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Zweite Welle?
In welchen Regionen die Zahlen wieder steigen
Wir suchen nach Mustern und Gründen, warum die Neuinfektionen in manchen Landkreisen wieder zunehmen.

Warnungen in der Corona-App, ständig neue Regeln für das öffentliche Leben und Corona-Ausbrüche in Schulen: Immer wieder werden wir daran erinnert, wie fragil die Situation ist. Dass die Pandemie noch nicht vorbei ist, zeigen auch die Infektionszahlen, die seit Mitte Juli wieder steigen. Deutschlandweit ist die Zahl der Neuinfizierten wieder auf bis zu 2000 pro Tag gestiegen.

Mittlerweile sind es nicht mehr einzelne Ausbrüche, die für hohe Zahlen an Neuinfizierten sorgen, sondern zahlreiche einzelne Fälle, verteilt über die Bundesrepublik. Sind das Anzeichen für eine zweite Welle? Oder war die erste Welle nie vorbei, kamen die Lockerungen zu früh, wurde die Chance auf ein rasches Ende der Pandemie durch politische Entscheidungen oder persönliche Gleichgültigkeit verspielt?

In diesem Artikel analysieren wir regelmäßig die Entwicklung der Pandemie, basierend auf Daten. Während wir in unserem Live-Artikel zu Corona in den Landkreisen, Bundesländern und der EU den Fokus auf die reine Darstellung der aktuellsten Coronazahlen legen, suchen wir hier nach Mustern und Indikatoren, die erklären helfen, warum sich die Pandemie in Deutschland regional so unterschiedlich entwickelt.

Gibt es Unterschiede zwischen arm und reich?

Es war die obere Mittelklasse, die das Coronavirus nach Deutschland brachte: Vor allem Skiurlauber infizierten sich in Österreich. Einige Monate später, als die erste Infektionswelle abgeflacht war und Kontaktbeschränkungen gelockert wurden, stellte Berlin-Neukölln mehrere Wohnblocks unter Quarantäne, in denen das Virus grassierte. An diesem Tag im Juni sah Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) das Virus „vom Skiclub in der Mietskaserne angekommen“. Und meinte damit wohl, dass Corona nun auch die Ärmsten unter den Deutschen erreicht hatte. Hikel implizierte damit auch: Das Virus könnte es unter ihnen besonders leicht haben, sich zu verbreiten.

Intuitiv erscheint dieser Gedanke logisch. Menschen mit weniger Geld leben tendenziell auf engerem Raum, zumindest in Städten. Und viele schlechter bezahlte Jobs – etwa im Gast-, Dienstleistungs- und produzierenden Gewerbe – lassen sich nicht aus dem Homeoffice erledigen. Für Menschen mit wenig Geld ist es deshalb schwieriger, Abstand zu anderen zu halten.

Die Daten zeichnen ein anderes Bild. Unsere Analyse zeigt: In wohlhabenderen Teilen Deutschlands gibt es mehr Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner – und zwar nicht nur am Anfang der Pandemie, als Skigebiete zu Infektionsherden wurden. Sondern auch jetzt, wo das Infektionsgeschehen breit verteilt ist.

Je höher das Einkommen, desto mehr Neuinfektionen
Die Grafik zeigt die täglichen Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner nach Einkommenskategorien. Die Landkreise wurden dafür nach dem verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen je Kreis aufgeteilt.
Diese Grafik wird einmal in der Woche aktualisiert.
Daten: Risklayer, CEDIM (KIT), Tagesspiegel, RKI, Statistisches Bundesamt

Zwar ist dieser Unterschied zwischen einkommensschwachen und -starken Landkreisen nicht mehr so drastisch wie auf dem Höhepunkt der ersten Infektionswelle. Aber sichtbar ist er auch jetzt.

