Länderanalyse: Corona im Libanon: Die Explosion kam zur denkbar schlimmsten Zeit
Eigentlich wurde schon jedes Krankenhausbett gebraucht. Dann kam die Explosion. Am Dienstag zerstörte eine riesige Detonation ganze Viertel Beiruts. Das Unglück hat sich von einem Tag auf den anderen vervielfacht. Denn schon seit einem Monat stiegen die Corona-Infektionen massiv an. Und schon am 22. Juli meldete Associated Press, dass die Krankenhäuser vor dem Kollaps stünden. „Die Situation ist wirklich katastrophal“, sagte Selim Abi Saleh, ein Ärzteverbandsvertreter. Die Wirtschaftkrise im Libanon hatte dazu geführt, dass selbst das Krankenhaus der Amerikanischen Universität Beirut, eines der angesehensten im Nahen Osten, hunderte Mitarbeiter entlassen musste. Schaut man sich die Daten im Vergleich an, wird deutlich, wie tragisch die Situation im Libanon noch werden könnte.
Bis in den Juli hinein meldeten die libanesischen Behörden nur wenige Corona-Neuinfizierte, meist weniger als 50 an einem Tag. Allerdings hat der Libanon nur knapp 6,9 Millionen Einwohner. Das sind nicht viel mehr als Hessen mit seinen 6,3 Millionen. Zuletzt lagen die Neuinfektionen pro Kopf deswegen weit höher als in Deutschland, bei über 2 pro 100.000 Menschen täglich.
Auch die gemeldeten Corona-Todesfälle im Libanon scheinen auf den ersten Blick niedrig. Bisher sind nie mehr als vier Menschen pro Tag als Coronatote erfasst worden. Das dürfte jedoch auch an der Untererfassung liegen. Wenn der Libanon von vielen Corona-Infizierten wahrscheinlich gar nichts weiß, dann werden auch nicht alle Todesfälle korrekt zugeordnet.
Testzahlen: unbekannt
Das wiederum liegt an den wenigen Tests. Kaum etwas ist überhaupt darüber bekannt, wie viele Menschen im Libanon auf das Virus getestet werden. Das Gesundheitswesen des Landes ist schwach. Und nach der Explosion vom Dienstag waren viele Krankenhäuser überlastet. Coronavirus-Tests und -behandlungen wurden in mehreren großen Krankenhäusern ganz eingestellt.
Am 21. Februar wurde der erste Infektionsfall des Libanon erfasst. Den ersten Corona-Todesfall gab es am 10. März – einen Tag später als in Deutschland. Auch hier spielt wahrscheinlich die intensivere deutsche Überwachung der Pandemie eine Rolle.
Kurvenvergleich mit Ländern in der Region: Im Libanon steigen die Fallzahlen besonders stark
In anderen Ländern der Region sieht die Lage ganz anders aus. Israel, mit dem der Libanon nach wie vor offiziell im Krieg ist, meldet die meisten Fälle pro 100.000 Menschen in der Region. Aber das Land ist auch wohlhabend und hat wesentlich mehr Kapazitäten für Tests. Doch trotz recht konsequenter Maßnahmen wütet dort nun eine zweite Welle, die allein den Zahlen nach weit schlimmer ist als die erste.
Vergleicht man die Infektionsdynamik in den Ländern, dann fällt leider auf, dass die Kurve im Libanon derzeit genauso stark steigt wie in Israel – wenngleich die absoluten und relativen Fallzahlen bisher weit niedriger liegen (Achtung, unterschiedliche Skalen!):
In der Türkei sind die täglichen Neuinfektionen deutlich niedriger als noch im April. Aber zuletzt hatte der türkische Ärzteverbandschef Zweifel an den Zahlen geäußert. „Sie spiegeln nicht die Wirklichkeit wieder“, sagte Sinan Adiyaman der Deutschen Presse-Agentur.
Angesichts der extrem niedrigen Corona-Zahlen aus Jordanien, sind solche Zweifel dort erst recht angebracht. Denn je ärmer ein Staat ist, desto schlechter dürfte die Corona-Testrate und die Versorgung der Kranken sein. Jordanien ist gemessen am BIP pro Kopf um die Hälfte ärmer als der Libanon, der bereits als Entwicklungsland gilt. Israel hingegen hat eine fast zehnmal so starke Wirtschaftsleistung wie Jordanien.
Harter Lockdown, hohe Kosten
Nach der Explosion brachten viele Libanesen ihr Misstrauen gegen die Regierung zum Ausdruck. Aber für die Corona-Maßnahmen gab es zunächst Lob, wie die BBC berichtet. Ab dem 15. März galten im Libanon Corona-Beschränkungen, die drei Tage später auch eine komplette Schließung des Flughafens Beirut und der Grenzübergänge umfassten. Nach Lockerungen und einem Wiederanstieg der Fälle verkündete Premierminister Hassan Diab am 13. Mai einen „totalen Lockdown“. Davon waren nur die wichtigsten Wirtschaftszweige ausgenommen. Die Maßnahme galt jedoch nur für vier Tage.
Viele Libanesen fürchteten schon damals die wirtschaftlichen Folgen. In den letzten Wochen, gaben die steigenden Zahlen Anlass zur Sorge. Dann kam die Explosion.