Was 30 Jahre Wahlergebnisse über das neu geteilte Berlin verraten: Der Ring ist die neue Mauer
Für jede Berliner Abgeordnetenhauswahl seit 1995 haben wir verglichen, wie die Menschen im Ost- und Westteil der Stadt gewählt haben und wie in den Kiezen innerhalb und außerhalb des S-Bahn-Rings. Dafür haben wir für jedes Jahr über 1500 Wahlbezirke berücksichtigt. (Interaktive Karte und alles zur Methode hier.)
Vergleicht man für jedes Wahlergebnis, wo die jeweilige Partei im Schnitt die besseren Ergebnisse erzielt, zeigt sich: Wo sich die Stadt einmal ziemlich eindeutig zwischen Ost und West geteilt hat, teilt sie sich heute mehr zwischen Ring und Rand.
Anders formuliert: Auf der alten Ost-West-Achse haben sich die Ergebnisse der Berliner Kieze einander angenähert, auf der neuen Innen-Außen-Achse voneinander wegbewegt.
Und wenn man all diese Linien zusammenrechnet, zeigt sich: Seit der Wahl 2021 sind die Unterschiede zwischen innen und außen größer als die zwischen Ost und West.
Besonders deutlich zeigt sich das bei CDU und Linker. Sie sind nicht nur politisch harte Gegenspieler, wie beide Parteien im Wahlkampf immer wieder betonen, sie polarisieren auch geografisch.
Aber warum ist das so? Lukas Haffert ist Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Bremen und forscht seit Jahren zu geografisch-politischen Konfliktlinien. Was in Berlin anhand der Wahlergebnisse sichtbar ist, sei kein Sonderweg – im Gegenteil.
„Was wir hier sehen, ist eine Normalisierung“, sagt er, „ein Profil, das man in München, Hamburg und Dresden ganz ähnlich sieht, auch in London und Wien.“ Gemeint ist: In den urbanen Gegenden viele Grün- und Linkswähler, in der Peripherie eher Anhänger der konservativen bis rechtspopulistischen Strömungen.
„Dieses Innen-Außen-Muster ist universal in Städten, bei denen es nicht irgendeinen stärkeren geografischen Faktor gibt, der das verhindert.“
In Berlin trat es lange hinter dem Ost-West-Unterschied zurück. Das hat sich geändert. Was auf den Wahlkarten wie eine neue Spaltung aussieht, ist also vor allem das Ende einer alten – und eine Angleichung des einst geteilten Berlins an fast alle Großstädte in Westeuropa. Oder, wie Haffert es formuliert: „Die Wiedervereinigung ist gelungen.“
Dennoch gebe es zwei Dinge, sagt Haffert, die Berlin von vielen anderen Großstädten unterscheide: das Tempo, in dem sich der Innen-Außen-Unterschied verstärkt hat, und die Extreme, in denen es sich zeigt.
Er nennt ein Beispiel: „Kreuzberg kann in Bochum nicht existieren.“ Dafür fehle die kritische Masse an Menschen eines bestimmten sozialen Milieus, die an einem Ort zusammenkommen, um ihn so deutlich prägen zu können. In Kreuzberg wäre das: jung, akademisch, häufig international. „Überall sonst in Deutschland wäre Spandau eine selbstständige Gemeinde mit eigenem Oberbürgermeister.“ Innen und außen sind in Berlin also besonders weit voneinander entfernt.
Zweitens war Berlin lange günstig, das hat sich schnell verändert. Wo Mieten hoch sind, entscheidet das Einkommen mit darüber, wer dort neu zuzieht; die Bevölkerung verändert sich. Da die Preise in der Innenstadt inzwischen besonders hoch sind, sortiert der Wohnungsmarkt die Stadt mit. In München oder Hamburg lief dieser Prozess langsamer. „Berlin ist ein bisschen auf Speed gelaufen, weil es lange so günstig war“, sagt Haffert.
Berlin-Wahl 2026
Fragen Sie die Wahlprogramme
Fragen Sie die Wahlprogramme
Die Antworten kommen aus den offiziellen Programmen zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September.
Antworten sind KI-generiert auf Basis der offiziellen Wahlprogramme
Zwischen Bürgerlichkeit und Gentrifizierung
Warum wählt Berlin innerhalb des Rings so anders als außerhalb? Und warum hat sich das verstärkt? Dafür gibt es in der Forschung zwei Erkläungsansätze. In Berlin trifft jede auf einen der beiden Teile der Stadt zu, sagt Haffert.
