Wahlcheck in Daten: Klima: Bäume pflanzen reicht nicht aus
In seiner langen Geschichte war der Gendarmenmarkt schon weniger grün als heute. Doch für die Zukunft ist er nicht grün genug.
Das hätten Verwaltung und Politik wissen können, als sie den zentralen Stadtplatz in Mitte nach mehrjähriger Sanierung 2025 freigaben. Sie wussten es auch, sagt Felix Creutzig vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung.
Warum es auf dem Platz trotzdem nicht mehr Bäume gibt, die an heißen Tagen Schatten für Besucher und Anwohner spenden? „Es ist hauptsächlich ein Priorisierungsproblem, dass Hitzeschutz in den verantwortlichen Stellen der Stadtplanung nicht ausreichend mitgedacht wird“, sagt Creutzig, der auch Mitglied im Berliner Klimaschutzrat ist.
Der Gendarmenmarkt steht damit exemplarisch für das, was sich in der Klimapolitik der Bundeshauptstadt immer wieder zeigt: Es gibt Pläne und Ziele, in der Realität jedoch konkurriert Klimaschutz häufig mit anderen Prioritäten.
Als die schwarz-rote Koalition vor drei Jahren von der rot-grün-roten Vorgängerregierung übernahm, startete sie mit einem zentralen klimapolitischen Gedanken. Berlin sollte „frühestmöglich und deutlich vor“ dem Jahr 2045 klimaneutral werden.
Wie viel näher ist Berlin diesem Ziel gekommen? Was ist aus dem angekündigten milliardenschweren Sondervermögen für Klimaschutz geworden? Und was aus den geplanten Investitionen in öffentlichen Verkehr und klimaneutrale Wärme?
In Teil vier unserer sechsteiligen Serie „Wahlchecks in Daten“ werfen wir einen Blick auf die wichtigsten Kennzahlen für das Berliner Klima. Und lassen sie von Klimaforscher Creutzig bewerten.
Gemeinsam mit den 17 übrigen Mitgliedern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft beobachtet er im Klimaschutzrat, was Berliner Senat und Abgeordnetenhaus in der Klimapolitik planen und umsetzen. Und was nicht.
Das Fazit des Forschers über die Arbeit von Schwarz-Rot in den vergangenen drei Jahren fällt eindeutig aus. „Innerhalb dieser Legislaturperiode ist beim Klimaschutz in Berlin sehr wenig erreicht worden.“ Teilweise sieht er sogar Rückschritte.
Verkehr
Bis zum Jahr 2030 will Berlin den CO₂-Ausstoß um 70 Prozent senken, verglichen mit den Werten von 1990. Zum Ende des vergangenen Jahres teilte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg mit, die Emissionen hätten im Jahr 2024 gut 54 Prozent unter dem damaligen Niveau gelegen.
In absoluten Zahlen heißt das: Von derzeit gut 13 Millionen Tonnen CO2 im Jahr müsste Berlin bis zum Ende des Jahrzehnts runter auf knapp neun Millionen Tonnen.
Für Creutzig ist der Verkehrssektor einer der entscheidenden Hebel dafür. Allein der Straßenverkehr ist in Berlin für mehr als ein Viertel (etwa 27 Prozent) der CO2-Emissionen verantwortlich.
Hier habe sich in den vergangenen Jahren nichts verbessert. Im Gegenteil – im Vergleich zu 2023 gab es ein Plus von 0,4 Prozent auf 3,6 Millionen Tonnen.
„Das entspricht ziemlich genau dem Wert von 1990“, sagt Creutzig. Während die CO2-Emissionen in Berlin insgesamt sinken, sind sie beim Autoverkehr also noch genauso hoch wie vor dreieinhalb Jahrzehnten.
Wärme und Gebäude
Ein wenig positiver fällt das Urteil des Experten im Gebäudesektor aus. Die landeseigene Unternehmen sollen im sogenannten Klimapakt - beschlossen Ende vergangenen Jahres - bis 2030 rund 13,8 Milliarden Euro in den Klimaschutz investieren. Für die landeseigenen Wohnungsunternehmen geht es dabei unter anderem um energetische Sanierungen von Gebäudehüllen, Fenstern und Dächern sowie um die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung.
In der CO₂-Bilanz des Landes Berlin ist Wärme mit mehr als 40 Prozent Anteil an den Emissionen der größte Bereich. Bis 2045 soll der Endenergiebedarf für Wärme – gemeint sind Heizen, Warmwasser und Industrie – um etwa 20 Prozent sinken. Dafür kalkuliert Berlin mit einer durchschnittlichen Sanierungsrate von 1,7 Prozent jährlich.
Im Jahr 2024 hatte Berlin das Fernwärmegeschäft vom Energiekonzern Vattenfall zurückgekauft und machte daraus die landeseigene BEW. Damit habe das Land direkten Einfluss auf eine Infrastruktur gewonnen, die zentral für die Wärmewende sei, sagt Creutzig.
