Simulationen kurz vor der Abgeordnetenhauswahl: Das sind die Berliner „Swing States“

Grün zu pink, schwarz zu blau: Prognosen von Forschern zeigen wahlkreisgenau, wo in Berlin welche Partei das Direktmandat holen könnte – und welche Gebiete am umkämpftesten sind. Eine Datenanalyse.
Grün zu pink, schwarz zu blau: Prognosen von Forschern zeigen wahlkreisgenau, wo in Berlin welche Partei das Direktmandat holen könnte – und welche Gebiete am umkämpftesten sind. Eine Datenanalyse.

Wenn Berlin am 20. September ein neues Abgeordnetenhaus wählt, könnte der SPD etwas passieren, das lange undenkbar schien: Erstmals seit 1999 könnte sie ohne ein einziges Direktmandat dastehen.

Das zeigen Simulationen von „Zweitstimme.org“, einem Zusammenschluss von Wahlforschern mehrerer deutscher Universitäten. Für alle 78 Berliner Wahlkreise haben die Forscher berechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Partei dort die meisten Erststimmen holt. Die Prognose zeigt eine Stadt, die sich politisch neu sortiert – entlang zweier Linien gleichzeitig.

Die Innenstadt teilen sich Linke und Grüne auf. Die Außenbezirke handeln CDU und AfD untereinander aus. Wie sich die Stadt nach der Wahl politisch aufteilen dürfte, zeigt die Karte.

Berlin teilt sich neu – und zwar vierfach: Wo welche Partei das Direktmandat holen könnte
Simulierte Sieger der Erststimme in allen 78 Wahlkreisen. Schraffierte Gebiete sind die „Swing States“: Dort liegt keine Partei klar genug vorn. Die Karte zeigt keine Stimmenanteile, sondern wo eine Partei stärker ist als ihre Konkurrenten.
Daten: zweitstimme.org, Stand 5.9.2026, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2023). Gestrichelt: S-Bahn-Ring. · Karte: © OpenMapTiles, © OpenStreetMap contributors

Die Prognosen basieren auf vorangegangenen Wahlergebnissen und aktuellen Umfragen. In 4000 Durchläufen simulieren die Forscher, wie sich der Trend aus den Umfragen auf die einzelnen Wahlkreise auswirken könnte. Heraus kommt für jede Partei eine Siegchance zwischen null und 100 Prozent. Bei vergangenen Landtagswahlen lag das Modell in rund 88 Prozent der Wahlkreise richtig.

Liegt eine Partei in mehr als 66 Prozent der Durchläufe vorn, nennen wir sie wahrscheinliche Siegerin. Bleibt sie darunter, ist das Rennen offen – das sind Berlins „Swing States“, die schraffierten Flächen auf der Karte.

In 34 der 78 Wahlkreise dürfte das Direktmandat demnach die Partei wechseln. Berlin wäre danach auf neue Weise und vierfach geteilt: In den westlichen Außenbezirken die CDU, in den östlichen die AfD. In der Innenstadt konkurrieren Linke im Osten und Grüne im Westen.

Am stärksten zulegen dürfte die Linke – in den Simulationen kommt sie auf 21 statt der derzeit vier Mandate. Die AfD steigert sich von zwei auf 13. Die meisten Direktmandate holt aber keine der beiden.

Prognose Direktmandat je Wahlkreis
CDU
Linke
Grüne
AfD
Sehr wahrscheinlich
Die Karte verzerrt das Bild ein wenig: Da Berlin außen dünner besiedelt ist, sind die Wahlkreise dort flächenmäßig größer. CDU und AfD dominieren dadurch visuell.
Gibt man allen Wahlkreisen dieselbe Größe, ändert sich das etwas. Jeder Punkt steht nun für ein Direktmandat – und für etwa gleich viele Wähler. Schraffierte Punkte sind Wahlkreise, in denen die Tendenz knapp ist.
Die CDU holt in den Simulationen die meisten Direktmandate – mit Abstand, obwohl sie in Umfragen aktuell hinter der Linken liegt. Das liegt daran, dass sie viele Hochburgen in den Außenbezirken hat. Dort kann oft keine Partei mit ihr konkurrieren. Wer die meisten Wahlkreise gewinnt, hat nicht automatisch die meisten Stimmen in der ganzen Stadt.
Die Mandate der CDU sind zudem häufig ziemlich sicher: Viele ihrer Wahlkreise gewinnt sie in den Simulationen klar. Bei Grünen und Linken hingegen wackeln viele noch. Insbesondere in der Innenstadt ist das Rennen häufig eng.

Die größten Zugewinne macht in dieser Rechnung die Linke. In Lichtenberg, wo Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner schon bei der Bundestagswahl 2025 das Direktmandat holte, könnte die Partei zwei weitere Wahlkreise hinzugewinnen. Chancen hat sie zudem in Nordneukölln und in östlichen Innenstadtkiezen, etwa in Mitte, Friedrichshain und im südlichen Pankow.

Die folgende Karte zeigt, welche Partei wem ein Direktmandat abknöpfen könnte:

Wo die Mandate die Partei wechseln dürften
Vergleich der Direktmandate 2023 mit der Prognose für 2026. Halbierte Punkte markieren einen Wechsel, schraffierte Flächen ein offenes Rennen.
Daten: zweitstimme.org, Stand 5.9.2026, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2023). Gestrichelt: S-Bahn-Ring. · Karte: © OpenMapTiles, © OpenStreetMap contributors

Viele Wahlkreise in der Innenstadt nimmt die Linke voraussichtlich den Grünen ab. Deren Direktkandidaten könnten hingegen sich vor allem in Tempelhof und Schöneberg halten, im Südwesten könnten sie der CDU sogar Mandate abnehmen.

