Wahlcheck in Daten: Kitas und Schulen: Weniger offene Stellen und trotzdem in jeder siebten Stunde kein regulärer Unterricht
Mit rasender Geschwindigkeit hat sich der jahrzehntelang herrschende Berliner Kitaplatzmangel seit 2022 in einen Überschuss verwandelt. Rund 100 von ursprünglich 2900 Berliner Kitas wurden bereits geschlossen. Nur noch in vier Bezirken fehlen Plätze.
Der Überschuss ist allerdings keine Errungenschaft der CDU-geführten Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, sondern dem Geburtenrückgang geschuldet sowie der Tatsache, dass es anteilig mehr Migranten gibt, die seltener eine Kitabetreuung in Anspruch nehmen.
In unserem Datencheck werfen wir einen Blick auf die wichtigsten Kennzahlen des Berliner Bildungswesens. Es ist der erste Teil unserer sechsteiligen Serie „Wahlchecks in Daten“. Vor der Berlin-Wahl am 20. September prüfen wir Thema für Thema die Bilanz des schwarz-roten Senats und was die großen Aufgaben der kommenden Landesregierung sind.
Wie war die Lage zu Beginn der Regierungszeit, und was konnte Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) in den vergangenen drei Jahren umsetzen?
Bei den Kitas konnte Günther-Wünsch insofern punkten, als sie frei gewordene Kapazitäten nicht für Einsparungen nutzte, sondern einen qualitativen Mehrwert schuf: Der Personalschlüssel bei den Unter-Dreijährigen wurde 2026 verbessert, sodass eine Erzieherin rechnerisch ein Kind weniger als noch 2025 betreut.
170 Millionen Euro im Jahr für die Verbesserung des Betreuungsschlüssels
Dem Senat zufolge wurden auf diese Weise 2500 Stellen gesichert, die pro Jahr rund 170 Millionen Euro kosten. In der Folge wurde ein weitergehendes Kitasterben verhindert.
Die Aufrechterhaltung der Infrastruktur trotz der sinkenden Nachfrage hat bildungspolitische Gründe: Der Kitabesuch ist besonders für Kinder aus armen Schichten wichtig, damit sie Aussicht auf eine erfolgreiche Schullaufbahn haben. Im Vordergrund stand für den Senat daher nicht die Schließung von Kitas, sondern das Werben um neue Schichten für den Kitabesuch.
Vor allem bei den Unter-Dreijährigen gibt es Zehntausende unbetreute Kinder. Deren Betreuungsquote liegt in manchen Bezirken weit unter 50 Prozent, wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg ausweist. Unter Migranten ist die Quote noch geringer.
Auch die Betreuungsquote der Drei- bis Sechsjährigen unterscheidet sich stark je nach Region und Bevölkerungsgruppe: Je ärmer die Eltern und je geringer der Bildungsstand, desto geringer der Anteil der Kinder mit Betreuungsvertrag.
Aus diesem Grund hat die CDU zu Beginn der Legislatur das „Kitachancenjahr“ als Ziel gesetzt. Alle Dreijährigen sollen einen Kitagutschein zugemailt bekommen, um das Angebot noch niedrigschwelliger zu machen. Mit der Versendung der ersten 8500 Gutscheine soll jetzt begonnen werden.
Und wie soll es weitergehen? SPD und Grüne wollen die Kitagruppen auch für die Drei- bis Sechsjährigen verkleinern. Kitagutscheine sollen nicht erst ab dem dritten, sondern bereits ab dem 1. Lebensjahr verschickt werden, was die FDP schon ab der Geburt wünscht.
Schulen: Beim Personalmangel muss improvisiert werden
Die CDU übernahm beim Wechsel an die Spitze der Bildungsverwaltung eine gewaltige Altlast: Die SPD hatte die Verbeamtung von Lehrkräften seit 2004 ausgesetzt und war schließlich das einzige Bundesland, das nicht mit dem attraktiveren Status locken konnte. Tausende Nachwuchslehrer wanderten ab oder blieben gleich in ihren eigenen Bundesländern.
Ein Großteil der Berliner Kollegien besteht daher aus Quereinsteigern, die nachträglich qualifiziert wurden, sowie aus „sonstigen Lehrkräften“, die mangels geeignetem Studium nicht nachqualifiziert werden können. Daran konnte die CDU in der Kürze der Zeit nichts ändern.
Was Günther-Wünsch dennoch geschafft hat: Sie verkleinerte die Personallücke, die vor ihrem Amtsantritt 2022/23 noch bei 970 Stellen gelegen hatte, auf rund 200 zum Schuljahresbeginn 2025/26. Allerdings wuchs die Lücke zu Beginn des aktuellen Schuljahres auf etwa 500 Stellen, weil Klassen verkleinert und ältere Lehrkräfte entlastet werden sollen. Weit über 300 zusätzliche Stellen folgten aus einer Verabredung mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
So verringerte die CDU die Zahl der unbesetzten Stellen
Dass die Lücke trotz dieser Verabredung nur halb so groß ist wie vor dem Regierungswechsel von 2023, ist nicht monokausal erklärbar. Was eine Rolle gespielt haben dürfte:
- die sehr rasche Umsetzung der Lehrkräfteverbeamtung
- der verstärkte Einsatz von Studierenden und „sonstigen Lehrkräften ohne volle Lehrbefähigung“ im Unterricht
- die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung für Referendare
- die Streichung von „Profilstunden“, also zusätzlichen Stunden, mit denen Schulen ihren Schwerpunkt schärfen
- die vermehrte Umwandlung von Lehrkräftestellen in Stellen für andere Berufe wie Psychologen oder Verwaltungskräfte
Angesichts der herrschenden Personalknappheit stieg der Anteil des Unterrichts, der vertreten werden muss oder ganz ausfällt, auf insgesamt fast 14 Prozent: Die Kollegien sind nach rund 20 Jahren der Lehrkräfteabwanderung zu stark ausgedünnt, um das frühere Level von rund zehn Prozent Vertretungsunterricht zu halten. Dieser Missstand wird besonders vom Landeselternausschuss kritisiert.