Gleichzeitig setze Berlin im Wärmeplan, den der Senat im Juni dieses Jahres beschloss, zu stark auf Biomasse und Wasserstoff. Biomasse sei nur begrenzt vorhanden. Bereits heute werde deutschlandweit mehr davon verplant, als verfügbar sei.
Wichtiger seien Geothermie und Wärmepumpen. „Fernwärme ist Teil der Lösung, aber es fehlen die Ressourcen, das Ganze klimaneutral zu betreiben.“
Was wurde eigentlich aus dem Berliner Sondervermögen?
Ursprünglich hatte die schwarz-rote Koalition ein eigenes Sondervermögen für Klimaschutz und Transformation in Höhe von zunächst fünf Milliarden Euro auflegen wollen. Daraus wurde nichts: Nach dem Haushaltsurteil des Bundesverfassungsgerichts Ende 2023 gegen den Klima- und Transformationsfonds (KTF) des Bundes, bei dem es um die Umwidmung von Geldern ging, die ursprünglich zur Bewätigung der Corona-Pandemie und deren Folgen gedacht waren, musste der Senat dieses Vorhaben aufgeben. Karlsruhe hatte die verfassungsrechtlichen Spielräume für kreditfinanzierte Sondervermögen erheblich eingeschränkt.
Hitzeschutz
Ende vergangenen Jahres verabschiedete der Senat den Berliner Hitzeaktionsplan. Mit mehr als 70 Maßnahmen will die schwarz-rote Landesregierung die Hauptstadt künftig besser auf Extremtemperaturen wie im aktuellen Sommer vorbereiten.
Mehr Trinkbrunnen etwa sollen den Menschen helfen, an heißen Tagen in Stadt zurechtzukommen. Ein halbes Jahr später ist davon in Berlin wenig zu spüren. Während sich die Temperaturen im Juni der 40-Grad-Marke näherten, stagnierte die Zahl der Trinkbrunnen bei rund 250. Einige neue sind zwar laut Berliner Wasserbetrieben (BWB) im Bau, mehr als 20 zugleich aus unterschiedlichen Gründen abgeschaltet.
Wie wichtig zusätzliche Abkühlung wäre, zeigt sich seit Jahren. So verzeichnete Berlin zwischen 2018 und 2024 durchschnittlich 21 sogenannte Hitzetage mit Temperaturen von über 30 Grad. Für diesen Zeitraum verzeichnete die Senatsverwaltung für Gesundheit knapp 1500 Hitzetote. Im laufenden Jahr sind laut Robert-Koch-Institut 220 hinzugekommen (Stand KW 34).
Dass neben Wasserstellen auch Bäume die Menschen in der Stadt bei großer Hitze schützen, hat der Senat ebenfalls erkannt. Mit dem Klimaanpassungsgesetz beschloss Schwarz-Rot Ende 2025 auch den Plan, die derzeitige Zahl der Bäume mehr als zu verdoppeln – auf eine Million bis 2040.
Grundsätzlich eine sinnvolle Maßnahme, findet Klimaforscher Creutzig. Im direkten Umfeld eines einzelnen Baumes könne die Temperatur an heißen Tagen um fünf Grad und mehr sinken. Zugleich aber dürfe man den Effekt nicht überschätzen. Selbst in einer konsequent begrünten Stadt sinke die Durchschnittstemperatur dadurch insgesamt um maximal 0,2 Grad.
Entscheidend ist deshalb, wo gepflanzt wird. Insbesondere in dicht besiedelten Gegenden seien Bäume hilfreich: rund um Hermannplatz und Sonnenallee in Neukölln, in Teilen von Mitte, Prenzlauer Berg und Schöneberg, sagt der Forscher. Umso unverständlicher für ihn, dass Orte wie der Gendarmenmarkt oder der ebenfalls vor einigen Jahren sanierte Alexanderplatz weitgehend ohne neues Grün geplant würden.
Und noch etwas: „Eine Million Bäume funktionieren nur mit ausreichend Wasser.“ Regenwasser müsse stärker zu Bäumen statt in die Kanalisation geleitet werden.
In der Realität fiel die Baum-Bilanz im vergangenen Jahr allerdings deutlich negativ aus: Knapp 3000 neuen Bäumen standen knapp 6000 gefällte gegenüber.
„Insgesamt eine Vier“
Ideen, die nicht bis zum Ende gedacht werden. Programme, die beschlossen, aber nur zögerlich umgesetzt werden. Für Creutzig sind das nur einige Punkte, die in der Berliner Klimapolitik schieflaufen.
Zu häufig stelle der Senat Parteiinteressen vor Sachpolitik. Im Verkehrsbereich zum Beispiel habe die rot-grün-rote Vorgängerregierung Jahre gebraucht, um Fachleute an die richtigen Stellen zu setzen und aufzubauen. Mit dem Regierungswechsel 2023 habe Schwarz-Rot das Rad im Wortsinn zurückgedreht.
