einen Herzinfarkt gut überstanden, und als Corona kam, schützte sie sich und übte Verzicht: Regina Mindt, 63 Jahre alt, Mutter dreier Kinder, war ein Familienmensch und eine leidenschaftliche, achtfache Oma mit Enkeln im Alter zwischen eineinhalb und 22 Jahren. Und dann das: keine Konfirmation, kein Geburtstag, immer nur Kontakt auf Abstand.

In ihrem Kiez, in Spandau, Ortsteil Hakenfelde, Waldsiedlung, kannte sie fast jeden und fast jeder kannte sie. Hier war sie geboren und immer geblieben. Zuhause waren traditionell alle Türen offen. Sogar für die Freundin der Enkelin war sie wie die eigene Oma. Jeder war willkommen.

Sie war da für die Familie, hielt sie beisammen, die Arme jederzeit ausgebreitet, um zu helfen, zu trösten, um Familie, Verwandte, Freunde und Bekannte zu beherbergen. Sie war Erzieherin, leitete einen eigenen Kinderladen, sah viele Kinder großwerden und viele wegziehen.

Wegen einer Atemwegserkrankung kam sie in ein Krankenhaus. Nichts Schwerwiegendes. Erst dort steckte sich Regina Mindt mit Corona an – und kam nicht mehr heraus.

Foto: privat
Anneliese Bothe, 75
Technische Zeichnerin
Gestorben am 3. Dezember 2020
Sie liebte Musik, die von Bach besonders, sang Sopran in der Dahlemer Kantorei.

Sie liebte Musik. Und die Musik liebte sie zurück – gewissermaßen.

Anneliese sang im Mädchenchor der Wilmersdorfer Lindenkirche, als ein nicht mehr ganz junger Witwer die Leitung hatte. Die knapp 28 Jahre Altersunterschied störten sie nicht, 1971 heirateten die beiden.

Ihr Mann, Organist in der Kirchengemeinde und später Kirchenmusikdirektor, war ein hervorragender Pianist. Anneliese, hauptberuflich tätig als technische Zeichnerin und schließlich Datenverarbeitungsassistentin bei der AEG, organisierte die Hauskonzerte, die er bis kurz vor seinem Tod 2011 noch gab.

Weil sie keine eigenen Kinder bekam, schenkte sie ihre Zuneigung den Kindern ihrer Freunde, brachte kleine Geschenke mit, kümmerte sich liebevoll. Menschen um sie herum begegnete sie offen, ganz egal woher sie kamen. In ihrer Dahlemer Gemeinde gab sie sonntags nach dem Gottesdienst Essen an Geflüchtete aus. Um dies zu finanzieren, spendete sie regelmäßig Gegenstände zum Basarverkauf.

Anneliese war lebensfroh im wahrsten Sinne: Sie engagierte sich, pflegte ihre Bekanntschaften, genoss Kunst – vor allem natürlich Musik. Mit ihren Freunden besuchte sie, wann immer es ging, Konzerte des Rundfunkchors, des RIAS-Kammerchors oder die Brandenburgischen Sommerkonzerte. Die Musik von Bach war ihr mit am liebsten, sie selbst sang Sopran in der Dahlemer Kantorei.

Selbstverständlich, dass sie sich auch bis zu seinem Tod um ihren Bruder kümmerte, der zuletzt in einem Pflegeheim lebte. Vermutlich hat sie sich dort angesteckt. Vierzehn Tage nach ihrem letzten Besuch fühlte sie sich unwohl. Drei Wochen später verstarb sie in einem Krankenhaus.

Foto: privat
Weniger lesen
Mehr lesen
Lothar Kuttner, 92
Techniker
Gestorben am 30. November 2020
Letztlich hat er immer Glück gehabt. Nur dieses Mal nicht.

Er sah zehn bis 15 Jahre jünger aus, fit war er auch, und 100 wollte er werden, mindestens. Noch viel Leben genießen, das ihn als 17-Jährigen in den Krieg geführt hatte. Der Lungenstecksplitter bohrte sich bis kurz vor sein Herz und blieb dort für immer. Als Lothar aus der Kriegsgefangenschaft zurück nach Berlin kehrte, gab es Ärzte, die meinten, ihm den Arm abnehmen zu müssen. Professor Ferdinand Sauerbruch verhinderte das. 

Aufgewachsen war Lothar bei seiner Oma in Schöneberg, Motzstraße, die Eltern hatten sich früh getrennt – und ihn und die zwei jüngeren Brüder auf die Familie verteilt. Bevor er Soldat wurde, bestand er schnell noch die Notgesellenprüfung zum Feinmechaniker, nach seiner Rückkehr half er in der Firma des Vaters, der Spielautomaten entwickelte. Die Anstellung von Dauer fand er als Techniker bei IBM. Er brachte sich das Akkordeonspielen bei, obwohl er keine Note kannte. Eine eigene Familie, ein eigenes Heim: Seine Frau und er fanden es direkt am Stadtpark Steglitz.

