Ausflucht Warteschleife Wettlauf gegen die Zeit Über uns
Tagesspiegel
Geteiltes Leid
Eine Mutter flieht nach Deutschland, ihre Familie muss warten
2015 flieht Riham abo Staiti mit ihrer Familie aus Syrien in den Libanon.
Ihre Mutter Fteim hatte Morddrohungen erhalten. Weil die Lehrerin sich geweigert hatte, ihre Schule zu schließen.
Doch auch im Libanon wird die Mutter bedroht. Sie flieht alleine nach Deutschland. Die Familie wird sie nachholen. Das war ihr Plan.

Kapitel 1

Ausflucht

Die goldenen Vorhänge im Innern des Wohncontainers sind zugezogen, als würde die Familie abo Staiti nichts von draußen wissen wollen. Draußen, das ist das Flüchtlingscamp Nahr al-Bared im Norden des Libanons. Drinnen riecht es nach liegengebliebener Wäsche. Die Familie sitzt auf dem Teppich um einen Laptop: Der achtjährige Sohn, drei Schwestern, von denen zwei lautlos weinen, und der Vater starren auf den Bildschirm.

„Ich will Informationen über“, tippt Ahad abo Staiti in die Google-Suche. Sein Gesicht ist verzerrt, als hätte er Schmerzen. „Wie heißt das Wort?“, fragt er seine Frau, mit der er per Whatsapp telefoniert. „F-a-m-i-l-i-e-n-n-a-c-h-z-u-g“ diktiert Fteim Almousa.

Seit mehr als drei Jahren wartet die 49-Jährige in Karlsruhe darauf, ihre Angehörigen nachholen zu können. In diesem Sommer könnte das Versprechen endlich eingelöst werden. Am 1. August tritt eine Gesetzesnovelle in Kraft. Rund 100.000 Ehepartner und minderjährige Kinder könnten dann ihren Familien nach Deutschland folgen. Zwei Jahre zuvor hatte die Bundesregierung den Nachzug für Geflüchtete mit subsidiärem Schutz ausgesetzt.

Zu dieser Gruppe gehören Bürgerkriegsflüchtlinge, die keine persönliche Verfolgung nachweisen können, trotzdem aber vorübergehendes Bleiberecht bekommen. Ihre Aufenthaltserlaubnis ist beschränkt, bis sie in ihr Heimatland zurückkehren können. Für Betroffene wie Almousa bedeutet die Gesetzesänderung ein erneutes Hoffen. Denn die Zeit arbeitet gegen sie. Was sie lange nicht wusste.

Es wird bei vielen, gerade bei den syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen, einen Familiennachzug geben.
Bundespressekonferenz der Bundeskanzlerin 31.08.2015

Fteim Almousa ist Rektorin einer Gesamtschule in einem Viertel am Rande von Damaskus, das im Frühling 2015 von Regierungstruppen und Oppositionellen bombardiert wird. Sie bekommt Morddrohungen, weil sie sich weigert, die Schule zu schließen. Die Generation ihrer Kinder soll nicht ungebildet heranwachsen.

Wie sagt man einem Vierjährigen, dass man geht? Ahmed ist der Jüngste in der Familie.

Im Juli 2015 flieht die sechsköpfige Familie in den benachbarten Libanon. Als dort wenige Tage später Bewaffnete vor ihrem Wohncontainer nach ihr fragen, weiß Almousa, dass sie auch hier in Lebensgefahr ist. Die damals 47-Jährige erinnert sich an Angela Merkels Satz im Fernsehen: „Es gibt keine Obergrenze für Asyl.“

Drei Tage vor dem fünften Geburtstag ihres Sohnes Ahmed fällt sie eine pragmatische Entscheidung. „Todesreise“ sagt man in Syrien dazu. „Wohin gehst du?“, fragt Ahmed, als die Mutter ihn ungewöhnlich lange und fest drückt. Nur Geschenke besorgen, behauptet sie. Fteim Almousa und ihr Mann verabreden, dass sie vorgeht und hoffen, dass stimmt, was Bekannte aus Syrien erzählt haben. Es werde ein halbes Jahr dauern, dann würden sie einander wiedersehen. Wir müssen warten, tröstet Ahad abo Staiti immer wieder seine Kinder, bald hätten sie ein besseres Leben. Das bessere Leben kann er leicht erklären: eine gute Schule, ein Haus, vor allem Sicherheit. Warum das Warten so lange dauert, kann er nicht erklären.

