Schon wieder Störung im Betriebsablauf? Wo die Berliner S-Bahn am häufigsten aus dem Takt gerät
„Der Zug, S7 nach Potsdam Hauptbahnhof verspätet sich um wenige Minuten.“ Wer in Berlin mit der S-Bahn unterwegs ist, kennt diese oder ähnliche Ansagen. Irgendwo im System hat es ein Problem gegeben, das den so fein austarierten Fahrplan der Berliner S-Bahn aus dem Takt gebracht hat.
Viel zu oft kommt es zu diesen Situationen. Für die Fahrgäste bedeutet das längeres Warten und vollere Züge. Der Tagesspiegel hat die Störungen der S-Bahn über Monate ausgewertet.
Sie zeigen, dass es im Schnitt 5,5 größere Störungen pro Tag gibt – und auf welchen Linien und Streckenabschnitten es besonders hakt. Und was die häufigsten Ursachen dafür sind, wenn der Zug nicht nach Plan kommt – für jede Station:
2025 lag die Qualität der Berliner S-Bahn bei Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit deutlich unter den mit dem Senat vertraglich vereinbarten Werten. 7,1 Prozent aller Züge im gesamten S-Bahn-Netz kamen 2025 mehr als vier Minuten zu spät, sechs weitere Prozent fielen aus. Das selbstgesetzte Ziel von 96 Prozent Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit hat die S-Bahn damit klar verfehlt.
2026 ging es zunächst ähnlich schlecht los, ehe sich die Werte zuletzt besserten. „Wir sind mit dem Zustand der Qualität und der Pünktlichkeit im S-Bahn-Netz nicht zufrieden“, sagte Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Berlin, zuletzt bei einer Anhörung im Mobilitätsausschuss des Abgeordnetenhauses.
Einen Grund dafür schob er gleich hinterher: „Wir sehen ein erhöhtes Störgeschehen.“ Etwa 46.000 Störungen verzeichnete die S-Bahn im vergangenen Jahr. Das sind im Durchschnitt etwa 125 am Tag.
Nicht alle haben dieselben Auswirkungen. Manche bleiben unter der Wahrnehmungsschwelle, zum Beispiel, wenn jemand in eine sich schließende Tür springt. Andere behindern den Betrieb über Tage.
Der Wert sei „irreführend“, sagte auch Berlins neuer S-Bahn-Chef Heiko Büttner Anfang Mai. „Die Anzahl ist völlig irrelevant. Die Dauer der Störungen ist relevant.“
Der Tagesspiegel hat sich daher in der Analyse auf Störungen beschränkt, die so gravierende Folgen haben, dass die S-Bahn sie auf ihrer Internetseite zur Information der Fahrgäste veröffentlicht. In den fünf untersuchten Monaten von Dezember 2025 bis April 2026 kamen so 831 relevante Meldungen zusammen.
| Linie | Anzahl Störungen | ||
|---|---|---|---|
| 1 | S7 | Potsdam – Ahrensfelde | |
| 2 | S5 | Westkreuz – Strausberg Nord | |
| 3 | S9 | Spandau – Flughafen BER | |
| 4 | S41/S42 | Ringbahn | |
| 5 | S3 | Spandau – Erkner | |
| 6 | S46 | Westend – Königs Wusterhausen | |
| 7 | S8 | Birkenwerder – Finkenau | |
| 8 | S85 | Frohnau – Flughafen BER | |
| 9 | S1 | Oranienburg – Wannsee | |
| 10 | S25 | Henningsdorf – Teltow Stadt | |
| 11 | S2 | Bernau – Blankenfelde | |
| 12 | S26 | Blankenburg – Teltow Stadt | |
| 13 | S75 | Warschauer Straße – Wartenberg | |
| 14 | S47 | Südkreuz – Spindlersfeld |
Die meisten Störungen gibt es auf der S7 und der S5, beides Stadtbahnlinien. Insgesamt verteilen sich die Störungen im Netz sehr unterschiedlich, wie die Karte oben zeigt.
Entlang der Stationen, an denen viele Linien verkehren, oder sich Strecken kreuzen, ist die Zahl der Probleme erwartungsgemäß höher. So am Gesundbrunnen oder Südkreuz. Die mit Abstand meisten Probleme gibt es jedoch am Ostkreuz. Keinen Bahnhof passieren mehr Linien, insgesamt sieben.
Im Verhältnis zur Zahl der dort haltenden Züge stechen auch die Stationen Treptower Park, Baumschulenweg und Schöneweide negativ hervor.
Hier im Südosten der Stadt kommt es häufig zu Problemen, zum Leidwesen der Fahrgäste. Das spiegelt sich auch in der Linien-Statistik: Die S9 beispielsweise fährt zwischen Spandau und dem Flughafen BER nur bestenfalls im 20-Minuten-Takt, halb so oft wie viele andere Verbindungen. Dennoch liegt sie bei der Gesamtzahl der gravierenden Meldungen auf Platz drei von 14 Linien.
Positiv fallen die Linien S1 und S2 auf, die im Zehn-Minuten-Takt die Stadt in Nord-Süd-Richtung durchqueren, in der Rangliste aber weiter unten landen.
Doch auch entlang der Nord-Süd-Trasse läuft nicht alles rund. Insbesondere die S26 zwischen Hennigsdorf und Teltow Stadt sticht heraus. Obwohl sie in der Hauptverkehrszeit nur halb so oft fährt, kommt sie auf ähnlich viele Störungen wie die S1 und sogar mehr als die S2.
