Eine der höchsten Inzidenzen weltweit: Was bedeuten die hohen Corona-Fallzahlen in Deutschland?
Dunkelrot erscheint Deutschland auf der Weltkarte, wenn man die Länder entsprechend ihrer aktuellen Corona-Inzidenzen einfärbt. Als der Bundestag am Donnerstag die monatelang hitzig diskutierte Impfpflicht ablehnte, infizierten sich nach Tagesspiegel-Berechnungen täglich 1458 Menschen pro 100.000 mit dem Virus. Doch obwohl Deutschland laut Zahlen der Johns Hopkins University aktuell die sechsthöchste Inzidenz weltweit hat, scheint ein weiterer Lockdown nicht zur Debatte zu stehen.
Daten
Über eine Million Menschen haben sich in Deutschland innerhalb der letzten sieben Tage angesteckt, nur Südkorea übertrifft diese Werte, wie aus Zahlen der Weltgesundheitsorganisation hervorgeht. Erst Ende März war die Inzidenz in Deutschland mit rund 1900 so hoch wie nie zuvor, zuletzt sank sie auf immer noch hohe 1383 (Stand Freitag).
Dabei hatte es für die Bundesrepublik in den ersten Monaten der Pandemie gut ausgesehen. Warum Deutschland die Pandemie so gut im Griff habe?, fragte ein Moderator des US-amerikanischen Senders CNBC den damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im April 2020 mit Blick auf die vergleichsweise niedrigen Todeszahlen. Spahn lobte das deutsche Gesundheitssystem.
Schon bald aber zeigte sich, dass eine gute medizinische Versorgung allein hohe Fallzahlen und schwere Krankheitsverläufe nicht verhindert. Deutschland wurde vom Vorzeigeschüler zum Sorgenkind in der Pandemie: Im Winter 2020/21 machen hohe Infektions- und Todeszahlen einen monatelangen Lockdown nötig; Intensivstationen gerieten an ihre Kapazitätsgrenzen. Im Frühjahr folgte die Bundesnotbremse, dann machten niedrige Impfquoten der Bundesrepublik zu schaffen. Doch zuletzt stellten die Zahlen alle bisherigen in den Schatten – zumindest, wenn man allein auf die Neuinfektionen guckt.
Ein Grund für die hohen Fallzahlen könnten die Lockerungen sein, die in Deutschland wie in vielen anderen Ländern seit Kurzem gelten. Seit dem 20. März gelten hierzulande nur noch wenige Corona-Regeln, auch die Maskenpflicht im Einzelhandel ist entfallen. Sind die Fallzahlen deshalb so hoch?
Lockerungen führen vielerorts zu weniger Tests
Dagegen spricht: Einige Nachbarländer verzeichnen trotz ähnlicher Öffnungsschritte vergleichsweise geringe Fallzahlen, zum Beispiel Dänemark. Dort lag die Inzidenz Mitte Februar bei rund 5600, mittlerweile ist sie auf 337 gefallen. Maskenpflicht und weitere Corona-Regeln entfielen hier seit dem 1. Februar. Und auch in Großbritannien wurden die letzten Einschränkungen am 24. Februar aufgehoben.
Jedoch wurden in vielen Ländern mit den Corona-Bekämpfungsmaßnahmen auch die Testkapazitäten zurückgefahren. Das Vereinigte Königreich etwa führte zuletzt nach Angaben der Regierung durchschnittlich noch etwa halb so viele Tests durch wie Anfang September 2021. Bürger*innen benötigen keine Tests mehr, nicht einmal für Großveranstaltungen. Wer sich testen will, muss selbst zahlen. Auch in den Niederlanden entfällt die Nachweispflicht bei Großveranstaltungen, die Testnachfrage sinkt.
Wer weniger testet, findet weniger Fälle. Fährt ein Land die Testkapazitäten herunter, kann es also sein, dass die Inzidenz dort nicht trotz, sondern – zumindest in manchen Fällen – sogar durch die Begleiteffekte von Öffnungsschritten sinken. Wenn infolge von Öffnungen weniger getestet wird, werden die Inzidenzen womöglich weniger aussagekräftig. Das gilt für viele Regionen der Welt schon lange. Vor allem ärmere Länder können nicht immer genug testen, um einen Überblick über das Infektionsgeschehen zu erhalten. Das macht Vergleiche zwischen Staaten und Weltregionen schwierig.