Das sei der größte Fehler des amtierenden Senats. Welche Schulnote hat die Berliner Klimapolitik verdient? „Im Klimaanpassungs- und Gebäudebereich befriedigend, im Verkehr nicht ausreichend.“
Was bringt der nächste Senat in der Klimapolitik?
Für die Zeit nach der Wahl am 20. September erscheinen angesichts der Umfragen vor allem zwei Konstellationen möglich: eine Neuauflage der Koalition aus SPD, Linken und Grünen, die Berlin bereits zwischen 2016 und 2023 regiert hatte. Oder ein Bündnis von CDU, SPD und Grünen.
CDU und SPD wollen laut ihrer Wahlprogramme den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Bei Wärme und Energie setzt die CDU auf Dekarbonisierung und Ausbau der Fernwärme. Das Gasnetz will sie nicht stilllegen. Eine Solarpflicht lehnt sie ab und will das Berliner Solargesetz abschaffen.
Die Sozialdemokraten wollen Wärmepumpen und Geothermie fördern und dezentrale Wärmenetze ermöglichen. Linke und Grüne wollen Berlin bereits bis 2040 klimaneutral machen, die Grünen dafür das Gasnetz dafür perspektivisch stilllegen, die Linke Sektorbudgets für den CO₂ -Ausstoß einführen.
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Beim Verkehr verfolgen beispielsweise Grüne und CDU gegensätzliche Ziele: Auf der grünen Seite soll Straßenraum zugunsten von mehr Grün und Klimaanpassung weichen, während auf Unionsseite der Autoverkehr mehr Raum einnimmt. Die Linke strebt zum Beispiel höhere Parkgebühren für SUVs nach Pariser Vorbild an.
Beim Hitzeschutz überschlagen sich die potentiellen Regierungsparteien geradezu. Von begrünten Fassaden (CDU) über Miniparks (SPD) bis zur Entsiegelung von Flächen (Linke und Grüne) ist alles dabei. Und die Maßnahmen der Parteien überschneiden sich in diesem Feld besonders oft.
Angesichts der vielen gleich oder ähnlich formulierten Inhalte richtet Klimaforscher Creutzig den Blick eher auf die praktische Umsetzung. Es gehe darum, dass eine künftige Koalition dem Klimaschutz eine hohe Priorität einräumt.
Wenig Positives kann der Wissenschaftler dem AfD-Programm abgewinnen. Die Chancen der rechtspopulistischen Partei, in Berlin Teil der nächsten Regierung zu werden, liegen zwar bei nahe Null, weil keine der übrigen vier Größeren mit ihr koalieren will. Mit Umfragewerten um die 17 Prozent spricht sie dennoch einen erheblichen Teil der Wahlberechtigten an.
In ihrem Wahlprogramm stellt die AfD Klimaschutzausgaben grundsätzlich in Frage. Sie will das Berliner Klimaschutz- und Energiewendegesetz abschaffen und hält das Ziel, Berlin bis 2045 klimaneutral zu machen, für ein „ideologisches Prestigeprojekt ohne Einfluss auf das Weltklima“.
Die Folgen einer Kehrtwende à la AfD würden die Menschen in der Stadt unmittelbar spüren, sagt Creutzig, insbesondere beim Hitzeschutz. „Die Reichen werden sich ihre Klimaanlagen einbauen, und die anderen werden leiden und sterben und auch nicht mehr zur Arbeit kommen. Das sind alles gesamtgesellschaftliche Kosten.“
Tatsächlich beziffert eine Prognos-Studie für das Bundesarbeitsministerium die Kosten eines Hitzetages mit über 30 Grad für die Wirtschaft hierzulande mit 431 Millionen Euro. Zum Beispiel, weil Beschäftigte nicht so effizient arbeiten oder sogar ganz ausfallen.
Was wären die dringlichsten Maßnahmen?
Unabhängig davon, welche Parteien den kommenden Senat stellen, hält Creutzig drei Projekte für besonders wichtig.
Das wichtigste ist seiner Meinung nach eine emissionsfreie Innenstadt. Die Vision: In einer Umweltzone innerhalb des S-Bahnrings dürften ab 2035 ausschließlich Nullemissionsfahrzeuge, also E-Autos, fahren. Eine entsprechende Empfehlung hat der Berliner Klimaschutzrat, dem Creutzig angehört, bereits abgegeben.
Bei Wärme und Gebäuden müsse ein stärkerer Fokus auf Wärmepumpen und Geothermie liegen. Angesichts steigender Temperaturen müsse zudem passiver Hitzeschutz an Gebäuden zur Priorität werden.
Und noch etwas. „Hitzeschutz ist auch in denkmalgeschützten Gebäuden schon jetzt möglich - wenn ästhetische Belange berücksichtigt werden.“ Baumlose historische Plätze in zentraler Lage würden dann irgendwann der Vergangenheit angehören.