Die CDU dürfte trotz Stimmverlusten die Partei der Außenbezirke bleiben, allerdings vor allem im Westen, zum Beispiel in Reinickendorf und Spandau. Im Osten außerhalb des Rings könnte sie hingegen zahlreiche Wahlkreise verlieren, etwa in Pankow, Marzahn und Treptow – vor allem an die AfD.

Und die SPD verliert nach dieser Rechnung alles: drei Wahlkreise an die Linke, je einen an Grüne und AfD. Sie hätte damit erstmals seit 27 Jahren kein Direktmandat in Berlin.

Wer um seinen Sitz bangen muss

Über die Mehrheit im Abgeordnetenhaus entscheiden Wahlkreise nicht. Dafür ist die Zweitstimme zuständig. Aber die Direktmandate entscheiden über Köpfe. Wer seinen Wahlkreis gewinnt, sitzt sicher im Parlament. Wer ihn verliert, ist auf einen guten Listenplatz angewiesen. Wer beides nicht hat, ist raus.

Das Modell sagt darüber nichts, es kennt nur Parteien. Wer aber die Listen der Parteien danebenlegt, sieht, für wen es am 20. September auch persönlich eng wird.

Das gilt selbst für Franziska Giffey. Die ehemalige Regierende Bürgermeisterin verlor ihren Wahlkreis in Rudow bereits 2023, und er dürfte erneut an die CDU gehen. Abgesichert ist sie nicht: Ihr eigener Kreisverband hat sie nicht für die Neuköllner Bezirksliste nominiert. Das heißt: Verliert sie ihren Wahlkreis, ist sie raus.

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Die Antworten kommen aus den offiziellen Programmen zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September.

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Anders sieht es bei Orkan Özdemir aus, der 2023 in Friedenau das beste Wahlkreisergebnis der SPD erzielte. Er könnte zwar sein Direktmandat verlieren. Anders als Giffey hätte er jedoch Chancen über die Liste.

Selbst für die Spitzenkandidaten sind die eigenen Wahlkreise 2026 keine Selbstläufer mehr. In Altglienicke, wo CDU-Kandidat Stefan Evers antritt, liegt in den Simulationen die AfD vorn. Ähnlich knapp ist es bei der Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp: Auch ihr Wahlkreis zwischen Moritzplatz und Anhalter Bahnhof gehört zu den offenen Rennen.

Wer gegen wen kämpft

Gerade hier zeigt sich der Wandel der Berliner Linken, der sich bereits 2023 andeutete: weg von der Ostpartei, hin zu einer jüngeren, akademisch geprägten und migrantischeren Wählerschaft.

Eralps Wahlkreis steht damit für ein größeres Muster: Die meisten „Swing States“ liegen innerhalb des Rings, 18 an der Zahl, und häufig sind es dort Grüne und Linke, die sich dort das Direktmandat streitig machen. Ein Blick auf die besonders umkämpften Wahlkreise zeigt, wo die Konfliktlinien des diesjährigen Wahlkampfs verlaufen.

Die Wahlkreis-Duelle: Wer häufig gegen wen kämpft
Die 20 knappsten Duelle, nach Gegnerpaar sortiert. Der Balken zeigt, wie viel Prozent der Simulationen die jeweilige Partei für sich entscheiden konnte.
Quelle: Zweitstimme.org

Die Grünen geraten dort besonders unter Druck, wo die Linke neben den neuen Wählerschichten auf verbleibende Teile ihres traditionellen Ostberliner Elektorats bauen kann. Im südlichen Pankow rund um den Prenzlauer Berg zum Beispiel.

Dafür dürften die Grünen anderswo hinzugewinnen: Im eher bürgerlichen Südwesten Berlins könnten sie der CDU Wahlkreise in Charlottenburg-Wilmersdorf und in Steglitz-Zehlendorf streitig machen. Auch wenn der Berliner Landesverband als besonders links gilt, sind die Grünen längst auch in wohlhabenden Gegenden eine etablierte Kraft.

Die zweitmeisten knappen Duelle gibt es zwischen CDU und AfD, außerhalb von Spandau vor allem in den Ostberliner Außenbezirken, wo sich die AfD seit 2016 immer stärker verankert hat. In Marzahn-Hellersdorf, wo sie bei der vergangenen Bundestagswahl ein Direktmandat holen konnte, könnte sie ihre Position ausbauen.

Im Ostteil der Stadt trifft die AfD die Linke: In sieben Wahlkreisen kämpfen beide um das Direktmandat, oft in ehemaligen Linken-Hochburgen, etwa in Treptow-Köpenick und Lichtenberg.

Wegen ihrer schlechten Umfragewerte spielt die SPD in fast keiner der Rennen eine Rolle – auch nicht in einstigen Hochburgen wie Tempelhofs oder Rudow in Neukölln. Die besten Chancen auf ein Direktmandat hat die SPD unter anderem im nördlichen Steglitz, dem Wahlkreis von Steffen Krach. Allerdings liegt seine Siegchance auch nur bei 15 Prozent.

Insgesamt zeichnet die Wahlkreis-Prognose das Bild einer fragmentierten Stadt. Grüne und Linke dominieren innerhalb des Rings, CDU und AfD den Stadtrand. Doch unter dieser neueren Konfliktlinie schimmert eine alte hervor: Im Ost kämpft die AfD gegen die Linke, im Westen die Grünen gegen die CDU. Das deutet darauf hin, dass Berlins alte Ost-West-Teilung noch nicht vollständig verschwunden ist.