Nachdem sie starb, wohnte er allein, gegenüber von Tochter und Schwiegersohn. 2011 und 2015 überstand er sowohl einen leichten Schlaganfall als auch eine Hirnblutung, 2018 wurde ihm ein Darmtumor entfernt. Letztlich hat er immer Glück gehabt. Nur dieses Mal nicht. 

Natürlich hatten sie es ihm verboten, trotzdem stieg er am 16. November auf eine Leiter. Die Ärzte beruhigten: Der Beckenbruch heilt von allein. Den Besuchern fiel die Wärme im Zimmer auf. Zwei Tage später hatten die Tochter und ihr Mann erste Erkältungssymptome. Es gehe ihm gut, „der macht schon wieder Scherze“, sagte eine Pflegerin, als sie erfuhren, dass er auf die Isolierstation verlegt worden war. Tochter und Schwiegersohn, beide inzwischen ebenfalls positiv getestet, telefonierten täglich mehrfach mit ihm. 

Dann: eine Lungenentzündung. Im Schlaf zieht er sich die Sauerstoffmaske herunter. Auf der Intensivstation wäre er besser unter Kontrolle, heißt es. Am Sonntag bittet eine Schwester, am Montag wieder anzurufen, wenn ein Arzt sprechbar sei. Montagfrüh ist es die Oberärztin, die sich zuerst meldet. Lothar Kuttner starb an Herzversagen. 20 Minuten lang hätten sie vergeblich versucht, ihn zu reanimieren.

Foto: privat
Roswitha Reichelt, 80
Sekretärin
Gestorben am 27. November 2020
Sie war Sekretärin beim Tagesspiegel. Ihr Mann führte sie in die West-Berliner Künstlerszene ein.

Der Vater war bereits gefallen, da verlor die gerade Vierjährige auf der Flucht aus Ostpreußen die Mutter aus den Augen. Es war der Winter 44/45, und Roswitha erzählte später oft von der Verlustangst, die sie gespürt hatte. Die beiden fanden sich wieder, in Berlin brachte die Mutter die Familie mit Näharbeiten durch.

1961 fing Roswitha Reichelt als Sekretärin beim Tagesspiegel an, lernte dort Hasso Hinke kennen, Pressezeichner, Karikaturist, Maler, Künstlername Hai. Der führte sie in die West-Berliner Künstlerszene der 60er Jahre ein, in das Lokal „Die Spitze“, nahm sie mit auf den Wolken-Ball der Karikaturisten im Schöneberger Prälaten. Die beiden reisten gern und viel, etwa nach Südfrankreich. Glückliche Jahre.

Nach der Geburt ihres Kindes wechselte Roswitha zur „B.Z.“, die Ehe ging auseinander. Der nächste Mann starb an Krebs. Die Demenz kam früh. Als sie es zu Hause nicht mehr schaffte, zog sie in eine WG für Pflegebedürftige.

Anfang November traten bei ihr Erkältungssymptome auf. Eigentlich galt sie als von Corona geheilt, als sie am 20. November aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Eine Woche später war sie tot.

Foto: privat
Christel Schneider, 83
Büroangestellte
Gestorben am 24. November 2020
Sie hatte viele Freunde und eine große Freude: das Singen.

Hatten die Freunde eine Weile nichts von ihr gehört, dann kam irgendwann, aber garantiert: ein Brief von ihr. Christel Schneider, genannt „Chrille“, war niemand, der sich aufdrängte, sie war eher die Ruhige, aber sie liebte die Geselligkeit, und sie kümmerte sich.

Vor allem liebte sie das Singen, zeitlebens, mit engen Freunden und im Oratorienchor von Neukölln. Zu ihrer Beerdigung, Kiefernsarg, vor der Friedhofskappelle der Philipp-Melanchton-Kirche in Neukölln, fanden sich auch Freunde aus ihrem Jugendkreis ein. Dieser Kreis existierte seit den 50er Jahren, manche heirateten, auch untereinander, manche blieben Single wie „Chrille“, aber befreundet blieben sie ein Leben lang.

Sie fuhren gemeinsam und fast jedes Jahr zum Singen nach Usedom. „Chrille“ sang dann nicht nur, sondern organisierte und fotografierte, damit später alle eine Erinnerung hatten. Als sie nicht mehr alles alleine schaffte, musste sie ihr geliebtes Neukölln verlassen und zog in ein Pflegedomizil nach Reinickendorf – weit weg von ihrem Freundeskreis. Alle dachten, sie hätte Covid-19 überstanden. Dann war das Virus doch stärker.

Foto: privat
Tariq Mahmood, 64
Lebensmittelhändler
Gestorben am 24. November 2020
Er wirkte so, als hätte er verstanden, worum es im Leben wirklich geht.