Innen sei die Haupt-Erklärung: eine inzwischen anders beschaffene Bevölkerung. Ziehen viele Menschen zu, die anders sind als die bisherige Bevölkerung, ändert sich das Wahlergebnis, ohne dass die Menschen ihre Meinung geändert haben. Dort wohnen nun andere Menschen. Mit Blick auf das Berlin innerhalb des Rings sei das der Fall, sagt Haffert: „Das ist zu einem großen Teil Gentrifizierung.“
Innerhalb des Rings seien eher jüngere Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen zugezogen als andere, häufig arbeiten sie in Kultur, Medien, Bildung oder anderen ähnlichen Berufen. Das sind Milieus, die eher Links und Grün wählen.
Außerhalb des Rings findet sich hingegen eher eine ältere und weniger akademische Bevölkerung, mit Tendenz zu konservativen und rechtspopulistischen Parteien. Hinzu kommt laut Haffert ein weiteres Phänomen: Am Stadtrand sei die Sozialstruktur der Bevölkerung stabiler geblieben, aber ihr Alltag vor Ort präge ihr Wahlverhalten heute anders als noch 1995.
In den Außengebieten bestimmen heute Themen wie Wohneigentum, Verkehrsanbindung – auch mit dem Auto –, Sicherheit und der Erhalt des gewohnten Umfelds das tägliche Leben. Innerhalb des Rings sind es eher steigende Mieten und der öffentliche Nahverkehr. Solche Unterschiede sind mit dafür verantwortlich, welche politischen Fragen die Menschen als dringlich empfinden.
Genau diese sogenannten Kontexteffekte erklären laut Haffert die veränderte politische Stimmung am Stadtrand: aus sozioökonomischer Sicht heute ähnliche Menschen wie damals, aber mit anderen Prioritäten.
Trennscharf ist das nicht: Auch außerhalb des Rings gibt es Kieze, in denen sich die Bevölkerung stark verändert hat. Und auch innerhalb des Rings sind heute teilweise andere Themen dringlich als noch vor Jahren.
Der innen-außen-polarisierte Wahlkampf 2026
Die Parteien selbst wissen um diese strukturellen Gegensätze und bespielen sie politisch: durch ihre Themenauswahl, ihre politischen Angebote und die geografische Ausrichtung ihrer Kampagnen.
Die Grünen rücken in diesem Wahlkampf zum Beispiel bezahlbare Mieten, sichere Radwege, einen verlässlichen Nahverkehr, Klimaschutz und gesellschaftliche Vielfalt ins Zentrum. All diese Themen zielen auf den Alltag der Menschen in den dicht besiedelten Innenstadtbezirken ab.
Die Linke setzt noch stärker bei steigenden Mieten und Verdrängung an: Sie fordert einen Mietendeckel für landeseigene Wohnungen, einen stärkeren Mieterschutz und die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne.
Zugleich verbindet sie diese soziale Agenda mit dem Kampf gegen Diskriminierung und einer stärkeren Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte. Ihr heutiges Profil wird damit weniger von klassischen Ost-Themen geprägt als von den sozialen Konflikten einer wachsenden, vielfältigen und teurer werdenden Stadt.
CDU und AfD setzen dagegen stärker auf Themen, die in den Außenbezirken Gewicht haben. Besonders ausdrücklich macht das die CDU: Sie lehnt laut ihrem Programm eine Verkehrspolitik zulasten der Außenbezirke ab, will deren Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln verbessern, Park-and-Ride-Angebote ausbauen und die wohnortnahe medizinische Versorgung stärken.
Stärker als Grüne und Linke betont sie die Förderung von Wohneigentum. Damit löst sie sich vom Image der Partei des alten West-Berliner Bürgertums. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner brachte diese Orientierung in Richtung der Außenbezirke bereits im Wahlkampf 2023 auf eine Formel: „Berlin ist nicht nur der innere S-Bahnring. SPD, Grüne und Linke lassen die Außenbezirke links liegen.“
Die AfD knüpft ebenfalls an Themen an, die in den Außenbezirken besonders präsent sind: Auto, Parkplätze, Wohneigentum, und wohnortnahe Versorgung. Anders als die CDU verbindet sie diese Angebote jedoch eng mit einer restriktiven Migrationspolitik. Menschen, die lange in Berlin leben, sollen zudem eher eine geförderte Wohnung bekommen als frisch Zugezogene.
Und was ist mit der SPD?
