Sieben Wahlprogramme, 16 Themen: Worüber die Berliner Parteien wirklich schreiben – und worüber nicht

Sicherheit ist nicht gleich Sicherheit, und „ideologisch“ sind immer nur die anderen: Wir haben sieben Wahlprogramme zur Abgeordnetenhauswahl ausgewertet. Unser interaktives Tool zeigt, wie viel Raum die Parteien welchen Themen geben.
Sicherheit ist nicht gleich Sicherheit, und „ideologisch“ sind immer nur die anderen: Wir haben sieben Wahlprogramme zur Abgeordnetenhauswahl ausgewertet. Unser interaktives Tool zeigt, wie viel Raum die Parteien welchen Themen geben.

An jeder Ecke Berlins stapeln sich die Gesichter der Anwärter aufs Rote Rathaus: Elif Eralp (Linke), Stefan Evers (CDU), Kristin Brinker (AfD), Werner Graf und Bettina Jarasch (Grüne) und Steffen Krach (SPD). Manchmal hängen die Plakate schief, manchmal drei Köpfe übereinander. Dazu ein Slogan, wenn überhaupt.

Wer die Parteien besser kennenlernen will, muss in ihre Wahlprogramme schauen. Was sind ihre Visionen für die Hauptstadt? Der Tagesspiegel hat die Wahlprogramme der sieben Parteien analysiert, die am 20. September Chancen auf den Einzug ins Abgeordnetenhaus haben.

Herausgekommen ist ein Tool, mit dem Sie erkunden können, wo die Parteien die größten inhaltlichen Schwerpunkte setzen. Was das konkret bedeutet und was die Parteien im jeweiligen Themenfeld vorschlagen, lesen Sie in unserer Analyse.

Wahlprogramme Themen-Erwähnungen in den Wahlprogrammen
Linke
Anfang
Wahlprogramm
Ende
Grüne
SPD
FDP
CDU
BSW
AfD
Worüber reden die Parteien wie viel? Wir haben 16 Themen festgelegt und die Programme dann KI-gestützt ausgewertet, Abschnitt für Abschnitt. Das Spektrum reicht von Arbeit und Soziales über Verwaltung, Mobilität und Gesundheit, bis zu Migration und Sauberkeit der Stadt.

Machen Sie sich selbst ein Bild.
Weil die Wahlprogramme unterschiedlich lang sind, geben wir jeweils an, wie viel Prozent des Wahlprogramms ein Thema in Anspruch nimmt. Bildung umfasst bei der Linken 11 Prozent des gesamten Programms.
Bei allen anderen ähnlich viel. Über die Parteigrenzen hinweg schreiben alle viel zu den Berliner Schulen, deren Sanierung, den fehlenden Schulplätzen und dem Lehrermangel.
Auch die Sicherheit ist eines der zentralen Themen in diesem Wahlkampf – nicht zuletzt seit dem Stromausfall im Januar, als infolge eines links­extremistischen Anschlags Zehntausende frierend im Dunkeln saßen.

Aber: Der Frage, wovor Berlin geschützt werden muss und wie das gelingen soll, widmen sich die Parteien höchst unterschiedlich – mengenmäßig und inhaltlich.
Die CDU setzt Sicherheit gleich an die Spitze ihres Wahlprogramms: 18 Prozent des Textes dreht sich darum. Nur die AfD schrieb fast genauso viel darüber.
Ein Stichwort, das die CDU dabei häufiger verwendet als andere: „Ausbau“. 16-mal spricht sie im Zusammenhang mit Sicherheit darüber.
Auszug CDU-Wahlprogramm Den Einsatz von Tasern bei der Berliner Polizei wollen wir weiter ausbauen.
Wir werden die Videoüberwachung an allen kriminalitätsbelasteten Orten weiter ausbauen
Die Linke setzt – wenig überraschend – andere Akzente: Sicherheit steht erst am Ende ihres Wahlprogramms und nimmt prozentual nur zwei Drittel so viel Raum ein wie bei der CDU. Und wenn sie über Sicherheit spricht, dann eher über die Begrenzung polizeilicher Befugnisse.
Auszug Linke-Wahlprogramm Bürger*innen sollen die Aktivierung der Bodycam verlangen und die Aufzeichnungen einsehen können.
Wir lehnen den Einsatz von Tasern außerhalb von Spezialkräften ab.
Die AfD verknüpft Sicherheit weitaus häufiger mit Migration als die anderen Parteien.
Rund ein Drittel ihrer Passagen über Sicherheit haben auch mit Migration zu tun. Bei den anderen Parteien nur wenige Stellen.
Die AfD verbindet Migration ebenfalls mit einem der für viele Berliner dringlichsten Wahlkampfthemen: Wohnen. Sie fordert bezahlbare Wohnungen – aber mit „Vorrang für Einheimische“. Hier dreht sich fast jede zweite Textstelle zum Wohnen auch um Zuwanderung.
Auszug AfD-Wahlprogramm Wir setzen uns deshalb für eine Neufassung des § 246 BauGB mit dem Ziel ein, ein Sonderbaurecht speziell für Einheimische in angespannten Wohnungsmärkten zu schaffen.
Auch andere Parteien, wie Linke, Grüne und SPD, verknüpfen Migration und Wohnen – jedoch aus anderen Gründen. So wollen die Sozialdemokraten Notunterkünfte für Geflüchtete abschaffen und sie durch dezentrale Wohnungen ersetzen.
Auszug SPD-Wahlprogramm weg von Notunterkünften. Dort leben Tausende Menschen und echte Integration in die Stadtgesellschaft kann nicht gelingen. Wir wollen stattdessen menschenwürdiges, dezentrales Wohnen
Auch wie weit vorne ein Thema steht, lässt Schlüsse über die politische Agenda einer Partei zu: Wohnen wird von allen Parteien früh genannt, aber mit Abstufungen.
16 Themen, unzählige Akzente. Unser Tool zeigt, wo die Parteien sie positionieren und wie viel Raum sie Ihnen geben – zum Beispiel beim Thema Arbeit und Soziales. Scrollen Sie weiter, um das Tool zu erkunden.
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In den Wahlprogrammen für die Abgeordnetenhauswahl 2026 stehen vor allem fünf Themen im Mittelpunkt: Arbeit und Soziales, Sicherheit, Bildung, Wohnen und soziale Gerechtigkeit.