Tariq Mahmood war ein umtriebiger Mann. Mit Mitte 20 aus Pakistan nach Berlin gekommen, fand er eine Anstellung in einem Flüchtlingsheim in Spandau. Dort arbeitete er sich zum Leiter hoch. Mahmood war außerdem Schöffen-Richter und Dolmetscher bei Gericht. Bekannt wurde er in Moabit durch den Supermarkt TS Foods, den er Ende der 90er Jahre auf dem Gelände der alten Schultheiß-Brauerei gründete, weil die Lebensmittel aus der Weltregion, aus der seine Frau und er stammten, nur schwer zu bekommen waren.

Seine Frau ist Iranerin. Er hat sie im Flüchtlingsheim kennen gelernt, in dem sie lebte und er arbeitete. Die ganze Familie arbeitet im Laden mit, in dem sie Lebensmittel aus Indien, dem Iran, Afghanistan, Pakistan und Afrika verkaufen. Als die Schultheiß-Brauerei zur Shopping Mall umgebaut wird, ziehen sie in die Alt Moabit 74 um. „Klopapier hin oder her, wirklich Sorgen mache ich mir erst, wenn die Berge von Reissäcken hier kleiner werden“, erinnert sich eine Kundin an die Zeit des ersten Lockdowns.

Im zweiten Lockdown hat er seinen Sohn, der noch immer ins Fitnessstudio ging, vor Corona gewarnt. Als der Sohn sich nicht gut fühlte, begleite er ihn zum Test. Das Ergebnis war negativ. Seines nicht.

Dreieinhalb Wochen war er an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Sie haben zu seinem Gedenken ein Foto von ihm ins Schaufenster gestellt. Seitdem tragen Kunden ihre Geschichten mit Mahmood an sie heran: Einem hat er den Einkauf geschenkt, als der kein Geld hatte, einem Flüchtling die Briefe vom Amt übersetzt. „Moabit ist ärmer ohne ihn“, schreibt eine Kundin. „Er strahlte so eine freundliche Gelassenheit aus. Man fühlte sich wohl in seiner Gegenwart.“ Wie bekannt er im Viertel war, kann man daran ablesen, dass die Polizei bei seiner Beerdigung in Gatow, zu der fünfzig Menschen zugelassen waren, einen so großen Andrang erwartet hat, dass sie vorsorglich die Potsdamer Chaussee sperrte.

Foto: Annette Blum
Jakov Kuznetsky, 83
Ingenieur
Gestorben am 24. November 2020
Drei Leben führte er, in Sibirien, Moskau, Berlin, und jedes Leben liebte er.

Ein Mann wie er, der doch schon so viel erlebt hat, der jammert nicht. Und hatte nicht auch der Arzt gesagt, es sei nur ein milder Coronaverlauf?

Jakov Kuznetsky wurde 83 Jahre alt. Er stammte aus Krasnojarsk in Sibirien, wuchs auf in Omsk. Das war sein erstes Leben. Dann zog er der Liebe wegen nach Moskau, heiratete dort zum zweiten Mal, leitete als Ingenieur eine Uhrenfabrik. Das war sein zweites Leben.

Das dritte führte ihn, den jüdischen Russen, Kriegskind, mit seiner Frau und der Tochter, die klassische Musik studierte, erst nach Baden-Baden und schließlich nach Berlin. Als Berlin noch eine geteilte Stadt war, kamen sie öfter nach Ost-Berlin, und Jakov Kuznetsky mochte diese Stadt irgendwie. Zuletzt wohnte er in Charlottenburg, es war sein Kiez.

Ohnehin hatte er ein Talent, das half ihm überall auf der Welt: Er konnte sehr gut mit Menschen, konnte sie für sich gewinnen. Er war ein Taten-Mensch, er mochte das Leben sehr und er konnte andere motivieren, das Beste aus sich herauszuholen. Zu Hause konnte er albern sein und lustig – er war da für seine Frau und seine Tochter. Immer.

Dann änderte sich der Corona-Verlauf. Das Virus ließ ihn nicht mehr los.

Foto: privat
Christa Maternowski, 81
Technische Zeichnerin
Gestorben am 9. November 2020
Sie liebte es, mit ihrer Kunst Freude zu schenken. Für eine Ausstellung reichte die Kraft nicht.

Sie war eine stille, bescheidene Frau, sagen diejenigen, die sie kannten, das, was man alleinstehend nennt – und doch seit vielen Jahrzehnten dazugehörig: Im Frauen- und Seniorenkreis, in der Malgruppe, in der Gemeinde der Auferstehungskirche in Friedrichshain. An viele hat sie – oft spontan – Bilder verschenkt, mal getuscht, mal mit dem Bleistift gezeichnet, von Sonnenuntergängen, Gärten. Scherenschnitte. An ihrem kleinen Schreibtisch in ihrer Einzimmerwohnung fertigte sie sie an und hörte gern Beethoven dabei. Den anderen gefiel ihre Kunst so gut, sie schlugen vor, sie auszustellen, Christa entgegnete: „Ich brauche meine Kraft für andere Sachen.“

Wegen einer leichten psychischen Erkrankung hatte sie einen gesetzlichen Beistand. Sparsam war sie, schon notgedrungen. Doch als die Gemeinde ihre lang ersehnte, neue Kirche bekam und es hieß, die werde keine Glocken haben, da startete Christa Maternowski einen Aufruf und rührte und trommelte und spendete selber eine, wie die anderen sagen, „erhebliche“ Summe, in erstaunlich kurzer Zeit kam so tatsächlich genug zusammen.

