Regierungschefs im Vergleich: Merz unbeliebter als Trump – wie kann das sein?
Erst eskalieren ICE-Einsätze in Minneapolis, nun lässt der Iran-Krieg die Preise in den USA steigen – die Umfragewerte von US-Präsident Donald Trump befinden sich im Keller. Aber Überraschung: Er ist bei weitem nicht der unbeliebteste Staatschef der Welt.
Friedrich Merz (CDU), der an diesem Mittwoch seit einem Jahr deutscher Bundeskanzler ist, steht bei den Deutschen deutlich schlechter da als Trump bei den Amerikanern. Kurz vor seinem Jahrestag kursierte die Meldung, Merz sei der unbeliebste Regierungschef unter 24 Ländern. Was steckt dahinter?
Wir haben analysiert, was international vergleichbare Umfragedaten über die Lage in Deutschland, Europa und in den USA verraten – und über das Verhältnis der Bürger dieser Länder zu ihren Regierungschefs.
Grundlage der Analyse sind Daten des US-amerikanischen Meinungsforschungsunternehmens Morning Consult, das täglich in mehreren Dutzend Ländern die Zustimmung zur jeweiligen Regierungsspitze misst.
Kürzungen, Streit in der Koalition und ein Kanzler, der mit Aussagen wie der zum „Stadtbild“ immer wieder für Debatten sorgt: Die Lage ist nicht gut für Merz, drei von vier sind gegen ihn. Woran liegt es, dass Trump so viel besser abschneidet? Nicht nur an der Politik. Es liegt auch an den unterschiedlichen demokratischen Systemen, in denen beide regieren. Marc Debus, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mannheim, sagt: „In den USA gibt es eine andere Form der Polarisierung.“
So gibt es in den USA zwei große Parteien. Wer die Republikaner favorisiert, unterstützt meist Donald Trump – laut Umfragen rund 80 Prozent. Das gibt ihm eine stabile Basis. Die Anhänger der Demokraten lehnen ihn geschlossen ab. Entscheidend sind die unabhängigen Wähler, also jene, die mal für die Demokraten, mal für die Republikaner gestimmt haben. Die lehnen den US-Präsidenten immer stärker ab – spätestens seit steigenden Benzinpreisen durch den Irankrieg.
Im deutschen Mehrparteiensystem und bei Merz im Speziellen ist das anders: Die Union konkurriert mit einer Vielzahl von Parteien, in aktuellen Umfragen kommt sie auf 24 Prozent der Stimmen. „Das ist ein struktureller Nachteil für den Regierungschef, weil seine eigene Partei momentan nur rund ein Viertel der Stimmen hinter sich vereinigt“, sagt Debus. Und selbst innerhalb der Union sei Merz nicht völlig unumstritten.
Merz „hatte schon als Kanzlerkandidat – allerdings ähnlich wie seine Mitbewerber – keine allzu hohen Sympathiewerte“, sagt Debus. Den Wahlkampf habe er „durchaus polarisierend geführt – mit Angriffen auf Parteien links der Mitte, obwohl man wusste, dass man mit ihnen koalieren müssen wird“. Im ersten Wahlgang zum Bundeskanzler fiel Merz durch. „Das ließ bereits tief blicken: Nicht alle in der Koalition standen hinter dem Kanzler.“
Hinzu kommt ein Problem, das nicht nur Deutschland betrifft, sondern viele Staaten in Europa. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, eine unberechenbare US-Regierung, infolge des Irankriegs steigende Preise: Die Lage ist krisenhaft.
Die Regierungen können laut Debus nicht so schnell liefern, wie sie es versprochen haben – und auch nicht genau das, was sie im Koalitionsabkommen versprochen haben. „Dann sinkt die Popularität rasch ab.“
Trumps Umfragewerte sind weniger volatil, das heißt, sie schwanken weniger als die vieler seiner Amtskollegen. Das liegt vor allem an der stärkeren politischen Spaltung im Land. Entweder man steht hinter dem Präsidenten – oder eben nicht. Dieser hat in der Präsidialdemokratie USA zudem eine andere Rolle als etwa der Bundeskanzler, der bei Entscheidungen auf das Parlament angewiesen ist.
Trotzdem sinken Trumps Zustimmungswerte seit Anfang 2026. Grund dafür sind den Experten zufolge vor allem die Folgen des Irankriegs. Die Benzinpreise in den USA stiegen um 40 Prozent, Kosten für Lebensmittel sind hoch. Dabei hatte Trump versprochen, die Inflation zu bremsen und die Wirtschaft anzukurbeln. Dennoch liegt er auf der Beliebtheitsskala weit vor dem deutschen Kanzler.
Auffällig: Sowohl in Deutschland als auch den USA antworten besonders wenige mit „weiß nicht“ auf die Frage, ob sie mit dem jeweiligen Regierungschef einverstanden sind oder nicht. Zum einen liegt das daran, dass beide Politiker im Land bekannt sind. Trump war bereits einmal Präsident. Auch Merz gelang ein Comeback in die Politik. Zum anderen lässt sich das als Zeichen einer Polarisierung werten: Wer den Regierungschef kennt, hat eine klare Meinung – ob für oder gegen ihn.
In den USA sprechen sich immer nochrund 40 Prozent der Befragten für ihren Präsidenten aus. In Deutschland hingehen lehnen rund drei von vier Deutschen den Kanzler ab.
Sind die Deutschen vielleicht einfach generell kritischer gegenüber ihren Regierungschefs als die Nordamerikaner?
Was bedeutet das für die kommende Zeit – sowohl in Deutschland als auch in den USA? Debus verweist auf ein Muster, das die Forschung kennt: „Regierungen haben ihren Tiefpunkt typischerweise in der Mitte der Legislaturperiode.“ Und die kommt noch – in den USA stehen im November die Midterms an.
„Wir werden im November sehr wahrscheinlich sehen, dass die Demokraten gut bis sehr gut abschneiden werden, gegeben die wirtschaftliche Problemlage.“ Viele der lokalen Wahlen in den 465 Tagen seit Trumps Amtsantritt haben die Demokraten bereits für sich entscheiden können, etwa die Governeurswahlen in New Jersey und Virginia. Eine Demokratin siegte in Florida in Trumps eigenem Wahlkreis.
Merz hat zwar noch ein Jahr bis zur Mitte der Legislaturperiode. Doch im Herbst stehen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin an. Das könne die Koalitionspartner dazu treiben, sich verstärkt gegeneinander zu profilieren statt zusammenzuarbeiten, sagt Debus.
„Das kann den negativen Effekt haben, dass die Bundesregierung es noch mal schwerer hat, sich ohne öffentlich ausgetragenen Streit zu einigen.“ Und das wiederum dürfte den Kanzler künftig noch unbeliebter machen.
Doch möglicherweise komme es auch anders und die Koalition raufe sich doch noch zusammen. Schließlich gibt etwas, das beide Parteien verhindern wollen: Stimmen an die AfD zu verlieren.
„Die Aussicht auf weitere Wahlerfolge der AfD kann dazu führen, dass der Wunsch nach Profilierung der Koalitionsparteien in den Hintergrund rückt“, sagt Debus – und hofft, dass über den Sommer an den großen Reformen gearbeitet wird, die man sich eigentlich schon für letztes Jahr erhofft hatte.