Arbeit, Soziales, Sicherheit, Bildung: Diese Themen dominieren die Wahlprogramme
Anteil des Programmtexts, den alle sieben untersuchten Parteien (CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD, BSW und FDP) durchschnittlich den jeweiligen Themen widmen. Textstellen können mehreren Themen zugeordnet sein.
Daten: Wahlprogramme CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD, BSW und FDP (2026), Eigene Berechnungen

Dass Arbeit und Soziales den Wahlkampf dominieren, dürfte nicht überraschen. Der Themenkomplex spielt in nahezu allen anderen Politikfeldern eine Rolle. So bündelt die SPD ihre wirtschaftspolitische Agenda mit der Stärkung der Tariflöhne, oder fordern die Grünen Hitzeschutzmaßnahmen für obdachlose Menschen.

Andere Themen – etwa Sauberkeit und Sport – nehmen zwar weniger Raum ein, finden sich aber dennoch in allen Wahlprogrammen.

Wofür die Parteien im Wahlkampf stehen – oder zumindest schreiben
Anteil des Programmtexts, den die Parteien den jeweiligen Themen widmen. Mehrfachzuordnungen sind möglich; Leer- und Satzzeichen werden nicht berücksichtigt.
Daten: Wahlprogramme der Parteien (2026), Eigene Berechnungen
Wofür die Parteien im Wahlkampf stehen – oder zumindest schreiben
Anteil des Programmtexts, den die Parteien den jeweiligen Themen widmen. Mehrfachzuordnungen sind möglich; Leer- und Satzzeichen werden nicht berücksichtigt.
Daten: Wahlprogramme CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD, BSW und FDP (2026), Eigene Berechnungen

Zugleich setzt jede Partei eigene Schwerpunkte. Die Verteilung der Themen innerhalb der einzelnen Programme zeigt deshalb oft, wofür die Parteien im Kern stehen: Die Grünen beschäftigen sich dort viel mit sozialer Gerechtigkeit sowie mit Umwelt- und Klimaschutz, die AfD mit Sicherheit und Migration. Die SPD betont stärker die Wirtschaft, die CDU Verwaltung, Innovation und Wissenschaft.

Auch der Kampf um die Fünf-Prozent-Hürde wird mit parteispezifischen Akzenten geführt. In Sachen Mobilität steht die FDP vorn: Sie schreibt mehr darüber als alle anderen Parteien, sogar häufiger als die Grünen. Unter ihren Forderungen: autonom fahrende U-Bahnen und Taxis sowie eine Magnetschwebebahn vom Alexanderplatz bis Lichtenberg.

Wie unterschiedlich man Themen definieren und gewichten kann, zeigt sich zum Beispiel bei der Gesundheit. Zwar nennen alle Schlagworte wie Pflege, ambulante Versorgung, Prävention und Krankenhäuser.