Weil Christa ein ganzes Stück entfernt wohnte, konnte sie die Glocken zu Hause aber selber gar nicht hören. Da hatten die anderen eine Idee. Jeden Abend um 18 Uhr rief fortan im Wechsel einer bei Christa an und hielt das Telefon aus dem Fenster. „Christa, deine Glocken!“

Wo sie sich infizierte? Keiner weiß es. Als der Prädikant noch einmal auf die Idee einer Ausstellung zurückkam, wehrte sie erneut ab. „Das machen wir später einmal.“ Sobald die Corona-Situation es zulässt, werden in der Winterkirche der Auferstehungsgemeinde ihre Kunstwerke zu sehen sein. Geplant war der 15. Januar. Am Tag davor wird sie beerdigt.

Eine Sozialbestattung in Wedding war schon in die Wege geleitet, doch die anderen erinnerten sich: Hatte nicht Christa erzählt, sie habe alles organisiert? Eine gab keine Ruhe, und als endlich mithilfe der Hausverwaltung im Beisein von Zeugen die Wohnung aufgeschlossen wurde, da fand man alles wohlsortiert, vorbezahlt und geregelt, bis hin zur Musik: Beethoven. Christa Maternowski wird im Grab ihrer Eltern beigesetzt, so, wie sie es sich gewünscht hat, auf dem Friedhof an der Friedenstraße. Von dort kann man die Glocken hören.

Foto: privat
Angela Baudach, 73
Buchhalterin
Gestorben am 7. November 2020
Ihr Enkel zog bei ihr ein. Welch ein Segen, dachten sie, für beide.

Geboren wurde Angela Baudach in Lüneburg, nach Berlin zog sie der Liebe wegen, sie folgte ihrem Mann, zuletzt wohnte sie in Köpenick. Die, die sie kannten, heben hervor, was für ein herzlicher Mensch sie war, jemand, der auf andere zuging. Regelmäßig verabredete sie sich zu ihrer Spielegruppe, sie liebte das Theater, Musicals, lachte über die Pantomimen Bodecker & Neander – vor Corona, als es das alles noch gab.

Ihr Mann starb vor drei Jahren, doch sie blieb nicht lange allein in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung. Sie nahm den Enkel auf, der zum Studieren nach Berlin kam und dringend eine Unterkunft suchte. Ganz gesund war sie nicht, litt unter Bluthochdruck, die Arbeit als Verkäuferin im Lebensmittelhandel hatte sie aufgeben müssen. Nach einer Umschulung arbeitete sie bis zur Rente als Buchhalterin in einem Neuköllner Motorradladen.

Im November, es war der 3., ein Dienstag, musste sie sich übergeben, hatte Fieber. Am nächsten Tag schien es ihr zunächst besser zu gehen, doch Fieber und Mattigkeit blieben. Am Donnerstag hatte sie Atembeschwerden, ihr Enkel sagte: Du musst ins Krankenhaus.

Aus dem Koma, in das man sie versetzte, ist Angela Baudach nicht mehr erwacht. Auch ihr Enkel wurde positiv getestet. Er spürte nur einen kleinen Schnupfen. Ob er es war, der seine Großmutter infizierte, oder umgekehrt – diese Ungewissheit bleibt.

Foto: privat
Helga Kokott, 93
Schneiderin
Gestorben am 30. Oktober 2020
Und wie sie sich auf die Erdbeeren freute, im Sommer 2020. Da hatte sie zwei ernste Operationen überstanden.

Im Sommer, erinnert sich der Sohn, hatte die Mutter eine Tüte voll Erdbeeren, die er ihr brachte, mit großem Appetit verputzt. Einmal sprechen sie über Corona, die Mutter sagt, dass sie keine Angst habe. Helga Lucie Kokott hat fast alles überlebt in diesem verflixten Jahr 2020. Covid-19 nicht.

Sie wollte nie eine Herzoperation, hatte oft Atemnot, der Sohn versuchte, sie zu überreden. Mitte Februar hat sie Wasser in der Lunge. Endlich willigt sie ein.

Als sie mit der künstlichen Herzklappe aufwacht, bemerkt sie sofort den Unterschied. „Hätte ich das gewusst, hätte ich es gleich gemacht.“ Danach stürzt sie, der Oberschenkelknochen ist gebrochen. Wieder Krankenhaus, wieder Operation. Fieberschübe. Sie wird in dieser Zeit, sagt der Sohn, mehr als zehnmal auf Covid-19 getestet. Immer ist das Ergebnis negativ.

Stattdessen wird eine rheumatische Erkrankung festgestellt. Mit Cortison bekommen die Ärzte auch das in den Griff. Helga Kokott freut sich wieder auf ihr Lieblingsobst. Endlich ging es ihr wieder gut.

