Die Berliner Klassenfrage 2025: Hier fehlen die meisten Lehrkräfte – Schule für Schule
Es ist ein leidiges Problem seit Jahren, in allen Bundesländern, aber insbesondere in Berlin: der Mangel an Lehrkräften. Deutschlandweit fehlten 2024 laut Kultusministerkonferenz rund 17.000 Lehrer:innen. In der Hauptstadt sind laut Berliner Senat derzeit 322 von 27.144 Vollzeit-Stellen unbesetzt. Vor zwei Jahren waren es noch 973. Mit 44 Prozent aller Schulen können mehr ihren Personalbedarf decken als vor zwei Jahren.
Aber viele Berliner Schulen leiden anhaltend unter Personalmangel – manche sogar zunehmend. Knapp ein Drittel sind heute schlechter mit Lehrpersonal versorgt als noch vor zwei Jahren. Das zeigt unsere Datenanalyse aller öffentlichen Grund- und weiterführenden Schulen. In der interaktiven Karte können Sie sehen, wie gut oder schlecht jede Schule der Stadt ausgestattet ist und wie sie sich seit dem Schuljahr 2022/23 entwickelt hat.
Insgesamt hat sich die Versorgung mit Lehrkräften seit 2022/23 verbessert. Allerdings war in jenem Schuljahr auch der Tiefpunkt eines jahrelangen Abwärtstrends erreicht, die berlinweite Versorgung mit Lehrkräften lag damals bei 96,3 Prozent. Aktuell können 98,8 Prozent der benötigten Stunden unterrichtet werden.
Grundlage sind Daten der Senatsverwaltung für Bildung. Gemessen wird der Lehrkräftemangel durch die sogenannte Unterrichtsversorgung: Die Zahl aller Lehrstunden, die eine Schule mit dem vorhandenen Personal abdecken kann, wird durch die Zahl der Stunden geteilt, die nötig wären, um alle Schüler:innen ausreichend zu unterrichten.
Allerdings ändert der Senat von Zeit zu Zeit die sogenannte „Zumessung von Lehrkräften“. Sie bestimmt, wie viel Personal eine Schule haben darf – auf Grundlage der Schüler:innenzahl und des damit verbundenen Stundenbedarfs. Dass diese Zumessung von Zeit zu Zeit angepasst wird, ist normal. Aber es erschwert den Blick auf die Entwicklung des Lehrermangels über die Jahre.
Zudem hat der Senat mit Beginn des aktuellen Schuljahres 2024/25 in Berlin 470 sogenannte vollzeitäquivalente Stellen gestrichen oder eingespart. Das führt dazu, dass fortan weniger Lehrkräfte nötig sind, um den Berliner Bedarf an Unterrichtsstunden zu decken. Mehr dazu erfahren Sie hier:
Deshalb haben wir beispielhaft berechnet, wie sich der Mangel ohne diese Einsparungen entwickelt hätte: Dann stellte sich die Lage im Vergleich zum vorangegangenen Halbjahr etwas verschlechtert dar (gestrichelte Linie in der Grafik oben).
Dass das Problem größer ist, als die Zahlen abbilden, zeigt sich auch daran, dass die Anzahl der Stunden, die die Senatsverwaltung veranschlagt, nicht in gleichem Maß wächst wie die der Schüler:innen. Im Vergleich zu vor zwei Jahren gibt es nun 4,2 Prozent mehr Schüler:innen. Die Zahl der zu unterrichtenden Stunden stieg im selben Zeitraum aber nur um 2,4 Prozent.
Während sich die personelle Versorgung an rund einem Drittel der 666 analysierten Schulen im Vergleich zu 2022/23 im Durchschnitt verschlechtert hat, verbesserte sie sich bei 455 Schulen.
Die Senatsverwaltung bewertet diese allgemeine Entwicklung positiv, „da sich die Versorgung an einem Großteil der Schulen verbessert hat, trotz der steigenden Bedarfe durch die Schülerzahlentwicklung und Pensionierungen sowie den gegenläufigen Entwicklungen bei verfügbaren Lehrkräften“.
Aber der Vergleich über die Jahre zeigt auch: Es gibt deutliche Verlierer.
Wie gut Schulen mit Lehrkräften versorgt sind, unterscheidet sich auch je nach Schultyp. Überall leiden besonders die Integrierten Sekundar-, die Gemeinschafts- und Berufsschulen. Vergleichsweise gut versorgt sind hingegen die meisten Grundschulen und auch Gymnasien.
