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Inflationsmonitor

Wie stark steigen die Preise gerade?

Deutschland befindet sich in einer Phase der Inflation. Was heißt das? Und wie schlimm ist das? Ein Überblick in Grafiken.
Deutschland befindet sich in einer Phase der Inflation. Was heißt das? Und wie schlimm ist das? Ein Überblick in Grafiken.

Plötzlich kostet die Markenbutter mehr als drei Euro. Und nicht nur die. Der ganze Wocheneinkauf ist teurer geworden. Das liegt an der Inflation. Die Inflationsrate war in Deutschland im Mai 2022 mit 7,9 Prozent so hoch wie seit fast 50 Jahren nicht mehr, im Juni waren es 7,6 Prozent. Ist die aktuelle hohe Rate problematisch? Auf den ersten Blick scheint es so. Denn vieles kostet deutlich mehr als zuvor. Zum Beispiel Standard-Produkte wie Butter, Brot und Bier.

So viel weniger Butter, Brot und Bier bekommt man für dasselbe Geld
Die Grafik zeigt, wie viel weniger man im Verlauf der Jahre von einem Produkt bekommt.
Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen

Einfach ausgedrückt ist Inflation, wenn vieles teurer wird. Dann müssen die Menschen mehr Geld ausgeben. Die Folge davon: Das eigene Geld ist weniger wert, denn man kann von derselben Menge Euros fortan weniger kaufen. Inflation spürt also jeder im eigenen Portemonnaie.

Inflation 2022 – wie kam es dazu?

Oft – in Deutschland sogar meistens – beginnt ein großer Inflationsschub damit, dass Energie teurer wird. Das ist derzeit der Fall. Energie kostet im Juli 36 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Lebensmittel sind „nur“ um 15 Prozent teurer geworden.

Die Grafik zeigt die Preisentwicklung im Vergleich zum Basisjahr 2015 (2015=100).
Daten: Statistisches Bundesamt

Auf Essen oder Energie verzichten kann niemand. Ein Durchschnitts-Haushalt gibt laut Statistischem Bundesamt 10,4 Prozent seines Geldes für Energie aus, für Nahrungsmittel sind es mit 8,5 Prozent etwas weniger.

Warum werden Lebensmittel teurer?

Trotzdem fällt ein Preisanstieg vielen zuerst im Supermarkt auf. Lebensmittel sind – neben Benzinpreisen – gewissermaßen Frühwarnsysteme für Inflation. Denn sie sind sogenannte kurzlebige Konsumgüter, weil sie rasch konsumiert und deshalb häufig gekauft werden. Langlebigere Produkte, zum Beispiel Autos oder Waschmaschinen, werden langsamer teurer. Der Grund: Erstens kostet es schlicht weniger, ein neues Preisetikett auf eine Butter zu kleben als einen Autokatalog neu zu drucken. Zweitens kaufen Kunden dann möglicherweise ein Produkt nicht, vor allem, wenn es besonders teuer ist. Die Gefahr besteht bei Gütern täglichen Bedarfs weniger.

„Nahrung ist der zweite große Treiber der Inflation, trägt aber im Vergleich zu Energie weniger bei“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Inflation kann man sich als Kettenreaktion vorstellen. Hier kommt der Ukraine-Krieg ins Spiel – als ein Grund für die rasant steigenden Energiepreise. „Gas wird knapper – und deshalb wertvoller“, sagt Wollmershäuser.

Das ist nur der Anfang der Inflations-Kette. Als nächstes erhöhen die Unternehmen ihre Preise. Schließlich benötigen sie Energie für alles Mögliche: um Waren zu produzieren und zu transportieren, um Läden und Büros zu heizen. Manche nutzen Gas und Öl auch als Rohstoffe, zum Beispiel für Dünger. „Ihre Kosten steigen, also erhöhen sie die Preise”, sagt Wollmershäuser.

Wie misst man Inflation?

Wie stark der Effekt einer solchen, von höheren Energiepreisen in Gang gesetzten Kettenreaktion ist, lässt sich messen. Im Juni 2022 beträgt die Inflation in Deutschland bei 7,6 Prozent. Geld ist also 7,6 Prozent weniger wert als in dem gleichen Monat vor einem Jahr.

Inflationsrate
Daten: Statistisches Bundesamt

Um diese sogenannte Inflationsrate zu berechnen, erstellt das Statistische Bundesamt jeden Monat den „Verbraucherpreisindex“. Der gibt an, um wie viel ein Warenkorb teurer geworden ist. Dieser fiktive Warenkorb enthält Lebensmittel, aber auch Dienstleistungen – zum Beispiel einen Friseurbesuch. Dafür beobachten Experten den Markt, gehen in Supermärkte und schreiben Preise auf.

Jeden Monat schauen die Forscher, um wie viel all diese Produkte teurer geworden sind. Das ist der Verbraucherpreisindex. Der Verbraucherpreisindex eines Monats im Vergleich zum Vorjahresmonat ist das, was wir Inflationsrate nennen. Wie auf der Grafik zu sehen ist, ist sie aktuell hoch. Das ist kein deutsches, sondern ein weltweites Phänomen, wie diese Weltkarte zeigt.