Und wie soll es weitergehen? Ein Blick in die Wahlprogramme zeigt viel Gemeinsames wie einen erleichterten Zugang an Schulen für Lehrkräfte mit nur einem Studienfach. Zudem legen SPD und Grüne Wert darauf, dass andere Professionen an Schulen aktiv sein sollen, allerdings zusätzlich zu einer 100-Prozent-Lehrkräfteausstattung. Den größten Unterschied macht die FDP: Sie fordert eine 110-Prozent-Ausstattung, um zehn Prozent als Reserve für den Vertretungslehrer zu haben, sowie eine Abkehr von der Verbeamtung der Lehrkräfte.
Beim Schulbau und bei den Schulsanierungen hat die CDU-geführte Bildungsverwaltung zum Teil die Früchte der Vorgängerregierungen ernten können. Denn es war die SPD-Fraktion, die 2016 unter Führung ihres Vorsitzenden Raed Saleh die milliardenschwere Berliner Schulbauoffensive (BSO) angeschoben hatte.
Zuvor war es allerdings der seit 2002 durchgezogene SPD-Sparkurs gewesen, der den Niedergang der öffentlichen Infrastruktur beschleunigt hatte und auch in Salehs erster Amtszeit (2011 bis 2016) noch anhielt. Das gab den Schulen den Rest: Der Verfall war allgegenwärtig. Dadurch wurde die Schulbauoffensive überhaupt erst notwendig.
Nach dem Startschuss der BSO dauerte es dann noch mehrere Jahre, bis der Sanierungsstau sowie ein Verfahren für seine Bekämpfung entwickelt werden konnte.
Insofern fand Günther-Wünsch eine fertige Struktur vor, als sie 2023 die Verantwortung für die BSO bekam. Allerdings hat der Wegner-Senat dazu beigetragen, dass diese Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werden konnte. Dazu gehört eine auskömmliche Folgefinanzierung. In seinem jüngsten Schulbaubericht stellt der Senat denn auch fest, dass der weitere Anstieg des Sanierungsstaus gebremst werden konnte und nunmehr eine „kontinuierliche und ausreichende“ Instandhaltung möglich ist.
Erstmals ein Staatssekretär für den Schulbau
Dass das viele Geld nicht verpufft, sondern dort ankommt, wo es hingehört, könnte daran liegen, dass Günther-Wünsch die erste Berliner Bildungssenatorin ist, der ein zusätzlicher Staatssekretär für den Schulbau zugestanden wurde.
Hinzu kommt, dass dieses Amt an einen parteiübergreifend anerkannten Schulbaufachmann ging: Als langjähriger Bildungsstadtrat wusste Torsten Kühne (CDU), wie Bezirks- und Landespolitik ineinandergreifen müssen, damit Schulbau und -sanierung vorankommen.
Inzwischen wird mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr für Baumaßnahmen an aktuell über 800 Schulen ausgegeben. Es wäre sogar noch mehr Geld da, allerdings konnte so viel Geld in 2024 und 2025 nicht verbaut werden. Das hängt unter anderem mit unvorhersehbaren Problemen wie Artenschutz oder Bodenproblemen auf den Baugrundstücken zusammen.
Trotz der weiterhin üppigen Finanzierung des Schulbaus ist der Schulplatzmangel noch nicht Geschichte. Das hat mit den Tausenden in den letzten Jahren zugewanderten Kindern und Jugendlichen zu tun und damit, dass Planung und Bau einer Schule bisher viele Jahre dauern.
Inzwischen konnten die behäbigen Abläufe aber beschleunigt werden. Als Mittel zum Zweck dienen ressortübergreifende Abstimmungen, modulare Schulgebäude sowie einheitliche Standards für Neubau und Sanierung. Diese Berliner Expertise sei mittlerweile „bundesweit und sogar europaweit nachgefragt“, berichtet Günther-Wünsch.
Die Bildungsverwaltung rechnet damit, dass das Defizit an Schulplätzen dieses Jahr erstmals nicht weiter steigen, sondern von 26.100 auf 24.100 Plätze sinken wird.
Um den Schulplatzmangel zu kompensieren, müssen Schulen bisher noch mehr Kinder aufnehmen als von ihrer räumlichen Kapazität her vorgesehen. Das führt beispielsweise dazu, dass Fachräume aufgegeben und in mehreren Schichten gegessen werden muss. Zudem müssen etliche Geflüchtete in improvisierten Modulbauten in der Nähe ihrer Unterkünfte beschult werden, anstatt in den regulären Schulen integriert werden zu können.
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Und wie soll es weitergehen? Parteiübergreifend wird die Bedeutung von Schulsanierungen neben dem Neubau betont. Anders als die SPD könnte sich etwa die CDU vorstellen, auf öffentlich-private Partnerschaften zurückzugreifen. Die CDU möchte die Bewirtschaftung nämlich einem „neu zu schaffenden zentralen Landesdienstleister nach dem Vorbild Hamburgs oder Oslos übertragen“. Neubauten, Sanierungen und Modernisierungen sollen künftig deutlich effizienter geplant und umgesetzt werden.