Gestaltung: Bene Brandhofer, Urban Journalism Network/Midjourney/iStock

Europa auf Koks und Keta: Bei Drogen im Abwasser ist Berlin top

Fünf deutsche Städte unter den ersten 10, Berlin gleich zweimal unter den ersten 5: Neue Abwasserdaten zeigen, was wo konsumiert wird – und wie Europas Drogenmarkt sich gerade verändert. Eine Analyse in Grafiken.
Fünf deutsche Städte unter den ersten 10, Berlin gleich zweimal unter den ersten 5: Neue Abwasserdaten zeigen, was wo konsumiert wird – und wie Europas Drogenmarkt sich gerade verändert. Eine Analyse in Grafiken.

Berlin ist zurück in der europäischen Spitze. Allerdings in einer Statistik, in der wohl niemand gerne vorn steht. Erstmals seit Jahren taucht die Hauptstadt wieder in der Abwasser-Analyse der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle auf und landet gleich zweimal in den Top 5.

Bei einer Droge schaffen es fünf deutsche Städte in die europäischen Top 10. Und europaweit geht nur der Konsum einer Substanz zurück. Aber sie wird von anderen ersetzt.

Jedes Jahr analysiert die EU-Drogenagentur (Euda) Abwasserrückstände von fünf Rauschmitteln: Kokain, Ketamin, Cannabis, Speed und Crystal Meth. Die Analysen aus 130 Kläranlagen in 28 Ländern bieten eine der präzisesten Momentaufnahmen über Drogenkonsum – aus dem, was rund 72 Millionen Menschen täglich ins Abwasser spülen.

Eines zeigen die Daten deutlich: Die deutsche Hauptstadt steht der niederländischen Party-Metropole Amsterdam in nichts nach, zumindest, was den Konsum einschlägiger Substanzen angeht. Berlin landet auf Platz 4 aller europäischen Städte, in denen nach Cannabis-Rückständen gesucht wurde.

Um die Ergebnisse vergleichbar zu machen, messen Wissenschaftler die Rückstände in Milligramm pro 1000 Einwohnern jeder Stadt. Abwasser-Untersuchungen von Drogen gelten als eine der zuverlässigsten Methoden, ihren Konsum vergleichbar zu messen. Kriminalitätsstatistiken hingegen liefern nur ein eingeschränktes Bild über den tatsächlichen Konsum, weil die Behörden nur erfassen, was Polizei und Ermittler tatsächlich an Drogen entdecken.

Gleich fünf von 13 teilnehmenden deutschen Städten landen in den Top 10. Neben den Metropolen Berlin, Hamburg und München sind darunter mit Erfurt und Nürnberg auch zwei deutlich kleinere Städte. In weiteren sieben liegen die Rückstände ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt aller teilnehmenden Städte.

Im europäischen Vergleich konsumieren die Menschen hierzulande offenbar überdurchschnittlich viel Cannabis, wie die Karte zeigt. Über die Buttons können Sie auch andere Städte und andere Substanzen betrachten.

Ganz neu ist die grundsätzliche Erkenntnis nicht. Der Konsum von Cannabis in Deutschland sei „hoch im Vergleich zu europäischen Städten“, heißt es schon 2024 im Abschlussbericht eines Abwasser-Monitorings der Technischen Universität Dresden für die Bundesregierung. Kurz darauf traf die Legalisierung des Stoffes unter Auflagen in Kraft.

Hoher Cannabis-Konsum in Deutschland – aber nicht wegen der Legalisierung

Dass so viele deutsche Städte weit oben im Cannabis-Ranking erscheinen, überrascht Eva Hoch nicht. „Viele der untersuchten deutschen Städte sind große urbane Zentren mit einem jungen Bevölkerungsprofil und einem aktiven Nachtleben“, sagt die Professorin für Klinische Psychologie an der Charlotte-Fresenius-Hochschule München. In Städten dieser Art würden häufig höhere Drogenrückstände im Abwasser gemessen. Mit ihrem Team führt sie repräsentative Studien zum Cannabiskonsum durch.

Auch die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit schreibt: „Berlin weist seit vielen Jahren eine im Bundesvergleich hohe Verbreitung des Cannabis-Konsums auf.“

Die Daten erlauben Rückschlüsse auf den Konsum von Drogen in einer Stadt, nicht aber auf die Konsummuster der Bevölkerung – die Kanalisation unterscheidet nicht zwischen Bewohnern und Touristen. Außerdem sagen die Daten nichts über die Zahl der Konsumenten aus. „Eine kleinere Gruppe intensiver Konsumenten könnte folglich ähnliche Werte erzeugen wie eine größere Gruppe gelegentlicher Konsumenten“, sagt Hoch.