Wir sind sicher. Wir sind nicht im Meer. Macht euch keine Sorgen
Die erste Nachricht Almousas aus Deutschland Oktober 2015

Am 10. November 2015 erreicht Almousa Mannheim. Der Himmel ist grau, voller Wolken, die Menschen sind freundlich. Es gibt Bananen, Brot und Wasser. Hauptsache, sie ist am Leben, so steht es in der ersten Whatsapp-Nachricht an ihre Familie.

Die Bundesregierung diskutiert zu dieser Zeit über 800 000 Asylsuchende, von mehr als einer Million wird später immer wieder die Rede sein. Die Fernsehbilder der überfüllten osteuropäischen Bahnhöfe zeigen zum Großteil alleinreisende Männer. Dass eine Frau wie Almousa ohne Verwandte flieht, ist untypisch. Doch das Geld reichte nicht für ihre ganze Familie.

Zur besseren Bewältigung der aktuellen Situation soll der Familiennachzug für Antragsteller mit subsidiärem Schutz für einen Zeitraum von zwei Jahren ausgesetzt werden.
Beschluss der Parteivorsitzenden der SPD, CDU und CSU 5. November 2015

Angela Merkel wird wegen ihres Satzes „Wir schaffen das“ in den folgenden Monaten hart angegangen. Am 5. November 2015 einigen sich SPD, CDU und CSU auf das Asylpaket II. Angesichts steigender Bewerberzahlen soll der Familiennachzug für Geflüchtete mit subsidiärem Schutz bis März ausgesetzt werden.

Es geht bis dahin um eine noch sehr kleine Personengruppe. Von Januar bis November 2015 bekamen nicht mal 60 Syrer diesen Status zugesprochen. Zu diesem Zeitpunkt erregt die Nachricht weniger Aufsehen als das angekündigte beschleunigte Asylverfahren.

Kurz danach wird der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit der Aussage zitiert: „Andere Staaten geben in solchen Lagen auch nur eine Sicherheit für eine begrenzte Zeit, und das werden wir in Zukunft mit den Syrern auch tun.“ Verschiedene Medien greifen den Satz auf. Deuten ihn so, dass die Union künftig mehr Syrer unter dem Status „subsidiärer Schutz“ einstufen – und so den Familiennachzug verwehren will.

Daraufhin verschickt das Bundesinnenministerium eine Pressemitteilung, dass eine entsprechende Änderung der Entscheidungspraxis des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nicht erfolgt sei. Noch nicht, wie sich später herausstellen wird.

Jetzt habe ich mein eigenes Bett. Mein Leben geht los
Fteim Almousa per Whatsapp an ihre Familie 15.11.2015

Im November 2015 kommt Fteim Almousa in eine Gemeinschaftsunterkunft in Mannheim: eine große Halle, 100 Betten, Zeltstoff als Trennwände. Während auf den Titelseiten das Thema Familiennachzug verhandelt wird, sitzt sie zwei Tage und Nächte auf einem Stuhl und weint. Sie weigert sich, zu schlafen. Die Betreuer ahnen, dass Almousa traumatisiert ist.

Was sie nicht wissen, ist, dass die Feldbetten in der Halle sie an die Tragen erinnern, mit denen sie die Toten in ihrem Viertel wegbrachten. Mit geschlossenen Fäusten läuft die Mutter durch die Gänge. Sie stellt sich vor, sie würde ihre zwei jüngsten Kinder rechts und links an den Händen halten. Nach ein paar Tagen bekommt sie ein eigenes Zimmer.

Die Einschränkung des Familiennachzugs mag hart erscheinen. Sie ist hart, einverstanden. Sie ist aber notwendig, um eine Überlastung der Aufnahmesysteme in unserem Land zu verhindern.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière 19.02.2016

Im Februar 2016 streiten sich die Fraktionen im Bundestag bei der ersten Lesung zum Asylpaket II. „Zynisch“ nennt Konstantin von Notz von den Grünen die Aussetzung des Familiennachzugs, SPD-Fraktionsvize Eva Högl dagegen eine „maßvolle Regelung“. Die Einschränkung des Nachzugs wäre mit internationalem Recht nicht vereinbar, heißt es aus dem Familienministerium. Das erste Mal ist die Rede von einer Härtefallklausel.

