Artikel teilen
teilen
Artikel teilen
teilen
Zweite Corona-Welle in Deutschland

Werden die Intensivbetten knapp?

Mit den Neuinfektionen steigt auch die Zahl der Coronapatienten auf den Intensivstationen. Erste Kliniken in Deutschland melden Engpässe bei Intensivbetten. Ein Überblick in Grafiken.

Es ist eine der größten Sorgen in dieser Pandemie: die Überlastung der Intensivbetten. Was das bedeutet, zeigen die dramatischen Bilder von März und April aus Italien oder New York. Während in der ersten Welle in Deutschland immer genug Kapazitäten vorhanden waren, spitzt sich die Situation auf den Intensivstationen langsam zu. Mitte November werden in deutschen Krankenhäusern mehr Patienten mit einer Corona-Infektion behandelt als beim bisherigen Höhepunkt Mitte April.

Über 3500 Menschen liegen Mitte November mit einem schweren Corona-Verlauf auf der Intensivstation – knapp 60 Prozent von ihnen werden invasiv beamtet. Dann versetzen die behandelnden Ärzte den Patienten in Narkose und führen einen Beatmungsschlauch durch den Mund in die Luftröhre.

Wir liefern Zahlen, wo andere nur meinen. Die Wahrheit ist nie umsonst.
Sichern Sie unabhängigen Journalismus mit Tagesspiegel Plus.
Für nur 9,99€ im Monat lesen Sie noch mehr besondere Inhalte.
Jetzt 30 Tage gratis testen Die ersten 30 Tage sind gratis

So ausgelastet sind die Intensivstationen

Möglich ist diese Behandlung nur, solange es nicht zu viele schwere Verläufe gleichzeitig gibt. Ansonsten sterben mehr Menschen – an Corona, aber auch an anderen Krankheiten, die dann nicht mehr optimal behandelt werden können. Denn trotz Pandemie passieren Unfälle, Menschen bekommen Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Auch für deren Behandlung braucht es freie Intensivbetten.

Deswegen ist es wichtig, die Auslastung der Intensivstationen zu kennen, die alle Patientinnen und Patienten auf deutschen Intensivstationen enthält, nicht nur Coronapatientinnen und –patienten.

Belegung der Intensivbetten
Die Grafik zeigt, wie stark die Intensivstationen in Deutschland ausgelastet sind.

Auch wenn die Covid-19-Patienten nur einen kleinen Teil aller Intensivpatientinnen und -patienten ausmachen, ist diese Zahl ein Alarmsignal. Erste Landkreise meldeten Mitte November, dass alle Betten auf Intensivstation belegt seien, etwa in Dachau in Bayern oder im Hochtaunuskreis in Hessen. Und bereits jetzt verschieben Krankenhäuser im ganzen Land Eingriffe, um die Intensivstationen zu entlasten. Auch alle Berliner Krankenhäuser sind derzeit angewiesen, alle planbaren Eingriffe zu verschieben. So sollen möglichst viele Betten für Notfälle wie Unfälle oder eben Covid19-Patienten freigehalten werden.

Erste Kliniken melden Engpässe

Wie viele Intensivbetten ein Krankenhaus hat, hängt sehr stark von der Größe und Aufteilung der Klinik ab. Dem Deutschen Krankenhausinstitut zufolge haben kleine Krankenhäuser mit weniger als 300 Betten im Schnitt nur 12 Intensivbetten. In großen Krankenhäusern mit über 600 Betten sind es durchschnittlich immerhin 57. Noch größere Kliniken mit mehreren Standorten haben oftmals mehrere hunderte Intensivbetten. Im Schnitt hat eine Klinik in Deutschland 20 Intensivbetten pro Klinik.

Wir zeigen auf einer Karte, welche Kliniken noch freie Bettenkapazitäten melden.

Wo die Intensivbetten knapp sind
Die Karte zeigt alle Kliniken, die die Auslastung ihrer Intensivbetten in den drei Kategorien an das Intensivregister melden: Betten mit nicht-invasiver Beatmung, Betten mit invasiver Beatmung und ECMO-Betten für die besonders schweren Fälle.
Die Zahl der vorhandenen Intensivbetten pro Klinik bezeichnet die Planbetten im Intensivbereich. Diese Anzahl sollte theoretisch verfügbar sein.

Die Zahlen zu den Intensivkapazitäten in Deutschland stammen aus dem „DIVI-Intensivregister“, das die „Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin“, eine Fachgesellschaft für Intensivmedizin, gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut betreibt. Seit 16. April sind alle Kliniken mit Intensivstationen gesetzlich verpflichtet, ihre Kapazitäten an das Register zu melden. Seit 3. August melden die Kliniken außerdem sogenannte Notfallreserven - Intensivbetten, die innerhalb von sieben Tagen aktiviert werden können.

Auch wenn die Auslastung in allen Bundesländern hoch ist, so gibt es überall noch Reservebetten.

So viele Intensivbetten sind in den Bundesländern frei
Die Tabelle zeigt sowohl die regulär freien Intensivbetten sowie die Notfallreserve. Diese Betten können innerhalb von sieben Tagen zusätzlich aufgestellt werden.