Welches verfügbare Einkommen den Menschen in den Regionen haben, veröffentlicht das Statistische Bundesamt. Teilt man die 401 Landkreise in fünf Einkommensgruppen ein und berechnet man von diesen Gruppen die durchschnittlichen täglichen Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, so zeigt sich: Während die 65 Landkreise mit einem verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen von höchstens 20.000 Euro pro Jahr zum Höhepunkt der Pandemie im Durchschnitt nur 2,9 tägliche Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner meldeten, gab es in den 81 wohlhabendsten Landkreisen 9,7 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Liegt also das verfügbare Einkommen pro Person in einem Landkreis höher, scheint es dort tendenziell mehr Coronafälle zu geben. Und je mehr Infektionen es insgesamt gibt, desto sichtbarer ist dieser Effekt.

Reichtum als Risikofaktor?

Aber warum hat es das Virus scheinbar in wohlhabenden Gegenden leichter? Studien dazu gibt es keine. Es könnte auch einfach daran liegen, dass die einkommensschwächeren Landkreise größtenteils in Ostdeutschland liegen, schließlich gibt es dort insgesamt weniger Infektionen. Dagegen spricht aber, dass auch in anderen Bundesländern viele Landkreise mit geringem Einkommen weniger betroffen sind. Zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, wo vier der zehn einkommensschwächsten Landkreise liegen.

Mit 16.312 beziehungsweise 17.049 Euro verfügbarem Pro-Kopf-Einkommen sind Gelsenkirchen und Duisburg die bundesweit einkommensschwächsten Kreise. Zwar sind tendenziell in Nordrhein-Westfalen liegende Landkreise mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen stärker betroffen als ostdeutsche mit vergleichbarem Einkommen: Hamm (18.404 Euro verfügbares Einkommen pro Kopf) hatte bei der ersten Welle die meisten Neuinfektionen unter den zehn einkommensschwächsten Landkreisen, nämlich bis zu rund 56 wöchentlich pro 100.000 Einwohner – im ostdeutschen Halle, wo der durchschnittliche Bürger 17.883 Euro jährlich zur Verfügung hat, waren es auf dem Höhepunkt der ersten Welle knapp 40 wöchentlich.

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Dennoch liegen auch die Werte einkommensschwacher nordrhein-westfälischer Landkreise weit unter denen der einkommensstärksten in Deutschland. Während der ersten Welle erreichten alle bis auf den Hochtaunuskreis (33.827 Euro pro Kopf) und Memmingen (28.711 Euro) mindestens 80 wöchentliche Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Meist sind es Landkreise in Bayern und Baden-Württemberg. Aber auch Olpe im Sauerland, der Landkreis in Nordrhein-Westfalen mit der wohlhabendsten Bevölkerung und mit 28.044 Euro verfügbarem Pro-Kopf-Einkommen einer der zehn einkommensstärksten in ganz Deutschland, meldete während der ersten Welle bis zu 125 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner – also mehr als doppelt so viele wie das nur knapp 100 Kilometer entfernte, aber zu den einkommensschwächsten Landkreisen gehörende Hamm.

Der wohlhabendste Kreis ist übrigens Starnberg. Hier haben die Menschen im Schnitt 39.026 Euro jährlich zur Verfügung – also weit mehr als doppelt so viel wie in Gelsenkirchen. Starnberg vermeldete zur Höchstzeit bis zu 160 wöchentliche Neuinfektionen. In Gelsenkirchen waren es höchstens 36.

Wer Geld hat, reist mehr

Ein Grund für Unterschiede zwischen Infektionszahlen in einkommensschwachen und -starken Landkreisen könnten Reisen sein. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass Reiserückkehrer die Pandemie ankurbeln. Und wer Geld hat, reist womöglich mehr – in den Ferien, beruflich oder auch am Wochenende, um etwa Freunde in anderen Regionen zu besuchen.

Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie sieht darin einen möglichen Grund dafür, dass wohlhabende Landkreise stärker betroffen sein könnten: „Gerade zu Beginn der Pandemie und auch jetzt wieder hat das Reisen eine wichtige Rolle in der Verbreitung gespielt, es kann also einer der Faktoren sein“, sagt der Epidemiologe.

Menschen aus einkommensschwächeren Landkreisen würden zwar auch reisen, im Mittel allerdings etwas weniger „und dann auch möglicherweise nicht im gleichen Maße in Länder mit erhöhten Risiken für eine Infektion“. Abgesehen von der Reisefrequenz könnten laut Zeeb weitere Unterschiede eine Rolle spielen – etwa, dass in wohlhabenden Landkreisen mehr Industrie ansässig sei, dass sich dort mehr Transportzentren befinden und möglicherweise auch höhere Bevölkerungsdichten.

