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Dimitar Dilkoff/AFP

So hat sich das Coronavirus ausgebreitet

Der Pfad des Coronavirus 2019-nCoV auf interaktiven Karten.
Der Pfad des Coronavirus 2019-nCoV auf interaktiven Karten.

Eigentlich wollte Chen nur ihre Familie zum chinesischen Neujahrsfest besuchen. Zwei Wochen wollte sie in Wuhan bleiben, berichtet sie der Tagesspiegel-Redaktion über einen verschlüsselten Messenger-Dienst. Die Nutzung von Kommunikationsdiensten aus China heraus in andere Länder ist stark eingeschränkt.

Gemeinsam mit Angehörigen wollte sie dann nach Phuket in Thailand weiterreisen. Doch dann kam das neue Coronavirus. Der Familienausflug wurde abgesagt. Anstelle von zwei Wochen muss Chen nun wohl mindestens einen Monat in ihrer Heimatstadt bleiben, wie sie sagt.

Die Metropole Wuhan gleicht inzwischen einem Krisengebiet. 2019-nCoV, so der medizinische Name des Virus, ist winzig klein, mit ganz vielen Molekülen an der Hülle, die das Virus braucht, um sich an Zellen anzudocken und sich zu vermehren. Es ist eine Gattung von Viren, die bei Tieren und Menschen andocken kann.

Ein menschliches Coronavirus unter dem Mikroskop. Weil es der Form einer Krone ähnelt, wird es Coronavirus – Kronenvirus – genannt. Foto: Cavallini James/BSIP/Universal Images Group via Getty Images

Einige Coronaviren sind Überträger eher harmloser Krankheiten wie Erkältungen. Aber auch das Middle East Respiratory Syndrome (MERS) oder das Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS) gehören zu dieser Gattung. Bei Menschen führt das neue Coronavirus 2019-nCOV zu lungenentzündungsartigen Symptomen, bei einigen zum Tod. Wie hoch das Todesrisiko genau ist, ist bislang genauso unklar wie die genaue Übertragungsweise.

Wegen des Virus verlässt Chen ihr Haus in Wuhan fast nicht mehr. Seit einigen Tagen ist die Stadt abgeriegelt – keine Flugzeuge, keine Autos, keine Züge kommen mehr raus oder rein. „Frisches Gemüse und Fleisch gibt es noch im Supermarkt”, schreibt Chen. Sie hat mit ihrer Familie gleich Vorräte für die ganze Woche gekauft. Die meisten Menschen in Wuhan haben sich isoliert, berichtet sie. Auf der Straße sei kein Mensch mehr.

Die Mutter von Chens Freund ist infiziert. Wuhan ist das Epizentrum des Virus. Die Fallzahlen steigen hier täglich dramatisch. Und von hier aus hat sich das Virus in die ganze Welt verteilt. Aber wie verbreitete sich der Erreger überhaupt so schnell?

Schritt für Schritt: Der Pfad der Epidemie

Weil es in dem weltweiten Nachrichtensturm der vergangenen Tage schwer ist, einen Überblick zu behalten, haben wir anhand der verfügbaren Fakten versucht, zu rekonstruieren, wie sich der Krankheitserreger von Wuhan aus so schnell verbreiten konnte:

Berechnungen darüber, wie weit sich das Virus noch ausbreiten könnte, werden derzeit sehr kritisch bewertet. Eine Modellrechnung des Laboratory for the Modeling of Biological and Socio-technical Systems vom 27. Januar geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Infizierten in Wuhan zwischen 26.000 und 35.000 liegen könnte. Der britische Gesundheitsexperte Neil Ferguson sprach im Guardian sogar von 100.000 Infizierten.

Die Zahl der gemeldeten und bestätigten Fälle liegt allerdings wesentlich niedriger. Aktuell steigen die Zahlen rasant an. Der Höhepunkt der Epidemie wird frühestens in einer Woche erwartet.