Ob der Konsum in Deutschland seit der Legalisierung im April 2024 zugenommen hat, lässt sich anhand der Abwasserdaten nicht festellen: In Deutschland wurden davor keine Cannabis-Messungen im Abwasser durchgeführt. Hoch geht nicht davon aus. „Unsere Trendanalysen belegen, dass der Cannabisgebrauch von Erwachsenen schon vor der Legalisierung in Deutschland deutlich zugenommen hat.“ Auch Euda-Analyst João Pedro Matias sagt: „Es dauert, bis sich gesetzliche Veränderungen im Konsum der Gesamtbevölkerung niederschlagen.“

Berlin hatte in den vergangenen Jahren nicht an der Euda-Erhebung teilgenommen. Die Senatsverwaltung hatte schlicht kein Interesse angemeldet.

Nun ist die Hauptstadt zurück – und macht direkt von sich reden. Denn bei Ketamin, das erstmals hier gemessen wurde, belegt Berlin Platz drei aller 119 Städte, in denen nach der Substanz gesucht wurde. Nur Amsterdam und das englische Bristol verzeichnen höhere Messwerte.

Dass Berlin so weit oben steht, überrascht Felix Betzler von der Berliner Charité nicht. „Was die Daten zeigen, wissen wir in der Drogenhilfe schon lange“, sagt der Leiter der Forschungsgruppe für Partydrogen. Schon 2019 hatte eine Erhebung in der Partyszene gezeigt, dass ein Drittel aller Partygänger bereits mindestens einmal Ketamin konsumiert hatte: ähnlich verbreitet wie Kokain.

„Was ich häufig beobachte: Die Leute lernen es in der Partyszene kennen, dann verlagert es sich in den Alltag“, sagt Betzler. Dort spiele dann weniger die euphorisierende Wirkung eine Rolle, sondern die angstlösende. Dennoch: Ketamin sei nicht das größte Problem in der Partyszene, Substanzen wie GHB bereiteten ihm mehr Sorgen.

Hohe Ketaminrückstände im Abwasser seien „ein ernstzunehmendes epidemiologisches Signal, das auf Trends und veränderte Konsummuster hinweisen kann“, auch wenn sie keine trennscharfe Unterscheidung zu medizinischen Anwendungen der Substanz erlauben, schreibt die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit auf Anfrage.

Die Abwasserdaten zeigen den Trend europaweit: In 61 Prozent der teilnehmenden Städte wurden im Vergleich zu 2024 höhere Ketamin-Rückstände gefunden.

Das Ende der Ecstasy-Ära?

Während die eine Partydroge durchstartet, bricht der Konsum einer anderen ein: Die Rückstände von MDMA, bekannt als Ecstasy, sanken europaweit um 16 Prozent. 53 von 79 Städten mit Vergleichsdaten aus dem Vorjahr meldeten einen Rückgang, einen stärkeren als während der Pandemie, als Clubs und Partys monatelang geschlossen waren.

Laut Euda-Analyst Matias hat das einen einfachen Grund. Günstigere synthetische Drogen wie Mephedron verdrängen Ecstasy vom Markt: ähnliche Wirkung, niedrigerer Preis, schnellerer Effekt. Der Wandel zeige sich auch in beschlagnahmten Drogen und den Laboren, die Behörden zerschlagen.

Ein anderer Trend verstetigt sich weiter: Kokain-Rückstände im Abwasser erreichen einen neuen Rekord mit plus 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Wie die Grafik zeigt, liegen Amsterdam und Zürich seit Jahren vorn, und zwar weit vor deutschen Städten. Hamburg und Berlin befinden sich auf deutlich niedrigerem Niveau, die Kurve zeigt jedoch: Auch hier wird es stetig mehr.

Kokain wird in Berlin über die ganze Woche hinweg mehr oder weniger konstant gemessen. Beifast allen anderen Substanzen sind deutlichere Ausschläge am Wochenende sichtbar. Das weist darauf hin, dass sie als Partydrogen genutzt werden. Insbesondere Rückstände der klassischen Partydrogen MDMA und Ketamin, aber auch von Speed, steigen am Wochenende deutlich an.

Verhältnismäßig gering ist der Ausschlag auch bei Crystal Meth. Wie Kokain gilt auch diese Substanz als stark süchtig machend. Wie bei Kokain steigt auch der Konsum von Meth weiter an, in Deutschland besonders in den östlichen Bundesländern. Die Substanz, die in tschechischen Kellerlaboren produziert wird, überschreitet seit Jahren die Grenze.

Chemnitz, Erfurt und Dresden gehören im europaweiten Ranking mittlerweile zu den am stärksten betroffenen Städten außerhalb Tschechiens.

Der Ursprung ist laut Forschern eindeutig: „Der Anstieg des Methkonsums in den deutschen Nachbarstädten lässt sich durch den wachsenden Export aus Tschechien erklären “, sagt Věra Očenášková vom T.G. Masaryk Water Research Institute in Tschechien.

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Urban Journalism Network, dessen Mitglied der Tagesspiegel ist.

Methode