Inflationsraten weltweit

Zur global hohen Inflation, die das Potenzial hat, sich zu einer weltweiten Krise zu entwickeln, haben viele Dinge beigetragen. Der Ukraine-Krieg zum Beispiel. Ein zweiter Grund ist die Corona-Pandemie. Seit 2020 haben Lockdowns Lieferketten unterbrochen. Das führt dazu, dass das Angebot bestimmter Waren die Nachfrage nicht mehr befriedigen kann. Dann steigen die Preise. Das betrifft zum Beispiel die Baubranche – Holz und Co. sind teurer geworden. Außerdem hat die Pandemie verändert, was die Leute kaufen – in Zeiten von Social Distancing gaben sie laut einer Umfrage des Wirtschaftsprüfungs-Unternehmens Pricewaterhousecoopers etwa weniger für Kleidung aus, bestellten aber häufiger Essen nach Hause.

Anfang 2022 war die Nachfrage in vielen Bereichen wieder höher – laut ifo-Institut einerseits, weil sich das Konsumverhalten normalisiert, andererseits, weil viele Deutsche während Corona mehr Geld als üblich gespart hatten. Das wollen sie nun ausgeben. „Dadurch fällt es Unternehmen leichter, höhere Verkaufspreise durchzusetzen“, schreibt das ifo-Institut in seiner aktuellen Konjunkturprognose.

Verstärkt die Inflation soziale Ungleichheit?

Höhere Preise mögen für einige verkraftbar sein. Zwar könne es sogar sein, dass die Kosten von wohlhabenden Haushalten stärker steigen als die von einkommensschwachen – etwa, weil sie ihr Auto mehr nutzen und deshalb mehr Geld für das teurere Benzin ausgeben, sagt Wirtschaftswissenschaftler Wollmershäuser. Trotzdem trifft die Inflation arme Haushalte härter: „Wohlhabende haben große Puffer. Sie konsumieren nur einen Teil ihres Einkommens, den Rest sparen sie.“

Laut Statistischem Bundesamt geben Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von über 5000 Euro 60 Prozent ihres Einkommens für Konsum aus. Infolge der Inflation würden solche und ähnliche Haushalte womöglich weniger sparen, ihren Lebensstandard senke das nicht. Ärmere jedoch haben schon vor Beginn der Inflation fast alles ausgegeben. „Sie müssen ihren Lebensstandard senken. Das ist der eigentliche soziale Brennstoff“, sagt Wollmershäuser.

Bei der Frage, wen die Inflation ärmer macht, geht es also nicht darum, dass man mehr ausgeben muss. Entscheidend ist, wie viel Prozent des Einkommens für notwendige Ausgaben eingesetzt werden müssen. Essen und Heizen muss schließlich jeder. Das erklärt auch, warum die Inflation in verschiedenen Teilen der Welt Unterschiedliches bedeutet. Die Deutschen geben als wohlhabendes Land nur einen kleinen Teil ihres Einkommens für Essen aus. In ärmeren Staaten ist es mehr.

Ist die aktuelle Inflation gefährlich?

Nicht jede Inflation muss in eine Krise führen. „Der Gaspreis wird nicht endlos steigen, sondern ein neues Niveau finden“, sagt Wollmershäuser. Haben sich Preise und Löhne, die wegen der gestiegenen Kosten für die Mitarbeiter etwas steigen müssen, neu eingependelt, müssen die Menschen zwar mehr ausgeben und Energie kostet im Verhältnis zum Rest mehr, sie verdienen aber auch mehr.

Aber es kann Komplikationen geben. Nach der ersten Kettenreaktion – erst höhere Preise, dann Lohnerhöhungen –, könnten Unternehmen die Preise erneut erhöhen, weil ja ihre Lohnkosten gestiegen sind. Dann könnten Gewerkschaften nach einer Zeit erneut höhere Löhne fordern, woraufhin Firmen wieder einen Grund sehen könnten, Preise zu erhöhen. So kann eine Art Inflations-Teufelskreis beginnen, die sogenannte Lohn-Preis-Spirale. „Nicht jede Lohnanhebung ist Beginn einer Lohn-Preis-Spirale, aber wenn die Löhne zu stark steigen, wird das zu einer Gefahr“, sagt Wollmershäuser.

Wie kann eine Lohn-Preis-Spirale verhindert werden? Sowohl Lohn- als auch Preiserhöhungen müssten maßvoll bleiben. Doch was maßvoll ist, das ist schwierig einzuschätzen. Denn es ist unklar, wie hoch genau die Inflation sein wird.

„Die Belastung muss aufgeteilt werden zwischen Unternehmen, die einen Teil ihrer Gewinne als Folge der Lohnerhöhungen reduzieren müssen, und der Bevölkerung, die den Preisanstieg nicht vollständig durch höhere Löhne ausgleichen kann und deshalb ihren Lebensstandard einschränken muss.“ So würden beide, Unternehmen und Verbraucher, einen Teil der Last tragen. Und die Butter wäre zwar fortan teurer, im Verhältnis aber nicht so viel teurer, dass sie im Supermarkt elektronisch gesichert werden müsste - eine Maßnahme, zu der einige britische Supermärkte neuerdings greifen, wie zahlreiche Beiträge auf Social Media bezeugen.

Dank geht für diesen Artikel an Bernd Kempa, Direktor des Instituts für Internationale Ökonomie der Universität Münster, der uns wichtige Zusammenhänge erläutert hat.

Das Team

Eric Beltermann
Scraping & Webentwicklung
Nina Breher
Text und Recherche
Lennart Tröbs
Artdirektion
Helena Wittlich
Produktion
Veröffentlicht am 3. August 2022.