Ein humanitärer Härtefall, das treffe auf alle zu, betont Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion, der das Paket nicht nur unmoralisch, sondern auch unchristlich nennt. Das letzte Wort gehört der Union: Integration könne nur gelingen, wenn die Asylbewerberzahlen eingeschränkt werden. Im März 2016 tritt mit dem Asylpaket II die Aussetzung in Kraft.

Gib nicht auf!
Die älteste Tochter Riham zu Almousa 30.07.2016

In den folgenden Monaten ist Integration etwas, das Fteim Almousa täglich beschäftigt. Sie pflanzt Tomaten und Zucchini im Gartenverein, geht ins Frauencafé, zum Strickclub und hält Vorträge zum Thema Syrien. Sie lernt Frauen wie Birgit, Doris und Stefanie kennen. Sie nennen Almousa ihre Freundin, sie fühlt sich trotzdem vollkommen allein.

Almousa versucht, Deutsch mit ihnen zu sprechen. Während sie in den letzten Monaten auf einen Platz im Sprachkurs wartet, lernt sie mit einer App auf ihrem Smartphone. Sie sagt, sie fühle sich wie ein Orangenbaum, der aus seiner Erde herausgerissen wurde und sich mühsam an die neuen Bedingungen gewöhnen muss. An manchen Tagen glaubt sie einzugehen.

Ich bin stolz auf dich. Ich bin bei dir
Die Mutter an Riham am Tag von ihrem Schulabschluss 30.07.2016

Bis zu zehn Mal täglich telefoniert Almousa mit den anderen Familienmitgliedern im libanesischen Camp per Skype. Über den Bildschirm bringt sie ihren Kindern bei, wie man Hummus zubereitet, beobachtet ihre älteste Tochter Riham beim Erledigen der Hausaufgaben. Am 30. Juni, dem Tag der Zeugnisübergabe, schickt Riham der Mutter ein Video. Es zeigt die 16-Jährige in einem pinken Kleid. Vor zwei antik anmutenden Plastiksäulen und Glitzervorhängen überreicht ihr der Lehrer das Zeugnis, das Mädchen wendet sich ab.

Früher war sie Klassenbeste. Ihrer Mutter erzählt sie zwar, dass es ihr schwer falle, sich zu konzentrieren, nicht aber, dass sie Schlaftabletten nimmt. Seit Almousa fort ist, kümmert Riham sich um den Haushalt: kocht, wenn die jüngeren Geschwister von der Schule kommen, putzt, tröstet. „Ich brauche dich nicht“, sagt der sechsjährige Ahmed eines Tages zu seiner Schwester. Er gehe bald zu seiner richtigen Mutter. „Das wird noch sehr lange dauern“, antwortet Riham.

Niemand hat gesagt wir schaffen das mit links. Auch die Kanzlerin nicht. Es handelt sich bei der Integration so vieler Menschen um eine epochale Aufgabe.
Thomas de Maizière im Tagesspiegel-Interview 14.08.2016

Zur selben Zeit, im Sommer 2016, bekommen immer mehr Geflüchtete aus Syrien in Deutschland subsidiären Schutz. Waren es 2015 nur 0,1 Prozent aller Syrer, stieg der Anteil 2016 auf 16 Prozent. Pro Asyl kritisiert erneut, dass die Bundesregierung auf diesem Wege die Anzahl der Familiennachzügler senken will.

Aus dem BAMF heißt es, das Bundesinnenministerium habe die Behörde im März 2016 per Erlass angewiesen, jede Asylentscheidung wieder individuell zu treffen. Zuvor wurde der Status pauschal durch einen Fragebogen ermittelt. Mehr als 96 Prozent der Antragsteller bekamen so automatisch den Flüchtlingsstatus der Genfer Konventionen, drei Jahre Aufenthalt und das Recht, die Familie nachzuholen.