Weshalb der S-Bahn-Verkehr nicht planmäßig läuft, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Grob lassen sich die Meldungen in drei Kategorien einteilen: menschliche Ursachen, technische Probleme und sonstige externe Faktoren, wie Schnee und Eis oder Großveranstaltungen und Staatsbesuche.
Die Hälfte aller Störungen im untersuchten Zeitraum hatten menschliche Ursachen. Der mit 28,2 Prozent häufigste Grund waren Polizeieinsätze. 14,6 Prozent medizinische Notfälle.
Unter den technischen Problemen – die Probleme also, für die Bahn oder S-Bahn allein verantwortlich sind – ragen mit 17,7 Prozent die Signalstörungen zahlenmäßig heraus. Dabei leuchten die Signale, eine Art Ampel der Trasse, nicht oder nicht wie sie sollten.
Sie stehen etwa auf Dauerrot, obwohl die Strecke eigentlich frei ist, oder zeigen gar nichts an, weil eine Glühbirne kaputtgegangen ist. Nach Absprache mit der Leitstelle lässt sich der Abschnitt trotzdem befahren. Jedoch in reduziertem Tempo. Die Zugführer fahren die Bahn dann auf Sicht.
In 9,1 Prozent der Fälle war ein kaputtes Fahrzeug verantwortlich, defekte Weichen machten acht Prozent der Störungen aus, um die häufigsten zu nennen.
Wie unterschiedlich sich die verschiedenen Störungen auswirken, zeigt die folgende Tabelle. Sie zeigt, wie lange die Meldung auf der Website stand, also wie lange die Störung in etwa anhielt.
Während eine Fahrzeugstörung oder ein Polizeieinsatz im Durchschnitt nur etwa eine halbe Stunde dauern, braucht es bei einer Signalstörung durchschnittlich 13,2 Stunden, bis die Meldung aufgehoben wird.
Auch das ist allerdings nur ein Teil des Bilds. Denn die Länge einer Störung allein sagt nichts über ihre Folgen. Bei einer Signalstörung etwa können die Züge trotzdem fahren, häufig nur etwas langsamer oder aus dem Takt.
Anders sieht es bei Polizeieinsätzen aus. Insbesondere wenn der Grund Personen im Gleis sind. „Dann fährt auf diesem Abschnitt erstmal nichts“, sagt ein S-Bahn-Fahrer, der anonym bleiben möchte. Erst wenn die Bundespolizei die Strecke überprüft und wieder freigegeben hat, dürfen die Züge wieder rollen.
Doch auch dann läuft der Betrieb nicht auf Anhieb flüssig. „Die Züge müssen erst wieder in den Takt kommen“, sagt der Fahrer. Zudem warten durch die Verzögerungen an den Bahnsteigen viel mehr Fahrgäste. Das Ein- und Aussteigen dauert länger. Die Folge: weitere Verzögerungen.
Die eigentliche Störung mag dann nur eine halbe Stunde dauern. Die Probleme, die sie auslöst, sind jedoch ungleich schwerwiegender.
< 30 Minuten 24 Stunden
< 30 Minuten 24 Stunden
Ähnlich verhält es sich bei einer Stellwerkstörung. Gemessen an der Gesamtzahl der Meldungen machen sie nur 1,2 Prozent aus. Doch die Folgen sind weitreichend. „Es kann unter ganz widrigen Umständen bedeuten, dass ein ganzer Teilbereich ausfällt“, erklärt der S-Bahn-Fahrer. „Im allerschlimmsten Fall stehen dann alle Züge.“
S-Bahn-Chef Büttner hat sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit zum Ziel gesetzt, dass das nicht schlimmer wird. “Der Fahrweg wird ein großes Augenmerk von mir sein”, sagte er. Auch wenn Berlin in dieser Hinsicht noch gut dastehe. Anderswo in Deutschland habe sich die Bahninfrastruktur viel mehr verschlechtert.
Trotz der erheblicheren Probleme mit den Signalen auf der Stadtbahn 2025 und gelegentlichen Stellwerkstörungen sieht Christfried Tschepe, Vorsitzender des Fahrgastverbands Igeb, kein schwerwiegendes Infrastrukturproblem bei der S-Bahn. „Im Grunde sind wir in Berlin auf einem guten Niveau.“ Abgesehen von den zunehmenden menschlichen Faktoren, die zu Ausfällen und Verspätungen führen.
Ähnlich sieht es der neue S-Bahn-Chef Heiko Büttner. „Der Respekt vor öffentlichen Einrichtungen ist gesunken“, sagte er frisch im Amt. Menschen hielten sich häufiger nicht an die Regeln. Sie liefen an den Gleisen herum, verursachten Vandalismusschäden.
Ein besonders schwerwiegender Fall ereignete sich in der vergangenen Silvesternacht. Durch eine mutmaßliche Brandstiftung brannten Teile des S-Bahnhofs Wedding. Bahnsteigdach, Beleuchtung, Lautsprecher sowie die Elektrik des Bahnhofs wurden teilweise zerstört. Die Ringbahn musste zwischen Westhafen und Gesundbrunnen gesperrt werden. Erst nach mehreren Tagen fuhren die Züge wieder.
„Wir werden die Themen nicht wegkriegen“, räumt er ein. Und doch ist sein Anspruch: Sie sollen künftig seltener auftreten und weniger schwere Folgen erzeugen.