Als der nächste Test positiv ausfällt, kann niemand aus der Familie bei ihr sein. Helga Kokott stirbt am 30. Oktober auf der Palliativstation eines Zehlendorfer Krankenhauses.

Foto: Jan-Niklas Kokott/ privat
Irmgard Schlösser, 87
Friseursalon-Inhaberin
Gestorben am 25. Oktober 2020
Mit ihren Enkelsöhnen ging sie ins KaDeWe, um „die Augen auszuführen“.

Berlin war für sie ein Neuanfang. Als Irmgard Schlösser 1945 mit ihrer Familie aus ihrer Heimat im ostpreußischen Insterburg vor dem Krieg flüchtete, besaß sie nichts mehr. Oft erzählte sie, wie sie beim Anblick jenes Schutthaufens erstarrte, der nur wenige Stunden zuvor noch ihr Zuhause gewesen war. Die Flucht prägte sie: Eine Notfalltasche stand stets in ihrem Kleiderschrank, sie war immer bereit, aufzubrechen.

Doch plötzlich aufbrechen musste sie nie wieder. Im Gegenteil. In der Hauptstadt lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, übernahm mit ihm den Friseursalon ihres Schwiegervaters am Attilaplatz und bekam einen Sohn. Wenig später zog die kleine Familie in eine Wohnung direkt gegenüber. Es war ihr letzter Umzug. Doch wirklich angefangen zu leben hat Irmgard Schlösser als Rentnerin. Sie und ihr Mann holten nach, wofür sie zuvor keine Zeit hatten: Reisen. Am liebsten fuhren sie mit dem Auto durch Deutschland oder machten Kreuzfahrten in Norwegen. Am Wochenende ging sie gerne mit ihren Enkelsöhnen ins KaDeWe, um – wie sie sagte – „die Augen auszuführen“.

Doch es wurde für sie nicht alles unbeschwerter im Alter. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Irmgard Schlösser damit, ihren Ehemann zu pflegen, der nach einem Sturz bettlägerig war. Als sie die Belastung nicht mehr alleine schultern konnte, kam er in ein Pflegeheim. Dort besuchte sie ihn jeden Tag bis zu seinem Tod. Es war selbstverständlich für sie. Etwa ein Jahr später wurde Irmgard Schlösser krank. Ihre Nase lief, ihr Hals kratzte ein wenig – nichts weiter als ein Schnupfen, so dachte sie. Dann bekam sie über Nacht Atemprobleme und Fieber. Die Diagnose: Lungenentzündung, ausgelöst durch das Coronavirus.

Es dauerte nur eine Woche, bis sie im Krankenhaus starb. Beim letzten Besuch ihrer Familie versprach sie mit schwacher Stimme, eine Weihnachtsgans runter zu schicken, wenn sie oben im Himmel sei.

Foto: privat
Karlheinz Drechsel, 89
Musikjournalist und Jazzmusiker
Gestorben am 5. Oktober 2020
Die Kommunisten waren nicht froh mit seiner „Ami-Musik“. Unbeirrt erklärte er der DDR den Jazz.

Draußen strafften sich die Leute zur Marschmusik, drinnen, in der Dresdener Wohnung, liefen Count Basie und Duke Ellington. Karlheinz’ älterer Bruder, Soldat und Frontkurier, brachte einmal im Monat neues Material. Die Musik ergriff Karlheinz so sehr, dass er sein Koffergrammophon mit in die Schule nahm, um sie allen vorzuspielen. Sein Lehrer zerbrach die Platten.

Nach dem Krieg hatten die russischen Besatzer keine Einwände, erst Walter Ulbricht nannte den Jazz „Affenmusik“. Karlheinz’ Swing-Zirkel wurde verboten. Karlheinz trat als Redner auf, gründete die „IG Jazz“ mit, wurde Schlagzeuger bei den „Elb Meadow Ramblers“. Als die „IG Jazz“ ebenfalls aufgelöst wurde, moderierte er im Radio einmal pro Woche das „Jazzpanorama“.

Fürs DDR-Fernsehen schuf er die erste Jazz-Sendung. 1965 kam Louis Armstrong ins Land. Karlheinz begleitete seine Tournee. „My Dear Mr Karlheinz Drechsel“, schrieb Armstrong zwei Jahre später, „You must have thought that I had forgotten you, but I did not.“

Seit 1971 organisierte Karlheinz Drechsel das Dixieland-Festival in Dresden – ein enormer Erfolg, über Jahrzehnte.

2004 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Am 5. Oktober 2020 ist er am Coronavirus gestorben.

Foto: Imago Images/ Andreas Weihs
Eugen Eichhorn, 75
Professor für Mathematik
Gestorben am 29. Mai 2020
Sein Vater war im Krieg, er kämpfte für den Frieden. Nur die Mathematik vermochte es, ihn zu beruhigen.

