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Wohnungsmarkt in Paris

Zwischen Verstaatlichung und Verkauf

Wer in Paris eine neue Wohnung sucht, hat es schwer. Deshalb will die Pariser Politik nun Büros in Wohnungen umwandeln – mit der Hilfe von Immobilienunternehmen.
Wer in Paris eine neue Wohnung sucht, hat es schwer. Deshalb will die Pariser Politik nun Büros in Wohnungen umwandeln – mit der Hilfe von Immobilienunternehmen.

In der Stadt der Cafés und Brasserien ist in den letzten Jahren ein seltsames Phänomen zu beobachten. Nach 18 Uhr leeren sich die Stadtviertel im Zentrum der französischen Hauptstadt. Ganze Blöcke verwaisen plötzlich, zurück bleiben gespenstische Bürowüsten.

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Seit einigen Jahren haben sich Immobilienunternehmen auf den Bau von Büros konzentriert, der als profitabler galt. Dabei bräuchte es dringend neue Wohnungen in Paris. Denn während die Bevölkerungzahl im Zentrum sinkt, wächst sie in der Metropolregion weiter. Schon seit den 2000er Jahren wird es immer schwerer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Wer umziehen muss, muss meist die Stadt verlassen.

Wem die begehrten Wohnungen gehören, ist in Paris größtenteils unklar. Eine Erhebung des französischen Finanzministeriums gibt an, dass nur 10 Prozent der Wohnungen in der Hand von Unternehmen sind. Doch diese Zahl ist aus dem Jahr 2000. Die Unternehmen, die als große Eigentümer bekannt sind, haben in den vergangenen Jahren ihren Bestand reduziert.

Das Prinzip ist dabei ähnlich wie in einigen Berliner Fällen. Ein Haus wird nicht als Ganzes verkauft, sondern in Eigentumswohnungen aufgeteilt und dann verkauft. So lässt sich mehr verdienen. Und weil eine leere Wohnung sich besser verkauft, wird oftmals der Mietvertrag der dort lebenden Menschen vorher gekündigt.

Paris braucht das Geld aus Wohnungsverkäufen…

Die Stadt, vor zehn Jahren noch regiert von Bürgermeister Bertrand Delanoë, nun von Bürgermeisterin Anne Hilgaldo, hat das Problem mit dem bezahlbaren Wohnraum mittlerweile erkannt. Gleich mehrere Ideen sollen Abhilfe schaffen.

Was Paris tut: Kommt ein Wohngebäude auf den Markt, so versucht die Stadt es zu kaufen, um daraus Sozialwohnungen zu machen. Das Konzept ist durchaus erfolgreich. 21 Prozent des gesamten Wohnungsbestandes sind bereits Sozialwohnungen, Tendenz steigend. Bis 2025 sollen es 25 Prozent werden. Das Ziel ist keine Willenserklärung, sondern ein Gesetz. Doch dabei geraten die Verantwortlichen in eine Zwickmühle.

Denn Paris braucht einen Teil der Steuern aus Wohnungsverkäufen, hat also ein Interesse, dass immer noch genug Wohnungen gehandelt werden. Hinzu kommt, dass die Stadtverwaltung gerne mit einigen Investoren zusammenarbeiten würde. Denn ein weiterer Plan ist, Bürogebäude in Wohnungen umzuwandeln.

… und die Hilfe der Investoren

Doch dafür braucht es viel Geld, das meist nur private Investoren haben. Diese wollen weiterhin in der Stadt bauen, ohne eine Baugenehmigung der Stadt dürfen sie das nicht. Und so beginnt ein Balanceakt, bei dem die Stadt Zugeständnisse machen muss, um Umwandlung von Büroflächen finanzieren zu können.

Was dabei allerdings ein Problem war: nicht mal zuständige Verantwortliche wussten so richtig, wem Wohnungen und Büros gehören. Die Daten lagen zwar beim Finanzministerium, aber sie wurden nicht weitergegeben – bis vor einigen Wochen. Seitdem gibt es ein öffentliches Register mit allen Grundstückseigentümern der Stadt. Zwar ist dort nicht vermerkt, ob an der jeweiligen Adresse Wohnungen oder Büros stehen und wie viele es sind. Aber es ist ein erster Schritt hin zu mehr Transparenz auf dem Pariser Wohnungsmarkt.

Cities for Rent
Über das Projekt

„Cities for Rent“ ist ein europäisches Rechercheprojekt. Alle arbeiten unabhängig voneinander, aber Rechercheergebnisse werden geteilt. Es besteht aus 16 Teams in 16 europäischen Hauptstädten und Metropolen in 16 Ländern (genaue Liste der Medien und Journalist:innen unten). Sieben Monate lang untersuchte der Rechercheverbund die lokalen Wohnungsmärkte, recherchierte Daten zu großen Wohnungsunternehmen, Preisentwicklungen, Investitionen und demografische Entwicklungen in den einzelnen Städten und verglich gemeinsame Strukturen.

