Elf Karten und Grafiken zeigen Berlins neue politische Geografie: Jung, links, migrantisch – ist es der Mamdani-Effekt?
Den ersten Schritt hat Elif Eralp geschafft: Die Linke ist mit 25,7 Prozent stärkste Kraft in Berlin. Schon im Wahlkampf orientierte sich die Partei sichtbar an Zohran Mamdani, dem New Yorker Bürgermeister, der vor knapp einem Jahr überraschend gewann.
Themen, Strategie, sogar die Social-Media-Videos folgten dem Vorbild des 34-jährigen demokratischen Sozialisten. Mobilisierte die Partei die gleichen Wählergruppen wie ihr New Yorker Pendant?
Fest steht: Berlins Wahlkarte hat sich sichtbar verändert. Das liegt nicht nur am Erfolg der Linken.
Karte: © OpenMapTiles, © OpenStreetMap contributors
Hinter den stadtweiten Zahlen stecken lokale Verschiebungen, die auf keiner Wahlkarte sichtbar werden. Wir haben deshalb die Ergebnisse aller 1.572 Wahlbezirke mit kleinräumigen Strukturdaten verknüpft – Alter, Mieten, Eigentum, Herkunft, Entfernung zum Zentrum.
Sie zeigen: Vor allem in jungen und migrantisch geprägten Kiezen hat sich das Wahlverhalten gedreht. Aber auch die Wohnlage spielt weiterhin eine Rolle.
Sechs Erkenntnisse zur neuen politischen Geographie der Hauptstadt:
1. Junge und migrantische Kieze wählen links
Die Berliner Linke hat nach der Wahl mit mit New York vor allem eines gemeinsam: Ihre neu hinzugewonnene Wählerschaft. Mamdani punktete 2025 vor allem in jungen, von Mietern geprägten Vierteln in Brooklyn und Queens sowie in migrantischen Communities.
Auch die Linke setzte schon im Wahlkampf gezielt auf junge, zentrumsnah lebende Menschen, die mit steigenden Lebenshaltungskosten und hohen Mieten zu kämpfen haben. Auch migrantische Communities und der Gazakrieg rückten in den Fokus.
Der Blick in die Wahlbezirke zeigt: Das könnte funktioniert haben. Die Linke legt vor allem in zentrumsnahen Kiezen mit junger Bevölkerung zu.
Karte: © OpenMapTiles, © OpenStreetMap contributors
Je höher der Anteil der Wahlberechtigten unter 60, desto größer der Zugewinn gegenüber 2023.
Ähnlich ist es beim Anteil der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund: In den migrantisch geprägten Kiezen der Innenstadt fallen die Linke-Zuwächse besonders hoch aus.
Auch das Mietenthema scheint der Partei Aufwind verschafft zu haben. Die Linken-Zugewinne konzentrieren sich in zentrumsnahen Kiezen, wo das Wohnen längst teuer geworden ist – und dort, wo der Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ 2021 die höchste Zustimmung fand.
2. Linker Sieg auf Kosten der Grünen
Insgesamt haben die Grünen, einst dominierende Innenstadt-Partei, genau dort verloren, wo die Linke Erfolg hatte. Selten deutet das räumliche Muster so klar auf einen Wählerwechsel hin wie innerhalb des S-Bahn-Rings.
Das zeigt: Das Problem der Grünen ist kein flächendeckender Absturz, sondern der Verlust des eigenen Milieus an die Konkurrenz von links. Zum Vergleich: Am Stadtrand, wo sie nie sonderlich stark waren, verloren sie kaum Stimmen.
Karte: © OpenMapTiles, © OpenStreetMap contributors
Und auch mit Blick auf weitere Aspekte ist der Trend exakt entgegengesetzt zu der Linken. Die Partei um Spitzenkandidat Werner Graf verlor erhebliche Stimmenanteile in jungen Kiezen, wie zum Beispiel minus 17,9 Prozent rund um das Dreiländereck beim Landwehrkanal. Unter migrantischen Wählern ist das Ergebnis ähnlich. Dort, wo viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, verlieren die Grünen Stimmen.
3. Linke nicht mehr nur Zentrumspartei
Auch wenn die Linkspartei innerhalb des S-Bahn-Rings auf 35 Prozent kam und damit auf mehr als doppelt so viel wie vor drei Jahren: Ihr Aufstieg ist keineswegs auf die Innenstadt beschränkt. Auch in den Außenbezirken hat sie ihren Anteil von knapp elf auf gut 22 Prozent verdoppelt.