Eugen wollte reden, von Anfang an. In der hessischen Kreisstadt, in der er aufwuchs, herrschte das große Schweigen nach dem Krieg. Sein Vater, Offizier in der Wehrmacht, an der Ostfront gestorben – war er an Verbrechen beteiligt gewesen? Die Frage nach Schuld und Verantwortung ließ Eugen nie los. Es mussten doch Schlüsse gezogen werden, für die Befreiung Lateinamerikas, gegen den Vietnamkrieg, Proteste, Sitzblockaden, Austauschprogramme. „Jetzt“ war eins seiner Lieblingsworte.

Beruflich aber befasste er sich mit der Mathematik. Seine Tochter sagt: „Ich glaube, sie hat ihn beruhigt. Wenn er die Mathematik nicht gehabt hätte, er wäre wohl explodiert.“ Eugen lernte Hilda kennen, 1972 zogen sie nach Berlin, machten eine Wohngemeinschaft auf. Dass eine Kleinfamilie nicht das richtige für ihn sei, machte er schnell klar. Als ein Kind auf der Welt war, nahm er es mit zu Demonstrationen gegen den Berliner Forschungs-Atomreaktor.

Eugen trennte sich von Hilda, und er begegnete Silvia. 1988 wurde er Professor an der Beuth Hochschule für Technik. Wenn die Studenten streikten, solidarisierte er sich natürlich. Gründete das Deutsch-Japanische-Friedensforum, fuhr oft nach Hiroshima und Nagasaki. Gab Friedensvorlesungen, als er längst in Rente war. Auf seiner letzten Reise nach Japan infizierte er sich mit dem Coronavirus. Seine Tochter saß bei ihm, als er starb.

Foto: privat
Heinz-Peter Baganz, 75
Verwaltungsbeamter
Gestorben am 24. Mai 2020
Dieser Stadt zu dienen, war sein Lebenssinn: in der Verwaltung, bei der freiwilligen Polizeireserve, als ehrenamtlicher Richter.

Seine Mutter war Krankenschwester. Seinen Vater, einen bereits verheirateten Schlawiner, lernte er nie kennen. Allein brachte sie ihren Sohn zur Welt, schaffte es irgendwie, dass es genug zu essen gab, im Winter in der Steglitzer Mietwohnung nicht kalt wurde. Mit den Kindern seiner Straße durchsuchte Heinz-Peter Kriegsruinen. Einmal erhitzte er eine gefundene Patrone in der Pfanne auf dem Gasherd: das Geschoss ging los, ein Riesenloch in der Wand.

Die Rosinenbomber kamen und Heinz-Peter hatte Glück, erwischte Schokolade. Draußen sein, mit den Pfadfindern im Wald, Nachtwanderungen und Fahrten, das war seins. Schule eher nicht so, er schwatzte einfach so gerne, ließ sich ablenken. Weil er nicht zugeben wollte, dass er eigentlich eine Brille brauchte, bekam er auch nicht richtig mit, was der Lehrer auf der Tafel schrieb.

Erst eine Ausbildung zum mittleren Dienst, gleich danach zum gehobenen Dienst. Warum der Rabauke aus der Schule als Beamter der Stadt dienen wollte? „Berlin umzingelt von Stacheldraht“ steht in seinem Tagebuch. Es herrschte Kalter Krieg, sein Berlin schien in ständiger Gefahr. Da verpflichtete er sich bei der Freiwilligen Polizeireserve, lernte mit einem alten französischen Karabiner das Schießen.

Seine Mutter mochte seine Freundin nicht. Dessen Eltern ihn nicht. „Jetzt erst recht“, sagt er sich. Sie heirateten, bekamen einen Sohn, für den er Wildwest-Forts baute. Als der Reaktor in Tschernobyl explodierte, war er Teil der Taskforce, die Berlin logistisch auf ein Unglück vorzubereiten hatte. Von Magermilchpulver bis Babynahrung ging alles über seinen Schreibtisch. Später arbeitete er als Leiter für das Beschaffungsreferat der Polizei, verhandelte über Schutzausrüstungen und Bewaffnung. War ehrenamtlicher Richter, sang im Polizeichor, schaffte 100 Liegestütze am Morgen.

Dem Arzt sagte er noch, dass er das Krankenhaus so verlassen wollte, wie er hereingekommen war: aufrecht. Am 24. Mai starb er.

Foto: privat
Michael Wend, 79
Stadtentwickler
Gestorben am 8. Mai 2020
Er kam nach Berlin mit dem Wunsch, etwas Sichtbares zu schaffen: Häuser!

Michael Wend kam nach Berlin mit dem Wunsch, etwas Sichtbares, gesellschaftlich Nützliches zu schaffen. Ihm ging es nicht so sehr um die Gestalt einzelner Häuser, sondern um ihren sozialen oder kulturellen Zusammenhang.