Was hat der Tagesspiegel in dem Projekt gemacht?

Das Tagesspiegel Innovation Lab ist der Berliner Teil dieser Recherche und veröffentlicht die Rechercheergebnisse in Deutschland. Neben lokalen Recherchen in den Berliner Wohnungsmarkt hat das Team die Visualisierungen und ein gemeinsames Gestaltungskonzept für das Verbundprojekt entwickelt. Die interaktiven Vergleichsgrafiken können dabei von allen genutzt werden, übersetzt und eingeordnet in der jeweiligen Landessprache. Eine Übersicht aller Veröffentlichungen finden Sie auf der Projektseite bei Arena Journalism for Europe.

Beteiligte Partnermedien und Rechercheorganisationen

Wien: ORF, Brüssel: Apache, Prag: Deník Referendum, Kopenhagen: Information, Paris: WeReport, Mediapart, Athen: AthensLive, Reporters United, Dublin: Dublin Inquirer, Milan: IrpiMedia, Amsterdam: Follow the Money, Oslo: E24, Lissabon: Expresso, Bratislava: Aktuality, Madrid: El Diario, Zürich: Reflekt, Republik,

In den nächsten Tagen und Wochen werden wir weitere Egebnisse veröffentlichen. Einige Rechercheergebnisse aus anderen Städten werden wir zusammenfassen und auf Deutsch übersetzen.

Die Recherche wurde von „Stichting Arena for Journalism in Europe“ koordiniert, einer Stiftung für grenz­über­greifenden europäischen Journalismus unterstützt.
Die Entstehung dieser Recherche wurde durch ein Stipendium des Fonds Investigative Journalism for Europe (IJ4EU)
Der Kartendienst MapTiler unterstützt das Verbundprojekt als Mapping Partner.

Weitere relevante Recherchen, Veröffentlichungen und Studien, auf die aufgebaut wurde

Bereits 2018 startete der Tagesspiegel und das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv das Projekt Wem gehört Berlin Gemeinsam mit allen Berlinerinnen und Berlinern wollte das Team herausfinden, wem die Häuser dieser Stadt gehören, um mehr Transparenz auf dem Berliner Immobilienmarkt zu schaffen. So entstand etwa eine Geschichte über eine britische Miliardärsfamilie, die zu den geheimem Großeigentümern dieser Stadt gehört. Außerdem haben wir uns auf die Suche begeben, wer letztendlich vom Berliner Mietmarkt profitiert. In dem europäischen Projekt konnten wir auf die Erkenntnisse aus dieser Recherche aufbauen. Das Projekt Wem gehört...? in Deutschland wurde vielfach fortgesetzt. Mittlerweile gibt es das Projekt in zahlreichen deutschen Städten.

Es gab weitere relevante Recherchen in den Berliner Wohnungsmarkt, auf die wir aufbauen konnten. So hat das Projekt Wem gehört die Stadt? unter der Leitung von Steuerexperte Christoph Trautvetter hat seither mit verschiedenen Studien neue Erkenntnisse zum Berliner Mietmarkt veröffentlicht. Der Experte hat das Projekt mit wertvollen Erkenntnis unterstützt.

Das Berliner Rechercheprojekt Mietenwatch veröffentlichte ebenfalls Analysen, auf die wir aufbauen konnten.

Das Immobilienanalyseunternehmen Real Capital Analytics erstellte für die europäische Recherche eine Auswertung von Investitionen in den beteiligten Städten, die es uns kostenfrei zur Verfügung stellte.

Wir bedanken uns außerdem bei Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Union, die zahlreiche relevante Datensätze zum europäischen Wohnungsmarkt veröffentlicht haben und auf zahlreiche Rückfragen zu Datenquellen antworteten.

Wie geht es weiter mit der Recherche?

Es folgen noch weitere Veröffentlichungen – im Tagesspiegel – und in den europäischen Partnermedien des Projekts. Außerdem werden alle veröffentlichbaren Datensätze aus dieser Recherche mittelfristig auf einer Zentralen Seite von Arena Journalism veröffentlicht, um künftige Recherchen zum Wohnungsmarkt in Europa zu vereinfachen.

Das Team

Alexander Abdelilah
Recherche Paris
Mathieu Périsse
Recherche Paris
Helena Wittlich
Text und Produktion
Veröffentlicht am 30. April 2021.