Warum insbesondere Integrierte Sekundarschulen unter Lehrkräftemangel zu leiden haben, dafür liefert die Senatsverwaltung für Bildung keine Erklärung. Bei den Berufsschulen liegt es offenbar am Fachkräftemangel – und oft ist die freie Wirtschaft attraktiver.
Unsere Berechnungen zeigen außerdem, dass in Berlin nicht alle Bezirke gleichermaßen vom Lehrkräftemangel betroffen sind. Zwar haben sich alle Bezirke im Vergleich zu 2022/23 verbessert. Einige wie Reinickendorf und Steglitz-Zehlendorf sind anhaltend eher gut versorgt. Spandau hat einen deutlichen Sprung gemacht und ist nun der am besten versorgte Bezirk.
Doch besonders Marzahn-Hellersdorfer und Lichtenberger Schulen leiden weiter unter Personalmangel. Von den stadtweit unbesetzten Stellen liegen 80 Prozent an Schulen der beiden Bezirke, wie eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Franziska Brychcy im Berliner Abgeordnetenhaus ergab.
Arbeiten die Lehrkräfte gerne dort, wo sie wohnen? Im mittlerweile populären Neukölln hat sich die Lehrversorgung von 97,3 Prozent im Schuljahr 2022/23 auf 100,1 Prozent verbessert. Der Bezirk liegt damit berlinweit auf Platz zwei. Generell scheint die Situation in einigen Einrichtungen nahe der Grenze zu Brandenburg schwierig zu sein. Das Nachbarland ist offenbar ein attraktiver Einsatzort für viele Lehrkräfte.
Angst, Probleme zu benennen
An der Integrierten Sekundarschule Johann-Julius-Hecker in Marzahn-Hellersdorf nahe der brandenburgischen Grenze ist die personelle Situation seit Jahren schlecht. Darüber sprechen wollte die Schulleiterin schon bei der letzten Tagesspiegel-Datenrecherche zum Thema 2023 nicht, nun bleibt eine Anfrage gänzlich unbeantwortet.
Ebenfalls sehr schlecht versorgt ist die Beatrix-Potter-Grundschule, nicht weit entfernt. Auch hier läuft eine Anfrage ins Leere. Immerhin äußerte sich die Schulleiterin Barbara Reich am 8. März 2025 in der „Berliner Woche“ zum Thema. Sie vermutete dort, der schlechte Ruf Marzahn-Hellersdorfs sei mit schuld an der Situation. Aktuell fehlten ihr sieben Lehrkräfte, was dazu führe, dass je eine Kunst- und eine Musikstunde gestrichen worden sei.
In Marzahn-Hellersdorf hat jede vierte Person einen Migrationshintergrund, bei der Bundestagswahl gewann dort die AfD. Mehr als 20 Prozent sind 65 Jahre alt und älter.
36 Prozent der Eltern in dem Bezirk sind allein- oder getrennt erziehend. Für sie sind Unterrichtsausfall und schlechte Beschulung oft besonders schwer zu kompensieren. Die Bildungsverwaltung wirbt schon länger mit Image-Videos für Lehrkräfte in Marzahn-Hellersdorf. Die Zahl der Aufrufe bei Youtube liegt unter 5000.
Warum die Schulleitungen in Marzahn das Problem nicht benennen, dazu gibt es verschiedene Theorien. Keine Zeit ist eine. Angst, dass dann erst recht niemand mehr zu ihnen will, eine andere.
Eine angehende Lehrkraft aus Marzahn-Hellersdorf, die sich anonym zum Gespräch bereiterklärt hat, arbeitet derzeit als befristete „Lovl“-Kraft (Lehrkraft ohne volle Lehrbefähigung, also noch ohne Staatsexamen) 15 Stunden wöchentlich an einer Integrierten Sekundarschule.
„Als ich an der Schule anfing, waren wir ganz okay mit Personal besetzt, ich wurde gut eingearbeitet“, sagt sie. „Mittlerweile unterrichte ich drei siebte Klassen allein.“
Was die Statistiken nicht zeigten, sei der hohe Krankenstand, insbesondere unter älteren Kolleg:innen. „Jeden Morgen schaue ich auf den Vertretungsplan und immer fehlen gefühlt fünf Personen.“
„Wir sind ein kleines Team, das permanent 120 Prozent gibt“, sagt sie. Aktuell ist die Unterrichtsversorgung an ihrer Schule mangelhaft.