Das spricht dafür, dass viele ihrer Themen inzwischen über das klassische Innenstadtmilieu hinausreichen. Weil außerhalb des Rings mehr Wahlberechtigte leben, fällt dieser Zugewinn stark ins Gewicht.
Jenseits des Rings gerät zugleich die CDU ins Wanken: 2023 dominierte sie die Außenbezirke noch mit 32 Prozent, nun kommt sie nur noch auf 20. Die AfD hat ihren Anteil im selben Gebiet von 11,5 auf 20,4 Prozent nahezu verdoppelt und zieht damit mit der CDU gleich. Selbst außerhalb des S-Bahn-Rings ist die Linke nun stärkste Kraft, wenn auch knapp.
In der Innenstadt bleibt die AfD mit sieben Prozent schwach. So zeichnen sich zwei unterschiedliche politische Räume ab: ein klar links geprägtes Zentrum, in dem sich das Kräfteverhältnis von den Grünen zur Linken verschoben hat, und ein Stadtrand, an dem sich das bürgerlich-rechte Lager neu sortiert – mit einer deutlich geschwächten CDU und einer stark gewachsenen AfD.
4. Die AfD bleibt Ostpartei – die Linke nicht
Und Ost und West? Die alte politische Trennlinie Berlins verliert weiter an Bedeutung. Mitte der Neunziger lag die PDS im Osten noch mehr als 30 Prozentpunkte über ihrem Ergebnis im Westen, während die CDU im Westen einen Vorsprung von gut 20 Punkten hatte.
Seither sind diese Unterschiede von Wahl zu Wahl kleiner geworden. 2026 liegen bei der Linken zwischen Ost und West nur noch drei Prozentpunkte. Auch der West-Überhang der CDU ist auf sieben Punkte geschmolzen, ein Drittel des Werts von 1995.
Damit gleicht sich Berlins politische Landkarte den bekannten Mustern anderer europäischer Metropolen an (hier können Sie mehr dazu lesen).
Eine Ausnahme gibt es allerdings: die AfD. Bei ihr wächst die Ost-West-Differenz wieder um einige Prozentpunkte. Ihr Rückhalt konzentriert sich zunehmend auf den Osten der Stadt – inzwischen ist ihr Wählerprofil geografisch stärker ostberlinisch geprägt als das der Linken.
5. Eine räumlich polarisierte Stadt?
Die Analyse der Briefwahlbezirke zeigt auch: Die Berliner Kieze leben so unterschiedlich, wie sie wählen – und umgekehrt. Am deutlichsten wird das bei der Pkw-Dichte: Linke und Grüne sind dort stark, wo kaum jemand ein Auto besitzt, CDU und AfD dort, wo fast jeder Haushalt eines hat.
Ähnlich ist es bei der Wohnsituation. Die Hochburgen der Linken sind Mieterkieze in teuren Wohnlagen und mit niedriger Eigentümerquote. Die Hochburgen von CDU und AfD familiär geprägte Gegenden am Stadtrand, in denen viele in den eigenen vier Wänden wohnen.
Beim Bürgergeld ist das Bild weniger eindeutig. In Kiezen mit hohem Linke-Ergebnis liegt die Quote leicht über dem Berliner Median. Die AfD hingegen ist dort stark, wo sie weit darüber liegt.
6. Zwischen allen Stühlen: die SPD
Und dann ist da noch die SPD. Analysiert man ihre Ergebnisse nach all diesen Faktoren, zeigt sich: Die Sozialdemokraten sind heimatlos – in keinem Milieu schneiden sie deutlich überdurchschnittlich ab.
Schon früher war die SPD weder an Ost oder West noch an Innenstadt oder Stadtrand gebunden. Erfolgreich machten sie starke Kandidaten, die die Gegensätze der Stadt moderierten. Jahrezehntelang stellte die Partei den Regierenden Bürgermeister in der Stadt, darunter Willy Brandt und Klaus Wowereit. Noch am Wahlabend forderte der frühere Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) Konsequenzen in seiner Partei.
Trotz des schlechten Ergebnisses könnte der SPD aber eine besondere Rolle zukommen. Will Elif Eralp Regierende Bürgermeisterin werden, braucht sie die SPD als Koalitionspartner. Ob das klappt, ist so kurz nach der Wahl noch vollkommen offen.
Zumindest hier hatte es Mamdani einfacher. In New York wird der Bürgermeister direkt gewählt – einen oder sogar mehrere Koalitionspartner musste er nie suchen.