Berlins „Swing States“ nach der Wahl: Fast jeder zweite Wahlkreis gehört jetzt einer anderen Partei
Berliner Wähler lieben den Wechsel. Das jedenfalls legt ein Blick auf die Direktkandidaten nahe. In fast der Hälfte der Berliner Wahlkreise hat nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am Sonntag das Direktmandat der Partei gewechselt – und zwar in 37 von 78 Wahlkreisen.
Unsere Karte zeigt, wo die Machtwechsel stattfanden. Sie folgen einem klaren Muster.
Besonders im Stadtzentrum fallen die vielen lilafarbenen Wahlkreise auf, die als einstige Grünen-Hochburgen diesmal an Kandidaten der Linken gehen. Dazu gehört auch Kreuzberg I. Dort holt Spitzenkandidatin Elif Eralp mit 50,4 Prozent der Erststimmen das beste Wahlkreisergebnis der Stadt – und steht damit exemplarisch für das neue, junge und migrantische Großstadtprofil der Linken.
Die SPD kann sich bei Lars Düsterhöft bedanken, dass sie überhaupt im Kreis der Wahlkreisgewinner auftaucht: Er verteidigt das Direktmandat im Wahlkreis 3 in Treptow-Köpenick knapp gegen Linke und AfD.
In den übrigen Wahlkreisen verlieren die Sozialdemokraten ihre Direktmandate – das schlechteste Ergebnis seit 1999. Selbst prominente Wahlkreisabgeordnete wie Orkan Özdemir, der 2023 in Friedenau noch eines der besten Erststimmenergebnisse der SPD erzielte, büßen ihren Wahlkreis ein.
Bestes Parteiergebnis und trotzdem nicht im Abgeordnetenhaus
Und manchmal reicht es selbst dann nicht, wenn man das landesweit beste Ergebnis für seine Partei holt. Franziska Giffey verliert ihren Sitz im Abgeordnetenhaus. In ihrem Rudower Wahlkreis erzielt sie mit 26 Prozent zwar das beste Erststimmenergebnis der SPD und liegt damit rund zehn Prozentpunkte über dem Ergebnis ihrer Partei. Dennoch muss sie sich erneut dem CDU-Kandidaten Olaf Schenk geschlagen geben.
Auch andere Kandidaten schneiden besser ab als ihre Partei – und ihnen gelingt der Einzug ins Berliner Landesparlament. Gerade in knappen Rennen kann es entscheidend sein, wenn ein eigener Kandidatenfaktor hinzukommt.
Die folgende Grafik zeigt das – jeder Punkt ist ein Direktkandidat. Befindet er sich über der diagonalen Linie, hat er besser abgeschnitten als seine Partei in dem Wahlkreis.
Zum Beispiel bei den Grünen in Mitte: Dort erringen eine Reihe von Abgeordneten ein Direktmandat, obwohl die Linke dort bei den Zweitstimmen vorn landet. Besonders deutlich zeigt sich das bei bekannten Abgeordneten wie Taylan Kurt in Moabit. Mit 36 Prozent der Erststimmen liegt er in seinem Wahlkreis fast 16 Prozentpunkte über dem Zweitstimmenergebnis der Grünen.
Zu einem insgesamt guten Ergebnis verholfen haben denen Grünen ihre starken Einzelkandidaten nicht: Sie verlieren 13 Direktmandate, die CDU sogar 21. Selbst CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers ist in Altglienicke seinem Herausforderer von der AfD klar unterlegen.
Neben den Verlusten der CDU an die AfD in den östlichen Außenbezirken und der Grünen an die Linke in den Innenstadtkiezen gibt es auch Verschiebungen, die weniger in dieses Muster passen.
So nimmt die Linke der CDU ebenfalls mehrere Mandate ab – zum einen in Lichtenberg, zum anderen aber auch in eher bürgerlich geprägten Gegenden wie dem Norden Charlottenburgs und Spandau.
Damit punktet die Linke 2026 auch außerhalb ihrer urbanen Kernklientel, möglicherweise begünstigt durch gestiegene Wohnkosten, die auch hier eine Rolle spielen. Zugleich scheint sie ihren Fokus auf einstige Hochburgen Ostberlins nicht komplett verloren zu haben.
Die Grünen wiederum etablieren sich stärker in den eher bürgerlichen Kiezen des Südwestens. Der CDU können sie Mandate in Wilmersdorf und Steglitz abnehmen.
Wo die Mandate stabil sind
Fest steht aber auch: In mehr als der Hälfte der Wahlkreise herrscht nur wenig Bewegung bei den Direktmandaten. Vor allem in den Außenbezirken halten langjährige CDU-Amtsinhaber wie Cornelia Seibeld (Zehlendorf) trotz der Verluste ihrer Partei die Konkurrenten zweistellig auf Distanz.
Deutliche Vorsprünge sprechen für gefestigtere politische Verhältnisse. Wo hingegen der Abstand zum Zweitplatzierten knapp ausfällt, dürfte der Wahlkreis bei der nächsten Gelegenheit eher offen sein.
Es sind in erster Linie Kandidaten von CDU und Linken, die ihre Wahlkreise mit großen Vorsprüngen von rund zehn Prozentpunkten oder mehr gewinnen.
Elif Eralp distanziert Richard Gamp von der CDU beispielsweise um 33 Prozentpunkte – die Linke-Spitzenkandidatin fährt zwischen Moritz- und Askanischem Platz mit 50,4 Prozent das berlinweit beste Erststimmen-Ergebnis ein.
Bei den Grünen hingegen wird es auch schon mal sehr knapp. Tonka Wojahn schlägt ihre CDU-Konkurrentin Claudia Wein in Steglitz 1 zwar. Aber gerade einmal mit 72 Stimmen Vorsprung.