Was all dies am Ende für Eltern und ihre Kinder bedeutet, weiß Norman Heise zu berichten. Er ist seit mehr als zehn Jahren Vorsitzender des Landeselternausschusses – und lebt in Marzahn-Hellersdorf.
Oft bekomme er von Eltern die Rückmeldung, die Schule des eigenen Kindes laufe gefühlt im Notbetrieb. Musik, Sport, Kunst fielen weg, um Kernfächer abdecken zu können. Das Maß der Frustration an einigen Schulen sei hoch.
Heise sagt: „Wichtig ist doch: wie kriegen wir die Lehrkräfte so qualifiziert, dass sie anständigen Unterricht machen können und nicht noch mehr Bürokratie abarbeiten müssen.“
Und wie kriegt man sie dann nach Marzahn-Hellersdorf?
Eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird auch künftig Aufgabe der Berliner Schulpolitik sein, die ihren Fokus laut Bildungsverwaltung weiter auf die Gewinnung und Bindung von Lehrkräften legt. „Trotz der herausfordernden Haushaltslage konnten bereits erste Erfolge erzielt und dieser Weg fortgesetzt werden“, teilt die Bildungsverwaltung mit Blick auf die bisherige Amtszeit von Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch mit.
„Das Gefühl des Mangels hat man immer“
Beispielhaft gut entwickelt hat sich die Kreuzberger Clara-Grunwald-Grundschule nahe des Potsdamer Platzes. Sie ist um 30 Prozentpunkte besser versorgt als noch vor zwei Jahren, erfüllt die Zielvorgabe von 100 Prozent mittlerweile locker.
Katja Eichert-Rakette, seit 2013 Schulleiterin an der Schule, erklärt das auch dadurch, dass es einem großen Teil des Kollegiums gelungen sei, sich nach den Corona-Jahren wieder in den regulären Schulbetrieb einzuarbeiten. Sie verweist außerdem auf die dort angewandte Montessori-Pädagogik als Entscheidungskriterium für Lehrer wie Eltern.
„Aktuell haben wir keinen Einstellungsbedarf“, sagt Katja Eichert-Rakette und schiebt mit einem Lächeln hinterher: „Aber das Gefühl des Mangels hat man natürlich immer.“ Mehr Zeit, mehr Geld, mehr individuelle Förderung für jedes Kind: Welche Lehrkraft reagierte darauf nicht mit heftigem Nicken – egal, wie gut ausgestattet die Schule auf dem Papier ist.
Auch an der Christian-Morgenstern-Grundschule im Spandauer Brennpunkt hat sich die personelle Situation verbessert. Im Spätsommer 2023 hatte Schulleiterin Karina Jehniche, Vize-Vorsitzende des Interessenverbands Berliner Schulleitungen (IBS), den Tagesspiegel für eine Hospitanz in der Schule empfangen. Damals konnte sie 88 Prozent des Unterrichtsbedarfs decken, Ende 2024 waren es 98 Prozent, im Frühling 2025 ist sie laut eigener Aussage bei knapp über 100 Prozent.
Am Telefon lacht Karina Jehniche: „Nach außen hin sind die Lehrstellen alle besetzt, weil ich sie zuletzt in pädagogische Unterrichtshilfen umgewandelt hatte. Aber dass ich keine unbesetzten Stellen habe, fällt mir jetzt zum Teil auf die Füße.“
Zum kommenden Jahr sollen die Schulen rund drei Prozent ihrer Lehrer-Stellen in solche für andere Professionen umwandeln. Es ist eine Ankündigung, die für Grusel unter Lehrkräften sorgt: Soll es Zwangsversetzungen geben? Womöglich aus Schöneberg nach Marzahn oder Lichtenberg?
„Niemand wird zwangsversetzt. Das wurde von der Senatsverwaltung so formuliert“, beruhigt Karina Jehniche, „aber wenn eine Lehrkraft zum Beispiel in Rente geht, wird die Stelle unter Umständen nicht nachbesetzt, um sie umzuwidmen.“
Sind 97 Prozent etwa die neuen 100? Es kommt wohl darauf an, wer auf die Statistik blickt. Die Bildungsverwaltung schreibt dazu: „Das Ziel ist die Versorgung jeder Schule mit dem Gesamtbedarf, d.h. Stundentafelbedarf, Strukturbedarf, Profilen usw. mit 100 Prozent.“
Hinweis: An einer Stelle des Textes entstand der Eindruck, die sogenannte „Zumessung von Lehrkräften“ sei dasselbe wie das Einsparen vollzeitäquivalenter Stellen (VZE). Wir haben den Absatz klarer formuliert.