Anders als es in Deutschland zu sein scheint, sind global betrachtet arme Menschen stärker von der Pandemie betroffen: „Über eine Milliarde Menschen weltweit sehen sich einem erhöhten Covid-19-Risiko ausgesetzt“, schreibt die Weltbank in einem Bericht. Grund dafür seien schlechte und beengte Lebensbedingungen, etwa in Slums. Die UN rechnet in einem Bericht von September 2020 mit einem historischen Anstieg globaler Armut. „Die schlimmsten Auswirkungen der Krise auf Armut stehen noch bevor“, sagte UN-Sonderberichterstatter Olivier De Schutter.

Einkommensschwache Regionen weniger betroffen, arme Menschen umso mehr

Auch in Deutschland werden arme Menschen mit den Folgen der Pandemie am meisten zu kämpfen haben. Das Virus mag sie vielleicht seltener treffen, dafür aber umso heftiger – sowohl ökonomisch als auch gesundheitlich. Denn einer Studie zufolge müssen Hartz-IV-Empfänger im Schnitt häufiger mit einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt werden – ein Indiz dafür, dass in Armut lebende Menschen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben könnten.

Und nicht nur gesundheitlich ist mangelnder Wohlstand ein Risikofaktor: In Kurzarbeit waren und sind vor allem Menschen in Branchen, in denen oft sowieso schon niedrige Löhne gezahlt werden, etwa in Gastgewerbe oder Einzelhandel.

Diese Branchen sind besonders von Kurzarbeit betroffen
Die Grafik zeigt den Anteil der Personen je Branche, für die Kurzarbeit angemeldet wurde. Die Werte für März und April sind kumuliert.
Daten: Bundesagentur für Arbeit

Auch die Arbeitslosenzahlen sprechen dafür, dass die Pandemie diejenigen am härtesten trifft, die es auf dem Markt sowieso am schwersten haben. Laut einer Berechnung der Bundesagentur für Arbeit ist die Arbeitslosigkeit für Personen ohne Ausbildung im August um 4,8 Prozent gestiegen.

Einkommensschwache Regionen mögen also vom Coronavirus weniger stark betroffen sein. Arme Menschen trifft es aber umso härter. Deshalb könnte am Ende das Virus genau die sozialen Ungleichheiten drastisch verstärken, wegen denen es sich ungleich über die Bundesrepublik verteilt.

Welche Rolle spielen die Sommerferien bei der Verbreitung des Virus?

Als die Grenzen endlich wieder öffneten und Reisen wieder möglich war, war für einige die Freude groß. Andere blieben zu Hause, befürchteten, dass volle Strände im Ausland und an der Ostsee zu Corona-Hotspots werden könnten. Dass dann im August die Zahlen auf Mallorca, dem beliebtesten Reiseziel der Deutschen, rasant stiegen und das Robert-Koch-Institut (RKI) die Insel zum Risikogebiet erklärte, ließ manche ein böses Ende der Feriensaison befürchten.

Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov zufolge gaben im Mai 22 Prozent der Teilnehmer an, ihre Auslandsreisepläne verworfen zu haben. 16 Prozent planten eine Auslandsreise trotz Corona.

Haben Reiserückkehrer etwas mit steigenden Infektionszahlen zu tun? Eindeutig sagen lässt sich das nicht, es gibt aber Hinweise, dass die Schulferien mehr Ansteckungen zur Folge haben: Alle Bundesländer außer Berlin melden in den letzten Ferienwochen mehr Infizierte als jeweils in den Wochen vor den Ferien und in den ersten Ferienwochen, wie die Infektionszahlen in Hessen beispielhaft zeigen.

Die Neuinfektionen in Hessen während der Schulferien
Die Grafik zeigt die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner nach Kalenderwochen. Die Ferienwochen (6. Juli bis 16. August) sind rot markiert.
Daten: Risklayer, CEDIM (KIT), Tagesspiegel

In der zweiten Ferienhälfte steigen die Neuinfektionen an. Sobald die erste Schulwoche vorbei ist, sinken sie tendenziell wieder. Das ist in allen Bundesländern der Fall.