Als Mitarbeiter der Senatsverwaltung, Referat Stadterneuerung und Modernisierung, rang er mit Entscheidungsträgern, verhandelte mit Eigentümern, erstritt Fördermittel. Den Staatssekretär verfolgte er bis zur Toilette, um eine wichtige Zusage zu erhalten. Dass die Neuköllner Oper im Ballsaal eines ehemaligen Gesellschaftshauses eine ständige Spielstätte bekam, war auch sein Verdienst. Ein Industriegebiet in Oberschöneweide wurde zur neuen Heimat der Hochschule für Technik und Wirtschaft und zahlreicher Studenten.

Aurore lernte er im Sommer 1966 während des Theaterfestivals in Avignon kennen. Sie sang Lieder von den Antillen, er stand in der Zuschauermenge und verstand sofort: das ist die Richtige. 1972 wurde der Sohn Jérôme geboren. 2007 starb Aurore an einem Asthmaleiden.

Später wurde Michael ein liebevoller Großvater. Mit seiner Freundin Hilde versäumte er selten eine Aufführung in der Neuköllner Oper, war Mitglied in einer Sportgruppe, reiste viel. Auf einer Reise Anfang des Jahres bekam er eine Lungenentzündung. Kurz danach hatte er einen Termin zu einer Herzoperation, keine große Sache, minimalinvasiv. Die Operation lief nicht reibungslos, er rang mit dem Leben, erholte sich schleppend, kam zur Reha. Und steckte sich dort mit Covid-19 an.

Foto: privat
Eva Sternheim-Peters, 95
Lehrerin, Psychologin, Autorin
Gestorben am 13. April 2020
Hatte sie denn allein für die Nazis gejubelt? Den zweiten Teil ihres Lebens versuchte sie, den ersten zu verstehen.

Eva wächst in Paderborn auf. „In der Hitlerjugend allezeit meine Pflicht zu tun in Liebe und Treue zum Führer“, dieses Versprechen meint Eva ganz ernst und wird Hitler bald glühend verehren. Ihr Leben ist in diesen Tagen eine permanente Vergewisserung der Heimat: Zu Fuß durch den Thüringer Wald, eine Fahrt ins deutsche Elsass, Sonnenwendfeiern, die Wartburg bei Eisenach. Buchenwald, Ravensbrück, Birkenau? Das Wort Lager bedeutet für Eva einfach, dass die Deutschen gut organisieren können.

Dann ist der Krieg vorbei. Beide Brüder sind gefallen, und in den Wochenschauen zeigen die Alliierten Bilder von Leichenbergen. Es beginnt der zweite Teil ihres Lebens: Sie wird ihn darauf verwenden, den ersten zu verstehen. Studiert Psychologie, heiratet einen Mann, dessen Familie im KZ umgekommen ist, gibt an der FU Seminare zum Faschismus. Und schreibt ein Buch, es heißt: „Habe ich denn allein gejubelt?“ Erst viel später, 70 Jahre nach Kriegsende, erfährt es wirklich Aufmerksamkeit. Eva Sternheim-Peters gibt Interviews, Lesungen.

Seit den 80er Jahren hat sie Menschen aus aller Welt bei sich aufgenommen. Petnga, den Musikstudenten aus Tschad, Marie, die Ärztin aus Burkina Faso. Bis zuletzt lebte ein Mann aus Syrien bei ihr. Mit ihm hat sie unlängst noch die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen besucht. An ihrem 95. Geburtstag im März 2020 wollte sie nochmal eine Lesung machen. Dazu kam es nicht mehr.

Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Peter Kittel, 96
Bibliothekar
Gestorben am 9. April 2020
Ordnung in die Bestände der Staatsbibliothek zu bringen: eine besondere Herausforderung.

Peter Kittel war Leiter der Katalogabteilung in der Staatsbibliothek Unter den Linden. Keine einfache Aufgabe: 1945 lag der Bau zu Teilen in Schutt und Asche. Zweitens hatte man Unmengen von Schriften vor den Bombardierungen Berlins ausgelagert. Drittens stand es um die vor Ort gebliebenen nicht zum Besten.

Die gesellschaftliche Ordnung sah eigentlich nicht vor, dass jemand aus Oschatz, Sachsen, dessen Vater in einem Eisenwarengeschäft arbeitete, sich auf den Weg in die Akademikerschicht begab. Peter Kittel fiel auf, schon früh, mit seiner Wachheit, seiner Geistesgegenwart. Lernte am Gymnasium für Hochbegabte in Meißen, machte sein Abitur wegen einer hartnäckigen Tuberkulose im schweizerischen Kurort Davos. Dann: Jura. Sein Studium in Frankreich gefiel den Genossen nicht, sie entließen ihn aus dem Justizdienst. Da bekam er den Hinweis auf die Lehrgänge als Bibliotheksreferendar.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits mit Johanna verheiratet. Wenn sie sich zu ihm umdrehte, im Sommer mit den beiden Kindern am See, hockte er da mit seinen Karteikarten, weil es noch irgendetwas zu ordnen, katalogisieren gab. Humorvolles Glück. Leichtigkeit. 66 Jahre lang.

Wenn sein Enkel ihn für seine Masterarbeit um Hilfe bat, übersetzte er ihm 1000 englische Textseiten ins Deutsche. Am 9. April ist Peter Kittel gestorben.