Nur eine Partei passt in keine der beiden Erzählungen: die SPD. Lange verstand sie sich als Regierungspartei der ganzen Stadt und versuchte, sowohl die progressive Innenstadt als auch die traditionelleren Wählerschichten in den Außenbezirken anzusprechen.
Gerade den zweiten Teil dieses Spagats haben führende Sozialdemokraten in jüngster Zeit betont. Der langjährige SPD-Fraktions- und Landeschef Raed Saleh aus Spandau macht daraus seit Jahren sein Markenzeichen: „Berlin ist mehr als nur der Innenstadtring. Wenn man Berlin als Ganzes betrachtet, muss man auch in Berlin als Ganzes investieren.“
Auch Franziska Giffey stellte sich als Regierende Bürgermeisterin offen gegen die verkehrspolitische Agenda ihrer grünen Koalitionspartner: „Eine 3,7-Millionen-Menschen-Stadt völlig autofrei zu denken, halte ich für wirklichkeitsfremd”, sagte sie 2021. Nötig seien „Angebote statt Verbote“, etwa eine bessere Anbindung der Außenbezirke.
Doch im Gegensatz zu den anderen großen Parteien zeigt sich bei der SPD kein klares geografisches Muster. Sie ist weder innerhalb noch außerhalb des Rings eindeutig verankert.
Haffert erklärt das so: „Die jungen progressiven Innenstadtwähler kriegt sie nicht mobilisiert, die kleinbürgerlich SPD-nahen Milieus in den Außenbezirken verliert sie auch.“ In einer Stadt, die sich politisch immer stärker in innen und außen teilt, verliert die SPD damit an beiden Enden: innerhalb des Rings an Grüne und Linke, außerhalb an CDU und AfD.
Es war einmal Ost- und West-Berlin?
Ist die alte Ost-West Trennlinie Berlins damit endgültig erledigt? Fast, aber nicht ganz: Exklusiv für den Tagesspiegel hat das Meinungsforschungsinstitut Civey seine Berliner Umfragen der vergangenen anderthalb Jahre nach Ost und West aufgeschlüsselt. Der Unterschied ist dort noch zu erkennen, aber schwach und vor allem bei fast allen Parteien gleichbleibend.
Die Linke wird im Osten laut der Umfragen weiterhin stärker gewählt als im Westen, und zwar um 4 Prozentpunkte – im Wahlergebnis von 2023 waren es noch fast 9 und 1995 sogar fast 40. Die CDU holt im Westen laut Umfrage 6 Punkte mehr – ähnlich wie bei der Wahl 2023, aber deutlich weniger als im Jahr 1995: Damals waren es 22 Prozentpunkte mehr.
Umfragen haben statistische Fehler, deshalb haben einzelne Werte bei solch kleinen Tendenzen eine begrenzte Aussagekraft. Aber bemerkenswert ist: In keiner der Civey-Erhebungen seit November 2024 ändert sich groß etwas – mit einer Ausnahme. Bei der AfD ist der Ost-West-Abstand seit Anfang 2025 etwas angestiegen.
Die Linie, die Berlin dreißig Jahre lang geteilt hat, prägt den Wahlkampf 2026 nur noch nachrangig.
Die Stadt hat sich neu aufgeteilt – und daraus ergibt sich nicht nur ein Unterschied im Wahlverhalten. Es zeigen sich zwei Bevölkerungsgruppen mit je unterschiedlichen Erwartungen an die Politik.
Außen gelte weiterhin die politische Logik, die das 20. Jahrhundert geprägt hat, sagt Politikwissenschaftler Haffert. Mehr Wohnungen, „Bauen, Bauen, Bauen“, mehr Fahrspuren, mehr Ressourcen. Innen ist Berlin voll, Forderungen wollen eher begrenzen und schützen: Mietendeckel und Milieuschutz, weniger Autos, Freiflächen erhalten. „Innen will eine Politik der Begrenzung, Außen eine Politik des Mehr.“
Wer Berlin erfolgreich regieren wollte, stehe deshalb laut Haffert vor der Herausforderung, beide Hälften zusammenbringen. Der aktuelle Senat, sagt er, sei ein „Außensenat“. Eine rot-rot-grüne Regierung wäre für ihn eher ein „Innensenat“.
Schwarz-Grün wiederum könnte den Versuch bedeuten, beide Seiten zu verbinden: eine Koalition von Ring und Rand. Bloß: Für eine Zweier-Koalition wird es mit Blick auf die aktuellen Umfragen kaum reichen.