Jetzt brauchen wir ein Wunder vom Himmel
Fteim Almousa an ihre Familie 23.05.2017

Den 23. Mai 2017 nennt Fteim Almousa den schlimmsten Tag ihres Lebens. Nach mehr als einem Jahr hält sie den Bescheid des BAMF in der Hand: subsidiärer Schutzstatus. Noch einmal erinnert sich Almousa an die Anhörung. Der Mitarbeiter, der sie kein einziges Mal ansah und nur Deutsch sprach, der Übersetzer, ein Kurde, vor dem sie sich fürchtete. Er könnte zu einer der Gruppierungen gehören, von denen sie zuvor Morddrohungen bekommen hatte. Von all dem erwähnt Almousa bei der Anhörung nichts. Es liegt keine individuelle Verfolgung vor, schlussfolgert das BAMF in dem Schreiben.

Subsidiärer Schutz – das hört sich für Fteim Almousa in diesem Moment an wie gar kein Schutz. Sie kann ihre Familie nicht sehen. Mit dem Brief in der Hand wird Almousa schwarz vor Augen. Als sie in der Gemeinschaftsunterkunft ohnmächtig wird, fällt sie auf die Hüfte. Sie muss operiert werden. Es bleiben Narben. Die Angst auch.

„Komm zurück, Fteim“, fleht ihr Mann bei einem Telefonat am Abend. Sie antwortet: „Ich kann doch nicht, sie suchen nach mir, sie werden mich töten“. Gemeinsam mit einem Anwalt reicht sie am nächsten Tag Klage gegen das BAMF ein. Wenige Tage später diagnostiziert ein Psychologe bei ihr eine Depression. Immer häufiger telefoniert sie nun auch nachts mit ihrer Familie. Auf beiden Seiten des Bildschirms herrscht Schlaflosigkeit.

Mama, mir ist kalt, nimm mich in den Arm
Der Sohn Ahmed über Whatsapp an seine Mutter Januar 2018

Der Vater Ahad war Arzt in Damaskus. Nun kümmert er sich um die Kinder.
Es ist ein hartes Leben im Flüchtlingslager.
Der Ort nahe der syrischen Grenze ist nicht das Zuhause, dass der Vater sich für seine Kinder gewünscht hatte.
Und mit den Töchtern wird es langsam schwierig. Die Mutter fehlt.

Kapitel 2

Warteschleife

„Wir sitzen hier an einem der ungesundesten Orte der Welt“, sagt Fteim Almousas Ehemann über seine Seite, das Flüchtlingslager Nahr al-Bared. Ahad abo Staiti, lichtes Haar, zusammengezogene Stirnfalten, trägt seinen temporären Pass immer in der rechten Brusttasche. Täglich zeigt er das Papierdokument vor, wenn er den Aus- und Eingang des mit Stacheldraht abgezäunten Flüchtlingscamps passiert, um in der nächstgelegenen Stadt Tripoli nach Arbeit zu suchen.

Jobs für syrische Geflüchtete gibt es im Libanon wenige. Der Vater kann seine vier Kinder kaum versorgen. In Damaskus war er Arzt, berichtet er mit erhobenen Augenbrauen. Auch seine Töchter sollen irgendwann Medizin studieren.

Heute sind die Kinder seine Patienten: Das Wasser sei kontaminiert, sagt er. Es schmecke salzig und bitter. Müllberge neben Einschusslöchern, das ist nicht das Zuhause, das er seinen Kindern gewünscht hätte. „Die Mädchen sind empfindlich“, sagt der Vater. Er könne nicht damit umgehen, wenn sie weinen. „Ich bemühe mich, mich um Ahmed zu kümmern“, sagt er. Einmal habe der Achtjährige sich den Arm gebrochen, erzählt der Vater, es aber selbst gar nicht bemerkt.

Mama, geh da nicht hin, du siehst müde aus
Die Tochter Riham zu Almousa, als sie entschließt zur Demo nach Berlin zu fahren 27.01.2018

Es ist Januar 2018. Deutschland hat gerade die längsten Sondierungsverhandlungen seiner Geschichte hinter sich. Die geplante Jamaika-Koalition scheitert auch an der Streitfrage um den Familiennachzug. Als Reaktion auf die Koalitionsverhandlungen ruft das „Bündnis Familienleben für alle“ am 28. Januar zu einer Kundgebung vor dem Bundestag auf. Almousas Rücken schmerzt, als sie sich in den Nachtbus setzt. Elf Stunden fährt sie von Süddeutschland in die Hauptstadt, sie ist nervös. Draußen herrschen Minusgrade, Almousa kann kaum laufen, dafür schreien „wie ein Kerl“, so sagen es die anderen.