Die Daten liefern zwar einen guten Überblick über die Lage in den Krankenhäusern, es gibt aber auch Einschränkungen. Denn um Intensivbetten betreiben zu können, braucht es Personal. Zwar sollen dem Register nur Betten gemeldet werden, für die auch Personal bereitsteht - was auch Schwankungen der Kapazität erklärt. DIVI-Sprecher Christian Karagiannidis fürchtet dennoch, dass es weniger einsatzbare Betten gibt als gemeldet. „Bundesweit melden Kliniken freie Betten als verfügbar an, obwohl einige wegen des Personalmangels gar nicht genutzt werden können“, sagte er der Welt am Sonntag.

[Der Umgang mit Corona ist international so unterschiedlich, dass wir uns regelmäßig Ländern und Phänomenen in einzelnen Analyseartikeln widmen. Da erklären wir, warum die Slowakei gerade zwei Drittel der Bevölkerung getestet hat, wie Großbritannien 15.000 Fälle wegen Excel verlor, wie Ungarn mit populistischer Politik scheiterte und wie unlogisch der Umgang mit inländischen und ausländischen Risikogebieten ist. Das und mehr gibt’s wöchentlich in unserer Länderkolumne für Abonnenten.]

Denn es braucht nicht nur Personal, um zusätzlich zur Verfügung gestellte Betten zu betreiben. Auch das Pflegepersonal kann an Corona erkranken oder in Quarantäne müssen. „Pro Pflegekraft fallen dann 2,5 belegbare Betten aus dem Register raus, weil es keinen Ersatz gibt“, teilt eine DIVI-Sprecherin mit. Schon jetzt führe das dazu, dass die Zahl der verfügbaren Betten sinkt. Angaben des DIVI zufolge ist Personalmangel der Hauptgrund für Betriebseinschränkungen in den Krankenhäusern.

Nicht alle gemeldeten Betten können alle Coronapatienten aufnehmen

Neben dem Personalmangel gibt es weitere Einschränkungen, die bei der Bewertung der Kapazitäten zu beachten ist. In den Angaben des DIVI sind auch Kinder-Intensivbetten enthalten – am 16. November machten sie etwa 10 Prozent der Gesamt-Intensivbetten aus. Das ist tendenziell irreführend. Denn anders als Erwachsene verkraften Kinder eine Corona-Infektion normalerweise gut. Bisher gab es laut DIVI „genau fünf Kinder in Deutschland“, die mit Covid-19 auf der Intensivstation behandelt werden mussten. Diese Betten lassen im Notfall auch nicht einfach für Erwachsene nutzen.

Kinder-Intensivbetten können nicht einfach in Betten für Erwachsene umfunktioniert werden, teilt ein DIVI-Sprecher mit. „Die Strukturen auf Kinderintensivstationen können nicht ohne Weiteres für Erwachsene verwendet werden, das gilt auch für die Betten.“ Für die Einschätzung, die viel Platz auf den Intensivstationen noch vorhanden ist, sind also die Erwachsenen-Plätze entscheidend.

Warum Intensivbetten auch noch knapp werden können, wenn die Infektionswelle abklingt

Noch reichen die Intensivkapazitäten in Deutschland. Die Zahl freier Betten dürfte aber weiter sinken, auch wenn die Neuinfektionen bereits zurückgehen sollten. Denn die Belegung der Intensivstationen steigt mit etwas zeitlichem Abstand zu den Infektionszahlen. Während in der ersten Welle die meisten neuen Fälle Anfang April gemeldet wurden, so gab es erst Mitte April einen Höhepunkt an Covid-Patienten auf der Intensivstation.

Die „nachgelagerte Welle“ der Covid-Fälle auf den Intensivstationen zeige laut einer DIVI-Sprecherin, „dass die Zahl der Intensivpatienten mindestens noch bis Anfang/Mitte Dezember steigen wird, auch wenn die Infektionszahlen jetzt stabil bleiben oder sinken.“

Die wichtigsten weiteren Artikel zum Coronavirus SARS-CoV-2

In welchen Landkreisen in Deutschland es derzeit die meisten Coronafälle gibt sehen Sie auf unserer interaktiven Karte.

Ob Arbeit oder Familie: Frauen sind von der Coronakrise besonders betroffen. Lesen sie hier unsere Datenanalyse. (Abo)

Wann das Virus welche Länder erreicht hat gibt es auf einer Karte in Zeitraffer

Wie sich das neue Coronavirus am Anfang von Wuhan in China aus verbreitet hat und welche Faktoren die Verbreitung begünstigt haben, können Sie auf Multimedia-Karten erkunden

Alle aktuellen Nachrichten und Reaktionen zum Coronavirus SARS-CoV-2 werden von Dutzenden Kolleginnen und Kollegen kontinuierlich in unserem Tagesspiegel News-Blog zum Coronavirus zusammengetragen.

Die aktuellsten News zum Coronavirus SARS-CoV-2 in Berlin sammeln wir in unserem Newsblog zu Corona in Berlin.

Über die Autorinnen und Autoren

Nina Breher
Text & Recherche
David Meidinger
Entwicklung
Helena Wittlich
Produktion
Veröffentlicht am 18. November 2020.