Wer nur wenig testet, bildet also womöglich nicht das tatsächliche Infektionsgeschehen ab. Auch die Ergebnisse von Sequenzierungen, also der genetischen Suche nach neuen Virusvarianten, werden weniger aussagekräftig. Gefährliche Virusvarianten werden dann vermutlich weniger schnell entdeckt. Das ist der Grund, warum zu wenige Tests das Pandemiegeschehen unbemerkt vorantreiben können: erstens, weil Menschen ihre eigene Infektion nicht bemerken und unwissend andere anstecken. Zweitens können neue Mutanten nicht rechtzeitig identifiziert werden. Die Testpositivrate ist also unter anderem ein Indiz dafür, ob ausreichend getestet wird. Warum das so ist, erklären wir detailliert hier.
Während andere Länder mittlerweile weniger testen, führt Deutschland 2022 laut Zahlen des Robert Koch-Instituts mehr PCR-Tests durch als zuvor. Antigenschnelltests sind weiterhin kostenfrei möglich. Deshalb werden in Deutschland mehr Infektionen gefunden als anderswo. Aus dieser Perspektive ist die hohe Inzidenz kein ausschließlich negatives Zeichen. Aber auch in Deutschland gehen Expert*innen von einer hohen Zahl nicht erfasster Fälle aus. Die Gesundheitsämter sind überlastet, nicht alle Infizierten machen PCR-Tests. Nur sie zählen in der Statistik, ein Antigen-Test nicht.
Veränderungen der Teststrategie von Staaten sind nur einer der Gründe, warum eine hohe Inzidenz allein derzeit kein Grund zu allzu großer Sorge mehr sein muss. Denn nicht nur die Teststrategie vieler Länder, sondern auch das Virus hat sich mittlerweile verändert. Aktuell dominiert die Omikron-Variante des Coronavirus. Sie unterscheidet sich deutlich etwa von der Delta-Variante. Eine Infektion mit Omikron verläuft normalerweise milder, auch dank der Impfungen. Gleichzeitig ist das Virus ansteckender geworden. Es infizieren sich also mehr Menschen, von ihnen müssen aber weniger in Krankenhäusern behandelt werden. Die Spielregeln der Pandemie haben sich geändert.
Ein Blick in zwei andere Länder mit derzeit hohen Inzidenzen zeigt, wie die Omikron-Variante und die Impfung womöglich die Fallzahlen beeinflussen. In Südkorea, dem Land mit der derzeit weltweit höchsten Inzidenz von über 3000, wurden bis vor kurzem täglich Neuinfizierten-Rekorde aufgestellt, die Regierung spricht von einer „letzten großen Herausforderung“.
Neuseeland: Zero Covid war gestern
Auch Neuseeland erweckt auf der Weltkarte den Anschein eines Corona-Sorgenkinds. Dort ist die Inzidenz derzeit weltweit am dritthöchsten, die landeseigene Coronaampel steht seit Wochen auf Rot. Strikte Maßnahmen beherrschen den Alltag: Maskenpflicht in Innenräumen, lokale Lockdowns, Abstandsregeln. Aber einen landesweiten Lockdown gibt es nicht – und das in einem Land, das lange eine Zero-Covid-Strategie verfolgte.
Das oberste Ziel sei jetzt eine hohe Impfquote, schreibt das neuseeländische Gesundheitsministerium auf seiner Website. Auch hier kam es im Vergleich zu Deutschland bisher zu deutlich weniger Todesfällen durch Corona im Verhältnis zur jeweiligen Bevölkerungsgröße. Knapp 80 Prozent der Neuseeländer*innen sind doppelt geimpft. Doch nur rund jede*r Zweite hat sich mit einer dritten Dosis impfen lassen.
Forschende der britischen Wissenschaftsgesellschaft Royal Society gehen davon aus, dass die Bereitschaft der Menschen sinkt, sich impfen zu lassen, wenn die Corona-Fallzahlen niedrig sind. Sie nähmen eine Coronainfektion dann als weniger bedrohlich wahr. Das lässt sich etwa in Hongkong beobachten. Anfang 2022 waren 61,8 Prozent der Menschen doppelt geimpft, geboostert warten 5,23 Prozent. Die Omikron-Welle trifft Hongkong schwer und mit ihr steigen auch die Todesfälle rasant – in nur zwei Monaten von 213 auf über 8400 bestätigte Todesfälle seit Pandemiebeginn. Als Folge lassen sich nun offenbar mehr Menschen impfen: Anfang April war der Anteil der doppelt Geimpften in Hongkong auf 61,77 Prozent gestiegen, der der Geboosterten auf 37,83 Prozent.