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Wählerwanderung Europawahl

Woher AfD und BSW ihre Stimmen bekamen

Die CDU profitiert als Wahlsieger vor allem von SPD und FDP. AfD und BSW gewinnen Stimmen von allen großen Parteien.
Die CDU profitiert als Wahlsieger vor allem von SPD und FDP. AfD und BSW gewinnen Stimmen von allen großen Parteien.

Wer glaubt, bei Europawahlen gehe es um europäische Zusammenarbeit, der täuscht: Einer Umfrage des Wahlforschungs-Instituts infratest dimap zufolge gaben lediglich 38 Prozent der Befragten an, für ihre Entscheidung sei die Europapolitik entscheidend gewesen, 55 Prozent nannten die Bundespolitik. Unter den AfD-Wähler:innen haben 72 Prozent diese Einstellung. Dass die AfD deutschlandweit zweitstärkste Kraft werden konnte, mit rund 15 Prozent hinter der CDU/CSU (30 Prozent), hat sie Stimmen von allen anderen großen Parteien zu verdanken.

Rund 570.000 Wähler:innen, die vormals ihr Kreuz bei der CDU/CSU setzten, entschieden sich bei der Europawahl nun für die AfD. So berichtet es die „Tagesschau“ auf Basis der Analyse von infratest dimap.

Von welchen Parteien die AfD ihre Stimmen gewonnen hat
Sind die Werte positiv, so hat die Partei Stimmen gewonnen. Sind sie negativ, musste sie Stimmen an andere abgeben. Die AfD verlor nur an Nichtwähler und BSW.
Daten: infratest dimap

Am meisten Stimmen gewann die AfD von Union und SPD – 570.000. Die CDU allerdings hat weitaus mehr Stimmen gewonnen als an andere verloren. So gut wie von jeder der großen etablierten Parteien wechselten Wähler:innen ins Lager der Konservativen: 560.000 kamen von den Grünen, immerhin 40.000 von der Linken, etwas mehr als 1 Million von der FDP und 1.450.000 von der SPD.

Die SPD, Partei des Kanzlers, hat von allen die gravierendste Zahl von Wähler:innen verloren. Und zwar nahezu in alle Richtungen. Die geringste Zahl, nur 80.000, schlossen sich den Grünen an. Die größte Anzahl beschloss, gar nicht zu wählen: 2.490.000.

An wen die SPD ihre Stimmen verlor
Sind die Werte positiv, so hat die Partei Stimmen gewonnen. Sind sie negativ, musste sie Stimmen an andere abgeben. Die SPD konnte von keiner Wählergruppe Stimmen hinzugewinnen.
Daten: infratest dimap

Die Grünen, mit einem Wahlergebnis von insgesamt nur 12 Prozent, wurden bereits nach den ersten Hochrechnungen zum großen Verlierer der Abstimmung ausgerufen. Ein genauer Blick zeigt, dass auch sie tatsächlich rund 50.000 Stimmen an die AfD abgegeben haben, wenn auch der Großteil an Union und ins Lager der Nichtwähler:innen ging. Rund 540.000 ehemalige Unterstützer:innen der Grünen entschieden sich, gar nicht wählen zu gehen.

Wo die Grünen Stimmen verloren haben
Sind die Werte positiv, so hat die Partei Stimmen gewonnen. Sind sie negativ, musste sie Stimmen an andere abgeben – die Grünen haben vor allem an Nichtwähler und Union verloren.
Daten: infratest dimap

Eine der wenigen Personen, die am Wahlabend nahezu euphorisch in alle Mikrofone sprach, war Sahra Wagenknecht, Chefin des erst seit einem halben Jahr bestehenden gleichnamigen Bündnisses. „Grandios“ sei das Ergebnis ihrer Partei, die auf Anhieb 5,7 Prozent der Stimmen bekam. Viele davon hat sie natürlich den Linken genommen, Wagenknechts vormaliger Partei: 470.000.

580.000 ehemalige Unterstützer:innen der SPD gaben Wagenknecht ihre Stimme, 260.000 CDU-Wähler:innen und immerhin auch 160.000 der AfD.

Von welchen Parteien die BSW ihre Stimmen gewonnen hat
Sind die Werte positiv, so hat die Partei Stimmen gewonnen. Sind sie negativ, musste sie Stimmen an andere abgeben – die BSW trat zum ersten Mal an und gewann so nur Stimmen dazu.
Daten: infratest dimap

Auf die Frage von Fernseh-Reportern, dass es zwischen den Rechten und ihrer Partei ja auch reichlich Übereinstimmungen gebe, ging Sahra Wagenknecht am Wahlabend nicht ein. Stimmen haben oder nicht haben – das war die Währung der Stunde. Der Rest kommt später.

Denn so wird sich in den kommenden Tagen nicht nur auf europäischer Ebene zeigen, wie schwer die Überlegungen der Konservativen wiegen, nicht mit Rechten zusammenzuarbeiten – oder unter bestimmten Umständen vielleicht doch?

Das Team

Katja Demirci
Text
Helena Wittlich
Grafiken
Veröffentlicht am 10. Juni 2024.