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Deutschlands Impfkönige

Warum impfen manche Kreise viel schneller als andere?

Wir haben für über 100 Landkreise abgefragt, wie viele Menschen dort schon geimpft wurden. Die Unterschiede sind gigantisch. Was machen die Impfkönige anders?
Wir haben für über 100 Landkreise abgefragt, wie viele Menschen dort schon geimpft wurden. Die Unterschiede sind gigantisch. Was machen die Impfkönige anders?
 

Im Nordwesten von Rheinland-Pfalz, im Landkreis Vulkaneifel, findet sich eine der höchsten Impfquoten der Bundesrepublik. Bis zum 6. Februar 2021 wurden dort rund 5237 Impfdosen verimpft, rein rechnerisch hätten so bereits rund acht Prozent der Einwohner*innen eine Impfdosis bekommen können.

Ein Blick in den Nordwesten Niedersachsens, in den Landkreis Leer, zeigt ein anderes Bild: Hier sind bisher 4411 (Stand 08.02.2021) Impfdosen verimpft worden. Damit hätten lediglich rund 2,6 Prozent der Menschen, die im Landkreis wohnen, eine Impfdosis erhalten können.

Die Entscheidung über die Verteilung der Impfstoffe an die einzelnen Stadt- und Landkreise treffen die Bundesländer selbst – allerdings ist der Bund Vertragspartner mit den Herstellern der Impfstoffe. Im ersten Schritt der Zuteilung lässt das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) die verfügbaren Impfdosen an die Logistikzentren in den Bundesländern liefern. Über die jeweils gelieferte Menge entscheidet dabei die Bevölkerungszahl der Länder. Also bekommt Bayern mehr Impfdosen als Berlin, denn dort leben viel mehr Menschen.

Auf Länderebene schlägt der volle Föderalismus zu. Neben dem Bevölkerungsanteil der einzelnen Landkreise gelten unterschiedliche Kriterien, nach denen die Impfdosen an die mobilen Impfteams und Impfzentren der Landkreise und Städte verteilt werden. Wie unterschiedlich die Bundesländer an die Impfstoff-Verteilung auf die Landkreise herangehen, wird unter anderem im Landkreis Vulkaneifel sichtbar: Bereits Mitte Dezember erstellte das Gesundheitsministerium von Rheinland-Pfalz anhand der Sieben-Tage-Inzidenz der Kreise eine Liste mit besonders schwer betroffenen Kreisen, die bei der Zuteilung bevorzugt werden sollte. Elf Landkreise und Städte wurden in diesem Verfahren ausgewählt. Diese konnten dann bereits am 27.12. mit den Impfungen beginnen. Andere Kreise mussten auf die zweite Lieferung des Impfstoffs warten.

Extreme lokale Unterschiede

Die folgende Karte zeigt, wie viele Impfdosen pro Bevölkerung in den Landkreisen schon vergeben wurden. Achtung: Es gibt nicht für alle Landkreise Daten zum Impffortschritt.

 
1
 
100
 
1.000
 
gemeldete Fälle
Fälle pro 100.000 Einwohner über

Im Landkreis Vulkaneifel lag die Inzidenz zu diesem Zeitpunkt deutlich über 100 Fällen pro 100.000 Einwohner*innen in sieben Tagen. Die Pressesprecherin des Landkreises spricht von „einem ursprünglich unglücklichen Umstand einer sehr hohen Inzidenz“, in ihrem Landkreis, weshalb man „entsprechend zeitlich früher anfangen konnte als die meisten anderen Gebietskörperschaften.“

Eine auffällig hohe Impfquote hat auch die Stadt Passau in Bayern. Auch dort liegt der Grund in einer besonderen Verteilungsstrategie der bayrischen Landesbehörden. Neben den üblichen Lieferungen nach Bevölkerungsanteil erhielten einige bayerische Städte und Landkreise einmalig „ein Sonderkontingent für Kliniken“, wie die Pressesprecherin der Stadt mitteilt. Diese Sonderkontingente für Kliniken wurden allen bayrischen Städten und Landkreisen mit Krankenhäusern mit 500 oder mehr Betten zugeteilt. Passau erhielt darüber zusätzlich zu der normalen Zuteilung Mitte Januar weitere 400 Impfdosen des Moderna-Impfstoffs.

Fünf oder sechs Dosen pro Flasche?

Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der sich stark auf die Impfquote von Kreisen auswirkt. Und dieser Aspekt hat gar nichts damit zu tun, wie viel Impfstoff die jeweilige Region bekommt – sondern wie sparsam sie damit umgeht: Die Lieferung erfolgt in „Injektionsfläschchen“, aus denen das Impfpersonal den Impfstoff in eine Spritze zieht. Je nach Dosierung können dabei, ohne Einfluss auf die Impfwirkung, fünf oder sechs Dosen pro Fläschchen entnommen werden. „Ohne Verluste“ werden beispielsweise im Impfzentrum des Landkreises Vulkaneifel sechs Dosen pro Fläschchen entnommen, weswegen „regelmäßig mehr Impfstoff verimpft werden kann als ursprünglich geplant“, so die Sprecherin.