Wir werden die obenstehende Grafik in den nächsten Tagen regelmäßig aktualisieren, damit Sie immer einen Überblick haben, wie hoch die Zahl der eideutig bestätigten Infizierten liegt.

Prognosen über die Verbreitung des Virus sind auch deshalb so schwierig, weil bisher noch viele wichtige Basisfakten fehlen. Unklar ist etwa, wie lange das neue Coronavirus außerhalb des Körpers überleben kann. Dadurch ist es schwer, abzuschätzen, wie ansteckend es genau ist.

Nicht sicher ist außerdem die Inkubationszeit, also der Zeitraum von der Ansteckung bis zum Auftreten der ersten Symptome. Die WHO spricht von einem Zeitraum von zwei bis zehn Tagen. Zwei neue Studien chinesischer Wissenschaftler, die die Daten der ersten 100, bzw. 400 Patienten ausgewertet haben, bestätigen das. Sie gehen auch davon aus, dass der Patient in dieser Zeit bereits ansteckend ist. Dabei scheinen Männer anfälliger für das Virus zu sein als Frauen.

Diese Orte sind betroffen

Nachdem die WHO in den vergangenen Wochen zweimal davon abgesehen hatte, den weltweiten Gesundheitsnotstand auszurufen, holte sie dies am Donnerstagabend (30. Januar) nach. Es waren wohl vor allem die Ansteckungen von Mensch zu Mensch, die die Gesundheitsexperten veranlassten, die Situation neu zu bewerten. Mittlerweile haben zahlreiche Länder solche neuen Infektionsketten gemeldet. Unter anderem auch Deutschland, wo sich mehrere Mitarbeiter eines Autoteilezulieferers bei einer Kollegin angesteckt hatten, die zuvor aus Wuhan nach Bayern gereist war.

Auf der Karte können Sie sehen, in welchen Orten weltweit es bereits bestätigte Fälle gibt, die gemeldet wurden.

Je größer die angezeigten Kreise, desto mehr Menschen sind in dieser Region mit dem Coronavirus infiziert. Fahren Sie über die Kreise, um weitere Informationen zu den betroffenen Orten anzuzeigen. Um zu zoomen, aktivieren Sie die Karte. Daten: DXY-2019-nCoV-Crawler (31.01.2020 11:00)

Auch wenn die Zahl der Erkrankten weiter zunimmt: Fakt ist auch, dass die Zahl der Menschen, die weltweit jährlich an der gewöhnlichen Form der Influenza erkranken und sterben, weit höher liegt. Die Influenza ist jedoch schon lange weit verbreitet und die Behandlungsmöglichkeiten besser erforscht.

Damit das bald auch für das neue Coronavirus gilt, forschen weltweit neun Teams an der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten. Dass seit Jahren an den Impfstoffen für SARS- und MERS-Viren geforscht wird, könnte nützlich sein. Denn gerade mit SARS scheint der neue Virus einiges gemeinsam zu haben. Ziemlich sicher sind sich die Wissenschaftler inzwischen auch, dass der neue Erreger von einem Tier auf den Menschen übersprang.

Nach Erbgutanalysen stammt der Virus aus Fledermäusen. Von dort gelangte der Erreger wohl über ein weiteres Tier, einen Zwischenwirt, in die Lunge der Menschen. Welches Tier dieser Überträger war? Das muss noch herausgefunden werden.

Was bisher über das Coronavirus bekannt ist, finden Sie in diesem Artikel.

Eine Faktenübersicht zu Coronaviren haben unsere Kollegen hier zusammengestellt.

Team

Benedikt Brandhofer
Design & Bildrecherche
Michael Gegg
Webentwicklung
Hendrik Lehmann
Koordination & Recherche
David Meidinger
Recherche & Datenanalyse
Helena Wittlich
Recherche & Text
Veröffentlicht am 29. Januar 2020.
Aktualisiert am 31. Januar 2020.