Foto: privat
Wolfgang Rößler, 72
Arbeitsvermittler
Gestorben am 4. April 2020
Am Abend vor dem Lockdown stieß er mit den Freunden nochmal auf das Leben an.

Am Tag, an dem alle Lokale schließen mussten, ging er mit zwei Freunden noch einmal in ihre Stammkneipe, ins „Imma uff“ in Charlottenburg. Um 22 Uhr war zu. Ein Bier noch im Stehen an der Dönerbude, Wolfgang trank ausschließlich alkoholfrei, dann verabschiedeten sie sich.

Das nächste Mal sahen sie einander via Skype, da lag er zu Hause im Bett: „Mir geht es beschissen“. Für eine Blasenkrebs-Operation war er in der Zwischenzeit im Krankenhaus gewesen, und von dort meldete er sich schließlich per Telefon ein letztes Mal. Ob er sich in der Klinik infiziert hatte? Die Freunde vermuten es. „Ich habe mich abholen lassen“, sagte er, „es ging nicht mehr“.

Frank lernte ihn nach der Wende kennen, Wolfgang zeigte ihm Westberlin, dann Köln, wo er in der Nähe gearbeitet hatte, im Gegenzug führte Frank ihn durch Prag, Budapest. Eine Freundschaft, die 30 Jahre währte. Wolfgang kam aus der Oberpfalz. Mitte der 70er Jahre war er nach Berlin gezogen und wollte nie wieder weg. Wenn jemand ihm etwas vormachte, ihn für dumm verkaufen wollte, ob im Berufsalltag im Arbeitsamt, in persönlichen Beziehungen oder bloß ein paar Barhocker weiter herumspann, das konnte er nicht leiden: „Erzähl doch keinen Mist!“, rief er dann und hielt dagegen bis es quietschte.

Zuerst war der Darmkrebs, eine schwere Schuppenflechte machte ihm zu schaffen, er nahm alles hin, fuhr ans Tote Meer zur Erholung und nach Gran Canaria, pflegte aufopferungsvoll seinen Partner bis zu dessen Tod vor zwei Jahren. Nichts konnte ihn umwerfen. Dachten sie.

Foto: Frank Lindner
Jörn Kubicki, 54
Neurologe
Gestorben am 28. März 2020
Als Klaus Wowereit sagte: „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“, war er längst mit Jörn Kubicki zusammen.

Im März 1993 hatten sie sich in der Kreuzberger „Bar Centrale“ kennengelernt und miteinander erfahren, was Liebe auf den ersten Blick bedeutet: Wo Klaus Wowereit und Jörn Kubicki gemeinsam auftraten, waren sie rasch umringt. Für die neue Rolle des Mannes an der Seite eines Regierenden Bürgermeisters setzte Jörn Kubicki hohe Standards.

Seinen Partner unterstützte er bei offiziellen Anlässen stets diskret, gleichermaßen zugewandt wie zurückhaltend. Er hatte seine eigene Karriere und Berufung. Die Frage nach einem sozialen Engagement, die First Ladys so oft gestellt wird, beantwortete der Neurologe und Chirurg einmal mit den Worten: „Ich bin Arzt von Beruf. Das ist für mich soziales Engagement.“

Die beiden hatten einen großen Freundeskreis und liebten private Tafelrunden mit bis zu zwölf Gästen bei sich zu Hause. Nachdem Klaus Wowereit aus der Politik ausgeschieden war, gingen sie auch mal nachmittags ins Programmkino: ein neuer Luxus im Leben abseits des politischen Tagesgeschäfts.

Schon einmal hatte er in Lebensgefahr geschwebt – nach einem schweren Autounfall im September 2015. Davon konnte er sich erholen. Als Raucher litt der 54-Jährige aber unter der schweren Lungenkrankheit COPD. Er hatte dem Virus zu wenig entgegenzusetzen.

Foto: Arno Burgi/ picture-alliance, dpa
Mitarbeit an dieser Seite: Andreas Austilat, Elisabeth Binder, Katja Demirci, David Ensikat, Sidney Gennies, Karl Grünberg, Torsten Hampel, Verena Friederike Hasel, Maris Hubschmid, Manuel Kostrzynski, Armin Lehmann, Hendrik Lehmann, David Meidinger, Tatjana Wulfert.

Das Projekt wurde inspiriert von den Artikeln Those We've Lost von der New York Times und Die Toten hinter der Statistik. Wir danken der Evangelischen Kirche Berlin (EKBO) sowie sämtlichen Organisationen, Leserinnen und Lesern und zuallererst den Angehörigen, die dieses Gedenkprojekt unterstützen.

Wenn Sie ebenfalls jemanden durch Corona verloren haben und möchten, dass er auf dieser Seite erscheint, schreiben Sie uns eine Mail an corona-gedenken@tagesspiegel.de.
Veröffentlicht am 21. Dezember 2020.
Zuletzt aktualisiert am 21. Januar 2021.