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Im Impfzentrum des Landkreises Leer, das am 15. Februar in Betrieb genommen werden soll, ist aktuell noch nicht ganz klar, wie viele Impfdosen pro Fläschchen entnommen werden können. 195 Fläschen des Biontech/Pfizer-Impfstoffs stehen dort zum Start des Zentrums zur Verfügung, daraus sollen “mehr als 1000 Dosen” gewonnen werden. Bei maximal effizienter Ausnutzung der verfügbaren Impfstoff-Menge wären bis zu 1170 Impfdosen möglich.

Die maximale Ausnutzung der verfügbaren Impfkapazitäten scheint allerdings auch mit der Erfahrung der Helferinnen und Helfer in den Impfzentren zusammenzuhängen: Im Zentrum des Landkreises Vulkaneifel, das immer sechs Dosen pro Fläschchen gewinnt, wird bereits seit einigen Wochen geimpft. Die etwas weniger optimistische Ankündigung zum Impfzentrum des Landkreises Leer betrifft hingegen ein Impfzentrum, das erst noch in Betrieb genommen werden soll.

Der lokale Blindflug

Die Frage, welche Landkreise am meisten impfen, ist jedoch nur bruchstückhaft zu beantworten. Denn während die Bundesländer es inzwischen schaffen, regelmäßig anzugeben, wie viele Impfdosen bereits verabreicht wurden, herrscht in vielen Landkreisen noch völliges Chaos. Zentrale Daten dazu gibt es nicht. Also haben wir diese Informationen bei allen Webseiten der Kreise selbst recherchiert – zusammen mit dem KIT und Risklayer. Doch nicht alle äußern sich dazu.

Einige Kreise können auch auf Anfrage nicht sagen, wie viel sie überhaupt schon geimpft haben – oder sie spielen Behördenpingpong. So verweist der Landkreis Oberhavel aus Brandenburg beispielsweise auf Anfrage an die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB), die das dortige Impfzentrum betreibt. Man stelle diesem lediglich den Standort zur Verfügung. Auf Anfrage bei der KVBB heißt es jedoch, dass entsprechende Daten „aus Kapazitätsgründen“ derzeit nicht verfügbarsind. Außerdem würden die Impfungen durch die mobilen Impfteams sowieso unabhängig von der KVBB durchgeführt und daher nicht in deren Daten erfasst.

Während das BMG auf dem „Impfdashboard“ täglich neue Impfzahlen verkündet, sind Daten für die einzelnen deutschen Landkreise also weiterhin nur in Kleinstarbeit zu bekommen. Zentral abrufbar und flächendeckend sind diese Informationen nicht verfügbar. Wenn es in manchen Landkreisen also ernsthafte Probleme gibt, bekommt die Öffentlichkeit das im Zweifel gar nicht mit.

Stadt, Land, Lieferprobleme

Auch die Lieferprobleme, die medial und politisch bereits ausgiebig diskutiert wurden, haben Einfluss auf die Impfquote in Deutschland. Verschiedene Landkreise berichten auf Anfrage von Terminverschiebungen oder -absagen, weil schlicht nicht genug Impfdosen vorhanden waren. In Bochum spricht man gar vom vorübergehenden „Impfstoff-Lockdown“. Bei diesem Problem zeigen sich aber keine regionalen Unterschiede, alle Bundesländer und damit auch Landkreise sind anscheinend von Lieferengpässen betroffen.

Statt Termine abzusagen entschied die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung sich jedoch für einen anderen Weg: In der Hauptstadt wurden Impfdosen, die für die zweite Impfung bereits geliefert und eingefroren waren, aufgetaut und stattdessen für Erstimpfungen anderer Personen verwendet. Diese Taktik ist mit einem gewissen Risiko behaftet, weil für die zweite Impfdosis zwangsläufig weitere Lieferungen im vorgegebenen Zeitraum nötig sind. Geht sie allerdings auf, kann so die Impfquote deutlich verbessert werden.

Der Grund für die großen regionalen Unterschiede liegt also vor allem in den unterschiedlichen Zuteilungen der Impfdosen durch die Bundesländer. Im Gespräch mit den einzelnen Landkreisen und Städten fällt auf, dass selbst Gebiete mit auffällig guter Impfquote diese nicht als ihren eigenen Erfolg kommunizieren wollen. Das klingt bescheiden, könnte aber auch damit zu tun haben, dass es schlicht nicht in ihrer Hand liegt.

Die globale Perspektive

Trotz Behördenchaos und Blindflug: Im internationalen Vergleich geht es in Deutschland nach wie vor sehr zügig voran. Nicht zuletzt durch die Impfstoffeinkäufe der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten müssen weniger finanzstarke Länder noch Monate oder gar Jahre auf die Impfstofflieferungen warten. Die bestehenden EU-Verträge sichern der Union bereits jetzt 2,3 Milliarden Impfdosen für die 27 EU-Mitgliedstaaten – auch wenn deren Lieferung noch dauern könnte. Das WHO-Programm „Covax“ zum solidarischen Impfstoffkauf für ärmere Länder hat aktuell hingegen lediglich Verträge über 377 Millionen Impfdosen abgeschlossen. Sie sollen ab diesem Jahr an bis zu 145 interessierte Länder verteilt werden.

Die Autorinnen und Autoren

Yannik Achternbosch
Text & Recherche
David Meidinger
Datenvisualisierung
Julia Schneider
Aufmachergrafik
Veröffentlicht am 12. Februar 2021.