Ähnliches deutet sich in Baden-Württemberg an. Im drittgrößten Bundesland Deutschlands enden die Ferien erst in einer Woche, der Trend ist aber sichtbar.

Die Neuinfektionen in Baden-Württemberg während der Schulferien
Die Grafik zeigt die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner nach Kalenderwochen. Die Ferien haben am 30. Juli begonnen und gingen bis zum Ende der 37. Kalenderwoche (13. September).
In Baden-Württemberg fiel der erste Ferientag auf einen Donnerstag (30. Juli). Rot markiert sind nur die vollen Ferienwochen (ab 3. August).
Daten: Risklayer, CEDIM (KIT), Tagesspiegel

Auch wenn die Zahlen in der zweiten Schulwoche nach den Ferien wieder sinken: In vielen Bundesländern sind sie immer noch höher als im Juni. In Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen waren die Neuinfektionen in der ersten Schulwoche sogar höher als der letzten Aprilwoche, als noch strenge Kontaktbeschränkungen galten und Spielplätze geschlossen waren. 11,7 Neuinfektionen pro Woche wurden damals gemeldet, in der ersten Schulwoche waren es 16,3 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner. Immerhin: Drei Wochen nach Ende der Ferien sind es wieder nur 10 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner.

Nur Berlin ist – wie immer – ein Sonderfall. In der Hauptstadt gab es kurz vor den Ferien mehrere Corona-Ausbrüche in Mietshäusern. So stiegen dort die Neuinfektionen vor den Ferien besonders stark an.

Die Neuinfektionen in Berlin während der Schulferien
Die Grafik zeigt die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner nach Kalenderwochen. Der Ferienzeitraum (25. Juni bis 9 August) ist rot markiert.
In Berlin fiel der erste Ferientag auf einen Donnerstag (25. Juni). Rot markiert sind nur die vollen Ferienwochen (ab 29. Juni).
Daten: Risklayer, CEDIM (KIT), Tagesspiegel

In der zweiten Ferienhälfte stiegen die Neuinfektionen wieder an – wie in den anderen Bundesländern. Der Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) zufolge hatte der Anteil der Reiserückkehrer vor wenigen Wochen noch bei 50 Prozent gelegen. Ende August nach Ferienende seien es nur noch 34 Prozent gewesen.

Das passt dazu, dass zahlreiche Landkreise inzwischen viele neue Fälle bei Auslandsrückkehrern melden. Das RKI führt in ganz Deutschland 37 Prozent aller Ende August gemeldeten Fälle auf sie zurück, in der Woche davor waren es 42 Prozent. Besonders hohe Infektionsraten in einzelnen Landkreisen seien laut RKI „überwiegend” auf Rückkehrer zurückzuführen.

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Ferienreisen könnten die Zahlen also beeinflusst haben. Das wäre auch plausibel, schließlich sind die Sommerferien Hauptreisezeit. Und wer reist, trifft auf mehr Menschen – im Restaurant, am Strand oder in Zug und Fernbus. Und je mehr Kontakte ein Mensch hat, umso eher ist einer dabei, der infiziert ist. Manche reisen außerdem in Länder, in denen es mehr Fälle pro Einwohner gibt als zu Hause. Dort ist die Wahrscheinlichkeit höher, sich anzustecken.

Auch innerhalb Deutschlands gibt es Regionen, die neue Ausbrüche zu verzeichnen haben.

Diese Kreise sind derzeit am stärksten betroffen
Die Grafik zeigt die zehn Kreise in Deutschland, die in den vergangenen 14 Tagen die meisten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gemeldet haben.
Daten: Risklayer, CEDIM (KIT), Tagesspiegel

Wie breit ist die Pandemie derzeit über Deutschland verteilt?