Auf einer Demo vor dem UN-Büro in Berlin macht Almousa ihrem Ärger Luft.

Die Demonstrierenden ziehen vor die deutsche Niederlassung der Vereinten Nationen. Schon am Haupteingang werden die knapp 50 Protestierenden abgepasst. Ein Mitarbeiter nimmt ihre Personalien auf. Warum ist unklar, aber Almousa ist erleichtert, die Vereinten Nationen kümmern sich, denkt sie. Am Abend schickt sie Riham die Videos der Kundgebung. Manchmal sei ihr Mann eifersüchtig, wenn er sie auf Bildern mit anderen Männern sehe. „Familie ist ein Menschenrecht“, erklärt sie ihrer Tochter.

(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
Artikel 6 Grundgesetz

Die Aussetzung des Familiennachzugs verstoße gegen das Grundgesetz, betont auch die Rechtsanwältin Adriana Kessler Anfang des Jahres. Die Geschäftsführerin der juristisch arbeitenden Menschenrechtsorganisation „Jumen“ hat gerade einen Fall abgeschlossen, der das erste Mal die Entscheidungsmacht einer Behörde anzweifelt. Fünf Richter des Berliner Verwaltungsgerichts sprachen ihrem Mandanten, einem 16-jährigen Syrer, zu, seine Familie nachholen zu können – und stellten damit das Kindeswohl und humanitäre Faktoren über die Aussetzung des Nachzugs. Dies sollte eigentlich in der 2016 beschlossenen Härtefallklausel geregelt werden. Nach einer Recherche der „Tagesschau“ Ende 2016 wurde die Ausnahmeregelung bis zu diesem Zeitpunkt jedoch in der Praxis nie umgesetzt.

Zur Frage, welche Kriterien einen Härtefall künftig ausmachen werden, möchte sich das Bundesministerium des Innern nicht konkret äußern. Nur eines: 2017 seien 66 Fälle registriert worden. Der humanitäre Notfall bleibe eine Ausnahme. Laut Auswärtigem Amt ist ein Härtefall gegeben, „wenn der Angehörige pflegebedürftig ist und die Betreuung nur durch die Verwandten in Deutschland geleistet werden kann“. Die meisten Fälle scheiterten schon bei der Schreibtischprüfung im Auswärtigen Amt, kritisiert Anwältin Kessler. Der Prozess sei intransparent.

Die Situation in Syrien ist immer noch gleich, nur die Einordnung ist anders.
Karim Alwasiti, Flüchtlingsrat Niedersachsen 09.11.2017


Die Verteilung der syrischen Geflüchteten Ende 2017.

Im Februar 2018 spricht Karim Alwasiti, Berater und Experte für Familienzusammenführung des Flüchtlingsrats Niedersachsen, das erste Mal mit Fteim Almousa. Täglich erreichen ihn Anrufe wie ihrer. Gleichzeitig einigt sich die Große Koalition auf einen Kompromiss: Ab August 2018 sollten 1000 Familienmitglieder pro Monat zu ihren geflohenen Angehörigen mit subsidiärem Schutz nachziehen. Parallel warten Angehörige bis zu 16 Monate auf einen Termin bei den deutschen Botschaften in Transitländern. Diese lange Wartezeit nennt Alwasiti ein gezieltes, politisches Instrument, um den Nachzug bestimmter Personengruppen gering zu halten.

Es sind zu viele. Die Botschaft ist nicht vorbereitet
Mohammed S., Shuttelfahrer von einem Beratungszentrum zur deutschen Botschaft 16.03.2018

In einem provisorischen Büro werden die Anträge abgearbeitet.

Die deutsche Botschaft in Beirut liegt 45 Minuten Autofahrt vom Zentrum entfernt in einer Wohngegend. Von hier fällt der Blick auf einen Gebirgskamm. Dahinter beginnt Syrien. Von Damaskus sind es gut 100 Kilometer zur deutschen Botschaft im Libanon. Viele kommen mit dem Taxi, um ein Visum zu beantragen.

200 Dollar zahlen sie für die Strecke. Oft vergeblich investiertes Geld. Seit Anfang des Jahres ist die Grenze mal offen, mal geschlossen. Bei guter Laune der libanesischen Grenzbeamten hätten an der Botschaft bis zu 150 Menschen gewartet, sagt ein Mitarbeiter vor der Botschaft.