Ein Thema, viele Diagnosen: Was die Parteien unter Gesundheit verstehen
Die Grafik zeigt den Anteil der Programmtext im Thema Gesundheit, die sich mit ausgewählten Unterthemen beschäftigt. Passagen können mehreren Unterthemen oder keinem zugeordnet sein.
Daten: Wahlprogramme CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD, BSW und FDP (2026), eigene Berechnungen

Ein Thema, viele Diagnosen: Was die Parteien unter Gesundheit verstehen
Die Grafik zeigt den Anteil der Programmtext im Thema Gesundheit, die sich mit ausgewählten Unterthemen beschäftigt. Passagen können mehreren oder keinem Unterthemen zugeordnet werden. Gemessen in Anteil der Zeichen, ohne Leer- und Satzzeichen.
Daten: Wahlprogramme der Parteien (2026), Eigene Berechnungen

Dass bei den Grünen etwa Prävention und niedrigschwellige Gesundheitsangebote so häufig vorkommen, liegt jedoch daran, dass sie zwei Aspekte durchs gesamte Programm ziehen.

Zum einen: Ernährung. Sie „prägt unser Wohlbefinden, unser Klima, unsere Umwelt und unser gesellschaftliches Miteinander“, heißt es im Wahlprogramm. An neun Textstellen wird es erwähnt – bei den anderen Parteien maximal einmal.

Zum anderen: Hitzeschutzmaßnahmen. Auch sie ziehen sich fortlaufend durch die grüne Gesundheitspolitik für Berlin.

Im mittleren bis linken politischen Spektrum wird zudem die Forderung nach besseren geschlechtsspezifischen Gesundheitsangeboten laut. Die SPD verlangt ihrerseits mehr Aufmerksamkeit für Endometriose, die Grünen setzen sich für eine Wechseljahres-Strategie für die Berliner Verwaltung ein.

Einig sind sich Grüne, SPD, Linke und FDP darin, queeren und trans Personen mehr und bessere Versorgungsangebote zu machen. Die übrigen Parteien – CDU, BSW und AfD – gehen auf diese Themenfelder in ihrem Wahlprogramm nicht ein.

Das Reizthema Drogen nehmen nur wenige Parteien in ihre gesundheitspolitische Agenda auf – und nicht immer auf originelle Weise. Denn das Suchtpolitik-Kapitel der FDP besteht aus acht Passagen, die sich im selben Wortlaut auch im Wahlprogramm der Grünen finden.

Wirtschaft ist mehr als Wachstum

Für viele Parteien ist Wirtschaft eng mit Wissenschaft und Innovation verknüpft. Schlagworte wie „Start-ups“ und „Gründerszene“ ziehen sich durch viele Wahlprogramme. Bürokratische Hürden für junge Unternehmen sollen abgebaut und Gründungen erleichtert werden.

Doch auch die Kultur spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Berlin soll wirtschaftlich stärker werden, ohne dabei seinen besonderen Charakter zu verlieren – frei nach dem alten Motto: nicht mehr arm, aber weiterhin sexy.

Eine mögliche Lösung, um die Berliner Clubs langfristig zu sichern: Die SPD schlägt eine Spielstättenförderung und gesonderte Strategie zur Nachtökonomie vor. Die CDU fordert, landeseigene Grundstücke für Kreativwirtschaft zu verwenden. Bei den Grünen und Linken ist die Rede von Schutz vor steigenden Gewerbemieten, was ja auch andere wirtschaftliche Sektoren betrifft.

„Ideologisch“ sind immer nur die anderen

Die unterschiedlichen Positionen der Parteien sorgen für Reibung – und das, obwohl Wahlprogramme unabhängig voneinander verfasste Texte sind. Auffällig: Fast alle Parteien sprechen von „Ideologie“ und ideologischer Politik – gemeint ist damit aber immer die der anderen. Nur Linke und SPD verzichten auf die beiden Worte.

Ideologie? Ein Vorwurf aus mehreren Ecken
Gezählt werden die Erwähnungen von „Ideologie“ und „ideologisch“ in den Wahlprogrammen. Ausgenommen sind Bezüge zu konkreten Ideologien, etwa im Zusammenhang mit Extremismus oder der NS-Zeit.
Daten: Wahlprogramme der Parteien (2026), Eigene Berechnungen

Die AfD steht klar an der Spitze. Doch auch andere Parteien spielen mit. Ob bei Klima, Migration, Bildung oder Mobilität: Immer wieder werfen sie ihren politischen Konkurrenten ideologisches Denken vor.

Die aktuell regierende CDU lobt sich selbst: „Pragmatismus hat über Ideologie gesiegt, geräuschloses Regieren wird endlich wieder wertgeschätzt, der Dauerstreit hat ein Ende gefunden.“

Da hätte zumindest die FDP etwas einzuwenden. „Während andere Metropolen wirtschaftlich prosperieren, leistet sich Berlin ideologische Traumprojekte, Schattenhaushalte und eine aufgeblähte Verwaltung.“