Die Eindämmung der Pandemie bleibt eine extrem lokale Aufgabe, wenngleich sie nur Erfolg hat, wenn sie international koordiniert ist. Auch deswegen kann die absolute Zahl der neuen Coronafälle täuschen. Große Ausbrüche, die nur sehr lokal begrenzt sind, müssen nicht zwangsläufig die umliegenden Regionen erreichen oder in andere Länder getragen werden, wenn gut reagiert wird. Spannend ist deshalb, wie viele der 401 deutschen Stadt- und Landkreise in Deutschland aktuell „coronafrei” sind – oder auf einem guten Weg dahin.

So viele Landkreise sind derzeit ohne Neuinfektionen
Die Kurve zeigt, wie viele Kreise mindestens sieben Tage lang keine neuen Coronafälle gemeldet haben. Erst wenn alle 401 Kreise keine neuen Fälle mehr melden würden, wäre die Pandemie vorbei.
Daten: Risklayer, CEDIM (KIT), Tagesspiegel

Warum gibt es in Ostdeutschland weniger Neuinfektionen?

Viele der Landkreise ohne Neuinfektionen liegen in Ostdeutschland. Obgleich auch in den östlichen Bundesländern die Fallzahlen während der Sommerferien gestiegen sind, große Hotspots gab es dort nie. Es ist das gleiche Muster wie zu Beginn der Pandemie in Deutschland. Auch wenn im gesamten Land die Fallzahlen steigen, ist das Coronavirus ungleich in Deutschland verteilt. Während einige Landkreise ein bis zwei Neuinfektionen täglich melden, sind es in anderen Regionen zehnmal so viele. Ein Blick auf die Daten zeigt: Ostdeutschland steht im Vergleich zum Westen besser da.

Corona-Neuinfektionen im Osten vs. Westen
Die Grafik zeigt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner als 7-Tage-Mittel. Die Werte aus Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen ergeben die Zahl für Ostdeutschland. Die restlichen zehn Bundesländer addieren sich zu Westdeutschland.
Daten: Risklayer, CEDIM (KIT), Tagesspiegel

Wie schon im März und April steigen die Neuinfektionen pro Kopf vor allem im Westen Deutschlands. Gibt es Gründe, warum sich Corona im Osten langsamer verbreitet?

Wissenschaftlich belegt sind bisher keine. Doch Hypothesen gibt es. Eine davon bezieht sich auf die Tuberkulose-Impfpflicht, die in der DDR galt. Denn Lebendimpfstoffe wie die BCG-Impfung schützen auch allgemein gegen Bakterien und Viren und nicht nur gegen den eigentlichen Erreger, gegen den geimpft wurde. Aber auch das RKI machte deutlich: Das ist bisher nur eine Hypothese.

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Nicht nur das wäre möglich: Blickt man auf die demografischen Unterschiede im Osten, so könnten sie ein Hindernis für die Verbreitung des Coronavirus sein. Ostdeutschland ist etwa weniger dicht besiedelt. Es gibt wenig Großstädte, wenig internationale Flughäfen. Reicht das schon, um die Verbreitung zu verlangsamen?

Der Osten reist weniger

„Es gibt mehrere Faktoren, die in Ostdeutschland möglicherweise zusammenspielen könnten”, sagt der Soziologe Steffen Mau. Nicht nur Bevölkerungsdichte, auch die Mobilität könnte eine Rolle spielen. Die Wirtschaft ist meist regional strukturiert. Wie oft man beruflich ins Ausland reise, darin unterscheiden sich Ost und West stark, sagt Mau. Insgesamt reise man auch privat weniger.

Wer also weniger mobil ist, verbreitet das Virus weniger. Das klingt erst einmal plausibel. Hinzu kommt außerdem, dass Ostdeutsche dem Soziologen Mau zufolge andere soziale Netzwerke pflegen. „Die DDR war eine extrem homogene Gesellschaft mit nur wenig Außenkontakten. Das setzt sich ein bisschen fort”, sagt Mau. Während in anderen Regionen Menschen viele Freunde für unterschiedliche Aktivitäten hätten, so mache man in Ostdeutschland eher Dinge mit den gleichen Personen. Hinzu komme außerdem, dass die Bevölkerung im Schnitt älter ist. „Im Alter ändert sich das Freizeitverhalten, die Menschen sind mit einer stabilen Gruppe unterwegs, der soziale Aktionsradius ist kleiner”, sagt Mau. Weniger zwischenmenschliche Kontakte mit verschiedenen Personen bedeutet für das Virus: Weniger Chancen, Infektionsketten auszulösen.

Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?

In Städten kommt man regelmäßig in Kontakten mit Fremden – in der U-Bahn, im vollen Supermarkt oder einfach auf der Straße. Und es waren die Bilder von Megastädten wie Wuhan, Peking und New York, die am Anfang die Wahrnehmung der Pandemie prägten. Ist es also eine Pandemie der Städte? Vergleicht man die deutschen Kreise danach, ob es sich um ländliche Gebiete oder Städte handelt, zeichnet sich ein differenzierteres Bild. Nein, am Anfang gab es besonders in ländlichen Gebieten besonders viele neue Fälle. Doch diese Dynamik ändert sich anscheinend im Verlauf der Zeit.

Coronafälle in der Stadt vs. Land
Die Grafik zeigt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern als 7-Tage-Mittel. Dabei wurden einmal alle Infektionen in Kreisen berücksichtigt, die Stadtkreise oder kreisfreie Städte sind – und einmal die restlichen Kreise, also eher ländliche Regionen.
Daten: Risklayer, CEDIM (KIT), Tagesspiegel

Insgesamt gibt es zwischen den Landkreisen große Unterschiede. So war Bayern gerade am Anfang der Pandemie sehr stark betroffen. Denn gab es viele neue Fälle in einem Landkreis, konnte sich das Virus recht einfach auch in die umliegenden Gebiete ausbreiten. Beim letzten Ausbruch in Dingolfing-Landau hat man es hingegen wohl geschafft, das Infektionsgeschehen gut einzudämmen. Die umliegenden Landkreise sind bislang kaum betroffen. Der Ausbruch geschah dort unter beengt lebenden Erntehelfern im Mamminger Gurkenhof. Eine mögliche Erklärung könnte jedoch auch sein, dass die Erntehelferinnen und Erntehelfer schlicht wenig Kontakt zur lokalen Bevölkerung hatten.

Auch wenn das Virus sich wegen sehr unterschiedlicher Faktoren wieder vermehrt in Deutschland ausbreitet: Diese Landkreise melden seit sieben Tagen keine Neuinfektionen mehr, wenige sogar noch länger.

Die Corona-Champions
In diesen Landkreisen wurde seit mindestens einer Woche kein neuer Coronafall mehr gemeldet.
Daten: Risklayer, CEDIM (KIT), Tagesspiegel

Was diese Landkreise gemeinsam haben, konnten wir bisher leider noch nicht herausfinden. Schreiben Sie die Autoren gerne auf Twitter an, wenn Sie ein Muster darin finden!

All die kleinen und großen Ausbrüche zusammen machen die Coronapandemie in Deutschland aus. In ihrem Zusammenspiel zeigt sich eine Tendenz, die das Robert Koch-Institut in seinem Reproduktionsfaktor berechnet, dem R-Wert.

Der aktuelle R-Wert in Deutschland
Die Grafik zeigt den R-Wert in der Bundesrepublik im Verlauf der Zeit. Das RKI berechnen diesen Wert anhand des Datums des Erkrankungsbeginns der COVID-Infizierten. Daher ist der aktuellste Wert immer erst einige Tage später verfügbar.
Daten: RKI

Diese Grafiken sind nur der Anfang. In den kommenden Monaten werden wir in unregelmäßigen Abständen neue Analysen hinzufügen und weiter nach Mustern suchen. Vor allem aber suchen wir nach Gründen, warum manche Regionen bislang so anders von Corona betroffen sind als andere. Wenn Sie selbst Analysen dazu haben, freuen wir uns über Ihre Ergebnisse.

Die Autoren

Eric Beltermann
Datenanalyse & Visualisierung
Nina Breher
Text & Recherche
Maria Kotsev
Recherche
Hendrik Lehmann
Text & Recherche
David Meidinger
Datenanalyse & Visualisierung
Helena Wittlich
Text & Recherche
Veröffentlicht am 11. August 2020.
Zuletzt aktualisiert am 17. September 2020.