Die Leute können die deutsche Botschaft gar nicht erreichen
Eleonora Servino, Pressesprecherin einer NGO 16.03.2018

Die deutsche Botschaft in Beirut.

Anfang Februar 2018 beschließt die Bundesregierung, den Familiennachzug für sechs weitere Monate auszusetzen. Für die Antragsteller heißt es auf der Homepage der deutschen Botschaft neben einem roten Ausrufezeichen, man solle mit dem Antrag bis August 2018 warten.

Ich bin entweder mit dir oder in einem Grab.
Riham schreibt ihrer Mutter das erste Mal, dass sie nicht mehr leben möchte, wenn sie 18 Jahre alt ist 08.03.2018

Für Riham naht ein folgenschwerer Tag: ihr 18. Geburtstag.
Ihre Schwester und ihr Bruder halten den Stress immer weniger aus.
Das Containerzimmer im Libanon wird zunehmend zur Sackgasse.
Wird die Familie es bald verlassen können?

Kapitel 3

Wettlauf gegen die Zeit

Immer wieder versucht Ahad abo Staiti, die deutsche Botschaft zu erreichen. Es ist ein warmer Tag im Flüchtlingscamp, trotzdem sind die Betonböden zwischen den Containern nass, als würde es ständig regnen, Wasser rinnt aus verrosteten Rohren. Zwischen den dunklen Gängen spielen Kinder Fußball, in Ahads Wohncontainer ist es vollkommen still. „Hier“, sagt er und fährt sich hektisch über den Oberlippenbart. Erstmals sieht er auf der Seite der deutschen Botschaft in Beirut arabische Schriftzeichen, die die Zukunft seiner Familie erklären könnten. Es macht ihn sauer, dass die Informationen auf der Homepage des BAMF nur auf Russisch, Türkisch, Deutsch und Englisch verfügbar sind.

Die Hände seiner Tochter Riham zittern, als sie durch die Texte scrollt. Mit der Volljährigkeit erlischt ihr „Anspruch auf die Eltern“, liest sie jetzt. Es ist März. Im Juni wird sie 18 Jahre alt. Erhält die Familie bis dahin keinen Visa-Bescheid, kommt die Gesetzesänderung für Riham zu spät. Was das für sie bedeutet, erzählt sie selbst:

Im Video erzählt die älteste Tochter Riham, warum sie Angst hat, alleine im Libanon bleiben zu müssen.

Auf dem Teppich sitzen Rihams Schwestern und schälen Kartoffeln. Rasha ist die Zweitälteste. Die 16-Jährige isst gegen ihre Traurigkeit an, sie hat zugenommen, seit ihre Mutter fort ist. Sie deutet mit einem Kopfnicken auf ihr Schälmesser. Schon einmal habe Riham versucht, sich damit die Pulsadern aufzuschneiden. Vor zwei Tagen, erzählt Rasha, klaute eine Gruppe junger Männer die Schlüssel zu ihrem Wohncontainer.

Normalerweise fühlten sie sich nur tagsüber unsicher, wenn der Vater Arbeit sucht. Nun schlafen sie auch nachts schlecht. Riham fürchte sich vor einem der jungen Männer, erklärt Rasha. Verlässt sie das Haus, läuft er ihr hinterher. Stalking sei hier normal für Frauen, die sich allein auf der Straße bewegen. Einmal gab es einen Übergriff, Riham schrie, aber niemand half.

In unserem Teil der Welt ist die Familie abhängiger voneinander
Annelle Saadeh, Ärzte ohne Grenzen 09.03.2018

Viele Frauen in Nahr al-Bared berichten von sexueller Belästigung.

„Junge, unverheiratete Frauen im Nahen Osten sind ohne Angehörige verloren“, sagt Anaelle Saadeh, Psychologin bei der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Immer wieder seien sie im Libanon Opfer von sexualisierter Gewalt und Schikane. Eine Anlaufstelle gebe es so wenig wie Sicherheitspersonal in Flüchtlingscamps, sagt die Psychologin. Sie ist gerade zurück von einem Einsatz an der syrischen Grenze.

