Vom Jäger zum Gejagten: So leben (und sterben) Wölfe in Deutschland
Mitte Februar haben Wölfe im Landkreis Cuxhaven 100 Schafe von ihrer Weide getrieben und sie kilometerweit gejagt. 20 starben, einige waren hochträchtig. Schreckensmeldungen wie diese gibt es immer wieder.
Die Bedrohung der Weidetiere durch den Wolf sei eine „bittere Realität“, sagte Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) kürzlich. Auch der Deutsche Bauernverband fordert seit Jahren ein härteres Einschreiten der Politik gegen den Wolf – gegen ein Tier, das die meisten Menschen nie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen und das bis zum Jahr 2000 in Deutschland als so gut wie ausgestorben galt.
Der Druck hat gewirkt. Der Bundesrat hat am Freitag zugestimmt, dass der Wolf ins Bundesjagdgesetz aufgenommen wird: Der Wolf ist vom Jäger zum Gejagten geworden. Dabei ist die Zahl der Wolfsrisse 2024 erstmals seit Jahren gesunken.
Für 2025 meldete Brandenburg 178 Angriffe von Wölfen. Im Jahr davor waren es noch 279 gewesen. Hinzu kommt: Nach Zahlen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) stagniert die Zahl der Wolfsterritorien in Deutschland erstmals seit Jahren.
Die meisten leicht erreichbaren Reviere im Norden und Osten Deutschlands sind besetzt, die Wanderung nach Westen und Süden geht langsamer als erwartet. Die nun beschlossene Gesetzesänderung kommt also in einer Zeit, in der die Zahl der Risse und das Wachstum der Population stagniert.
Tatsächlich hat die Debatte einen langen Vorlauf. Gewissermaßen begann sie 2022 auf einer Koppel nahe Hannover. Ein grauer männlicher Wolf, Ordnungsnummer GW950m, riss das Lieblingspony von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Das Tier hieß Dolly, sein Tod setzte eine Kette von Ereignissen in Gang. Denn kurz nach dem Vorfall begann von der Leyen, sich dafür einzusetzen, Abschüsse von Wölfen zu erleichtern. Die Stimmung in Brüssel drehte sich, Wolfskritiker-Staaten wie Italien, Österreich oder Schweden gewannen die Oberhand. 2025 schrieb Schwarz-Rot in den Koalitionsvertrag, dass der Wolf ins Jagdgesetz aufgenommen werden soll. 2025 stimmten Europaparlament und die EU-Mitgliedstaaten für eine Herabstufung des Wolfsschutzes von „streng geschützt“ auf „geschützt“. Diese Änderung nutzte Deutschland jetzt für die nationale Gesetzesänderung.
Von ihr profitierten vor allem Bundesländer, in denen bislang wenig Rudel leben, sagt Marie Neuwald, Wolfsexpertin des Naturschutzbunds Deutschlands (Nabu). Etwa Bayern, der Heimat von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Das gilt zumindest, wenn sich der Deutsche Bauernverband mit seiner Forderung durchsetzt, jedes Jahr 40 Prozent der Welpen abzuschießen. Diese würden sich sonst in Gegenden mit bislang geringer Population niederlassen.
Das Bild vom Wolf als massenhaftem Schaf-Killer dominiert die öffentliche Debatte, ist aber schwer zu halten. Wölfe wildern nicht hauptsächlich Schafe und Ziegen auf Weiden, sondern jagen Hirsche, Wildschweine und Hasen im Wald, wie Kotproben belegen.
Die Hauptbeute sind Rehe. Das erklärt auch, warum es die meisten Wölfe in Niedersachsen gibt: die dort betriebene intensive Landwirtschaft zieht Rehe an. Und Rehe ziehen Wölfe an.
Der Wolf sorgt für eine natürliche Regulierung der Reh- und Hirschbestände. Davon profitieren junge Bäume, die sonst gern von Rehen angeknabbert werden. Und weil Wölfe vor allem alte und kranke Tiere jagen, gelten sie als „Gesundheitspolizei“ der Natur.
Nutztiere machen dagegen nur 1,6 Prozent der Beute aus. Hauptopfer unter ihnen sind Schafe. Denn sie haben nicht mehr viele Fluchtinstinkte, anders als Ziegen. Dagegen hilft der sogenannte Herdenschutz: Seit Jahren fördern die Bundesländer wolfssichere Zäune, Herdenschutzhunde. Brandenburg etwa übernimmt die Kosten vollständig.
Aber obwohl viele Tierhalter Zäune und Hunde anschaffen, bleiben andere Landwirte untätig. „Die meisten Nutztierrisse erklären sich durch noch immer nicht flächendeckend umgesetzte Herdenschutzmaßnahmen“, erklärt das Brandenburger Landesamt für Umwelt. In 63 Prozent der Überfälle seien die Tiere nicht angemessen geschützt gewesen.
Dass sie Tiere reißen und Unruhe ins Jagdrevier bringen, macht Wölfe bei Landwirten und Jägern unbeliebt. Zwischen Mitte 2024 und 2025 fielen 16 Tiere der Selbstjustiz zum Opfer. Aber die größte Bedrohung für den Wolf ist in Deutschland kein Gewehr.
Abseits des natürlichen Todes im Wald ist die größte Bedrohung der auto- und bahnfahrende Mensch: Dreiviertel aller tot aufgefundenen Wölfe sind bei Verkehrsunfällen gestorben, etwa, wenn die Tiere die Autobahn überqueren wollen.
Wölfe, die aufgrund natürlicher Todesursachen sterben, werden in der Regel nur vereinzelt und zufällig gefunden. Deshalb sind sie in der Statistik unterrepräsentiert. Dies gelte allerdings gleichermaßen für illegal getötete Wölfe, heißt es beim Bundesamt für Naturschutz.
Das neue Jagdgesetz dürfte diese Zahlen mittelfristig verschieben, wenn der Wolf bejagt werden kann. In vielen europäischen Ländern ist das bereits Praxis. In Norwegen, Schweden und Finnland gibt es jährliche Jagdquoten.
Schätzungsweise 20.000 Wölfe leben in Europa. Vor allem in Ost- Mitteleuropa gibt es zahlreiche Rudel.
Junge Wölfe legen weite Strecken auf der Suche nach neuen Revieren zurück und verbreiten sich auf diese Weise stetig. Nicht einmal das Wattenmeer in der Nordsee hält sie auf. 2024 lief ein Rüde bei Ebbe auf die Nordseeinsel Norderney.
Wenige Wochen später kehrte er, ebenfalls bei Ebbe, aufs Festland zurück und gründete in der Nähe von Friedeburg im Landkreis Wittmund ein Rudel. Dort soll der einstige Inselwolf Nutztiere gerissen haben.
Eine Abschussgenehmigung wurde jedoch vom Verwaltungsgericht Oldenburg in letzter Minute kassiert. Der Wolf lebt noch immer. Fragt sich nur, wie lange noch. Denn das neue Gesetz kann auch ihm gefährlich werden. Norderneys Bürgermeister Frank Ulrichs (SPD) sorgt sich dagegen weniger um den Wolf, sondern mehr um seine Feriengäste: „Wollen wir hoffen, dass er im Sommer keinen Familienurlaub auf Norderney macht.“