Rund die Hälfte der Wartenden vor ihrem Büro kämen direkt aus dem Kriegsgebiet: „Eigentlich bräuchte jeder hier einen Psychologen.“ Viele klagen über scheinbare Lappalien: Kopf- und Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Schlaflosigkeit, erklärt sie. Indikatoren einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Bleibt das Grundbedürfnis nach Sicherheit über Monate oder Jahre unerfüllt, wird auch das Trauma chronisch, sagt die Psychologin.

Mama, denkst du auch daran, deine Tabletten zu nehmen?
Riham an ihre Mutter 18.04.2018

Im Frühling 2018 zieht Almousa in eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Vorort von Karlsruhe. „Fteim, vergiss deinen Arztbesuch nicht“, schreibt eine Ehrenamtliche per Whatsapp. Während sie Miluchia kocht, ein Reisgericht aus ihrer Heimat, lehnt an einer Küchenrolle aufrecht ihr Smartphone. Sie sei in letzter Zeit zu vergesslich. Als eine Nachricht von ihrer Tochter aufleuchtet, bricht sie in Tränen aus, wischt sich mit dem zerknüllten Taschentuch, das sie ständig in der Hand hat, über die Augen. Riham kommt gerade von der Schule, erzählt von ihrem Tag. Almousa lauscht. Plötzlich stinkt es verbrannt. Sie hat das Essen auf dem Herd vergessen.

Du bist eine Lügnerin.
Sohn Ahmed am Muttertag an Almousa 12.05.2018

Im Camp im Libanon malt Ahmed Bilder von sich und seiner Mutter.

Im April 2018 scheint die Familienzusammenführung, die Almousa so lange ihrem Mann und Kindern versprach, unmöglich. Könnte sie ihre Notlage bestätigen, könnte alles schneller gehen, hört sie von anderen Betroffenen. Sie kennt die Härtefallklausel, ist sich aber unsicher, wie sie ihre Not attestieren lassen soll. Über Verwandte in Damaskus versucht sie ein früheres psychologisches Attest für ihre älteste Tochter zu finden.

Für das Amt lernt sie Begriffe wie Suizidgedanken, Einnässen, Fettleibigkeit, wenn sie über ihre Kinder spricht. Verwirrung, Trauma, Schlaflosigkeit, wenn sie über sich reden muss. Im Regal steht neben dem AOK-Ordner und dem Koran eine nicht abgeschickte Bewerbungsmappe für eine Stelle als Bibliothekarin. Almousa befürchtet: „Sie mögen hier keine Frau mit Kopftuch.“

Die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis zum Zwecke des Familiennachzugs kann versagt werden, wenn derjenige, zu dem der Familiennachzug stattfindet, für den Unterhalt von anderen Familienangehörigen oder anderen Haushaltsangehörigen auf Leistungen nach dem Zweiten oder Zwölften Sozialgesetzbuch angewiesen ist.
Seite 6 des Referentenentwurfs zur Neuregelung des Familiennachzugs 04.06.2018

Anfang April veröffentlicht Pro Asyl vorab den Referentenentwurf zum neuen Gesetz. Das eigentlich interne Dokument passiert gerade die Ministerien zur Ressortabstimmung. Der Gesetzentwurf stößt bei der Opposition auf Kritik. Zu diesem Zeitpunkt könne die Klausel so interpretiert werden, als könnte Geflüchteten, die Hartz IV beziehen, der Familiennachzug verwehrt werden, sagt eine Mitarbeiterin von Pro Asyl.

Einen Tag später habe das Bundesinnenministerium die „Erstreaktion zurückgepfiffen“. In einer E-Mail an Pro Asyl korrigiert ein Pressesprecher des Ministeriums: Die Neuregelung sehe keinen Ausschluss von subsidiär Schutzberechtigten vor, die Hartz IV beziehen. Und doch, befürchtet die rechtspolitische Referentin bei Pro Asyl, würden für das ohnehin knappe Kontingent von 1000 Personen pro Monat in der Praxis Geflüchtete, die keine Sozialleistungen beziehen, bevorzugt werden.

Guten Morgen, meine liebe Riham. Ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag. Ich hoffe wir sehen uns nochmal wieder
Almousa zu Riham zu deren 18. Geburtstag 09.06.2018

Zwei Tage später, am 9. Juni ist Rihams 18. Geburtstag. In Syrien wäre der Tag ihrer Volljährigkeit ein festlicher gewesen: Bis zu 100 Angehörige hätten mit ihr gefeiert. Im Flüchtlingscamp Nahr al-Bared gibt es nur ein kleines Fest. Almousa hatte Freundinnen im Libanon gebeten, sich um ihre Tochter zu kümmern. Sie bringen Geschenke. Der Tisch ist gedeckt mit Papierblumen und Süßigkeiten. Aber mit ihr gefeiert habe keiner, erzählt Riham ihrer Mutter abends am Telefon. Auf ihrer Facebook-Pinnwand stehen neben Gratulationen traurige Smileys.

Vor ein paar Jahren hätte für sie die Volljährigkeit bedeutet, dass sie endlich hätte Medizin studieren können, einen eigenen Reisepass hätte. Der Vater versprach ihr sogar ein Pferd.

Die Begrenzung des Nachzugs Angehöriger der Kernfamilie zu subsidiär Schutzberechtigten nach § 36a des Aufenthaltsgesetzes ist so bemessen, dass die Integration gelingen kann und die Aufnahmesysteme der staatlichen Institutionen die Aufnahme und Integration bewältigen können.
Aus dem Gesetzesentwurf 04.06.2018

Am 15. Juni votiert der Bundestag mit 370 Ja-Stimmen bei 279 Gegenstimmen für den neuen Gesetzesentwurf. 155 neue Stellen möchte die Bundesregierung schaffen, um den behördlichen Aufwand zu stemmen. Das Auswärtige Amt, die Ausländerbehörde und das Bundesverwaltungsamt werden über die 1000 Visa pro Monat entscheiden.

Während im Bundestag über die Neuregelung diskutiert wird, inszeniert das „Bündnis Familienleben für alle“ ein Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel vor dem Bundestagsgebäude. Nur noch ein paar Personen halten Transparente vor zwei schallenden Lautsprecherboxen. Es scheint, als hätten sie noch einmal lauter gedreht, während andere aufgegeben haben. Fteim Almousa kann nicht dabei sein. Seit ein paar Tagen hat sie einen Mini-Job, sortiert Obst und Gemüse, die Arme zittern, wenn sie die Ware in die Regale stapelt. Beim Jobcenter hört Almousa, die Arbeit könne ihre Chancen steigern, dass ihre Familie ab August unter den 1000 Nachzüglern pro Monat sein könnte.

Nur noch wenige kommen zur Demo gegen die Neureglung des Familiennachzugs. Foto: Esam Nakrash

In dieser Zeit rechnet Almousa viel: 27.000 Geflüchtete wie sie warten auf eine Entscheidung, ob sie ihre Familien nachziehen lassen können. Mehr als zwei Jahre könnte es also noch dauern bis Almousas Wunsch erhört wird. Ihre zweitälteste Tochter Rasha ist 16. Auch sie könnte vorher volljährig werden. Und würde dann, so wie ihre Schwester, womöglich von ihrer Familie im Libanon zurückgelassen werden. Der nächste Wettlauf gegen die Zeit.

Die Familie abo Staiti hat einige Bekannte, die nach langem Warten aufgegeben haben, zurückgekehrt sind in ein Transit- oder das Heimatland, um ihre Angehörigen wieder bei sich zu haben. Offiziell sind seit Jahresbeginn nur 14 Syrer über das Programm für freiwillige Rückkehrer der Bundesregierung ausgereist.

Fteim Almousa erzählt, wie es sich anfühlt, zwischen den Welten zu leben.

Fteim Almousa geht so vor wie 2015, als sie Angela Merkels Worten glaubte – nach dem Ausschlussprinzip. Zurück in das Heimatland? Zu gefährlich. Vor Gericht ziehen? Aussichtslos. So krank sein, dass die Härtefallklausel greift? Dafür reicht es nicht.

Die einzige Möglichkeit, die sie sieht, lässt Almousa ihre Hände zu Fäuste ballen. „Sie sagten mir, nur wenn ich mich integriere und arbeite, kann ich meine Familie herbringen.“ Drei Jahre habe sie verloren, in denen sie ihre Kinder nicht aufwachsen sehen konnte. Sie möchte sich weiter anstrengen, um die Jahre schnell nachzuholen.

„Wenn sie endlich hier sind, will ich ihnen beibringen, wie man sich durchkämpft.“

Das habe sie in Deutschland gelernt.